Neustadt Der „allerschönste Ort“

Wenn es geregnet hat, dann ist alles ein bisschen verändert. Dann glänzen die Blätter der Buchen, der Eichen und Nussbäume. Dann duftet die Erde. Dann ist der Weg hinauf zu den Terrassen, zum Baumhaus, zur Kochstelle, zum Werkzeugschuppen ganz verwaschen. Und es gibt Stellen mit Spuren. Spuren, die die Kinder kennen, und die sie trotzdem neugierig machen. Haben die Schwarzkittel hier mit ihrer Schnauze gewühlt? Oder sind es doch Abdrücke ihrer Hufe? „Die Kinder erschrecken nicht“, sagt Sonja Linzenmeyer. „Sie wissen, dass die Wildschweine schon lange vor ihnen da waren, dass sie selbst quasi Gäste auf dem Gelände sind, die von den Tieren toleriert werden.“ Ihre Spuren zu erforschen, Fragen zu stellen und zu staunen, dafür haben Kinder auf dem Waldgrundstück unter der Wolfsburg Zeit. Und noch für viel mehr: Sie können durch Gebüsche krabbeln, in Dreck und Matsch spielen, damit bauen und kochen. Sie können ein Baumhaus, eine Höhle oder ein Zelt errichten. „Die Kinder erschaffen ihren eigenen Spielraum und entscheiden selbst, womit sie ihre Zeit verbringen“, sagt die gelernte Erzieherin Linzenmeyer, die die „Naturgruppe am Sonnenhang“ im Schöntal leitet, seit diese im Herbst 1989 gegründet wurde. Die beiden Mitarbeiterinnen, die sonst die Kinder begleiten und wie Linzenmeyer oft nur im Hintergrund beobachten, sind krank und so wird die 59-Jährige an diesem Nachmittag ausnahmsweise von ihrem Ehemann Martin unterstützt. Anna (7), Karl (9), Finn (7), Jonathan (8) und Markus (3) umringen den großen, breitschultrigen Mann, bitten ihn mitzukommen. Mit ihnen nochmals zu jener Terrasse zu laufen, wo an einer Stelle der Hang ein wenig abgerutscht ist, wo ganz in der Nähe einst Pfadfinder ihr Lager aufgeschlagen hatten, und sie vor einer Woche erst eine Höhle entdeckt haben. Ob dort ein Tier wohnt? Ob etwas versteckt wurde, oder es ein Geheimnis gibt? Finn hat extra seine Stirnlampe mitgebracht. Geübt drängen die Kinder Brombeerranken zur Seite, stören sich nicht an Brennnesseln. Nur den gefleckten Schierling will Jonathan nicht berühren. Längst weiß er, dass die krautige Pflanze mit den zarten, weißen Blüten giftig ist. Dafür probiert er später von den Früchten des Mirabellenbaums. In der kleinen Höhle angekommen, in der kaum alle Kinder auf einmal Platz finden, kratzt Finn eifrig zwischen den Steinen. Leuchtet die Ritzen aus und glaubt, etwas entdeckt zu haben. Anna wird es mulmig, sie tummelt sich lieber auf dem Plateau, bleibt wie ihr Bruder Karl lieber in der Nähe von Martin Linzenmeyer. Karl, der am liebsten Raumschiffe aus Holz baut und für den das Baumhaus am Sonnenhang „der allerschönste Ort“ ist, kauert am Boden und stochert mit einem Stock in der regenweichen Erde. „In der Fantasie“, sagt der Neunjährige, „da können wir doch alles.“ Schon als Sonja Linzenmeyer noch als Erzieherin in einem herkömmlichen Kindergarten arbeitete, konnte sie beobachten, wie sehr sich Kinder veränderten, sobald sie sich im Freien, in der Natur bewegten. Als sie dann Jahre später zum ersten Mal das Gelände unterhalb der Wolfsburg betrat, wusste sie, wie ideal dieses Terrain passte, um Kindern genau diesen besonderen „Spielraum“ anzubieten – ihnen Zeit zum Staunen zu geben. „Kinder brauchen Zeit, um sich wirklich einzulassen“ erklärt Linzenmeyer, die vor zwei Jahren eine Weiterbildung in Wildnis-Pädagogik absolvierte. „Im Staunen erfassen die Kinder die Dinge mit Gefühl und lernen so auf sehr intensive Weise.“ Viele Kinder bleiben der Naturgruppe über Jahre treu. Sind sie anfangs noch die Kleinen, gehören sie später zu den Großen. Und so werden in der altersgemischten Gruppe mit Drei- bis Zehnjährigen auch soziale Kompetenzen geschult. „Sie lernen sensibel zu sein“, sagt Linzenmeyer, „nämlich das kleinste Tier und auch einander zu achten.“ Für die Nachmittage am Sonnenhang macht die Pädagogin keinen Plan. Sie will die Freiheit haben, sich auf das einzulassen, was da ist, was die Kinder sehen. „Kinder haben ihre eigene Ordnung. Sie lieben das anregende Unstrukturierte, Spielräume, die nicht für sie hergerichtet wurden.“