Neustadt Den Ton zwischen den Fingern spüren

Lange unbeachtet liegen gebliebene Tonasche aus Dänemark sorgt bei Lotte Reimers neuen Werken wie hier der Hochform „Keltenfürst
Lange unbeachtet liegen gebliebene Tonasche aus Dänemark sorgt bei Lotte Reimers neuen Werken wie hier der Hochform »Keltenfürst« für erstaunliche Farbnuancen.

«Deidesheim». Lotte Reimers hat ein turbulentes Halbjahr hinter sich. Umso glücklicher ist die Keramikerin, dass sie nun – „wie immer“ – im September ihre neuen Kreationen in ihrem Atelier in Deidesheim präsentieren kann. Die „Werkschau 2017“ startet am Samstag, fällt allerdings diesmal etwas kleiner aus als in den vergangenen Jahren.

Zu ihrem 85. Geburtstag und den dabei erfolgten Ehrungen in der Villa Ludwigshöhe in Edenkoben im April – unter anderem erhielt sie den Ehrenpreis der „Ike und Berthold Roland-Stiftung“ – war sie gerade wieder fit geworden, nachdem sie zu Beginn des Jahres mehrere Aufenthalte im Krankenhaus über sich ergehen lassen musste. Daher kann sie jetzt auch nur rund die Hälfte der sonst üblicherweise in der Herbstschau präsentierten 100 Objekte vorweisen. „Zum Glück hatte ich in den Wintermonaten zuvor schon wie eine Wilde gearbeitet. Daher konnte ich, als ich schließlich mit alten und neuen Gesundheitsschäden pausieren musste, relativ gelassen bleiben“, erzählt sie. Über ihre körperlichen Einschränkungen spricht sie nur ungern, sie sieht ihre Kräfte „so schnell schwinden“ und will dennoch den Ton zwischen den Fingern spüren und mit festem Druck bearbeiten. Auch jetzt, kurz vor der Herbstschau, spürt sie diese Unruhe. Denn noch habe sie keinen einzigen Rohling für das kommende Jahr, also für die nächste Kollektion 2018 fertiggestellt. Die aktuelle Präsentation von 47 neuen Objekten ist überwiegend im Spätjahr 2016 und dem Winter entstanden. Dann durften die Stücke trocknen, bis im zweiten Arbeitsgang das wirkliche Abenteuer begann. Denn die Glasuren sind schließlich das Herzstück ihrer Schöpfungen, auch wenn sie wie immer sehr variantenreich an den Objekten gearbeitet hat. Bevor sie sich an die Glasur machte, ging es zunächst ans Aufräumen. „Ich habe immer einen Horror vor dem Neubeginn, dann sorge ich zuerst für Ordnung im Atelier“, erzählt Reimers. Das sollte sich als Glücksfall entpuppen. Denn so fielen ihr vier alte Gläser mit fast vergessenen Aschen aus Dänemark in die Hand. Weißdorn, Ulme, Gerste und Torf ergaben schließlich völlig neue Schattierungen. Zunächst probierte sie die Glasuren vorsichtig auf kleineren Werken aus, um die Wirkung zu testen und zu sehen, was aus dem Brennofen kommt. Der übrigens mit neuen Heizdrähten versehen wurde und jetzt generalüberholt für ein schnelleres Brennen sorgt. Die dänische Weißdornasche beispielsweise reagierte mit einer bestimmten Tonart zu einem tiefen Rostrot. Dabei hinterlässt ein körniger Ton auch seine dunklen Sprengel auf manchen Gefäßen. Mit dem Holzende eines Pinsels betupft, entstehen auf anderen Objekten kleine Einbuchtungen. Das Titelbild des Werkschau-Katalogs ziert ein über fünf Kilogramm schweres Objekt, auf dem die Glasur im Übergang zum Ton wie mit dem Pinsel gezeichnet einen roten Rand hinterlässt. Gleichzeitig schimmert der Ton, dort wo er mit der Apfelbaumasche in Berührung kam, wie vergoldet. Immer wieder tauchen Terrassen auf, eine Form, die bei Reimers nicht unbedingt von Beginn an geplant ist. Sie habe zwar ihre Pläne im Kopf, doch sie seien nie genau festgelegt, die Form entwickle sich erst während der Arbeit, verrät sie. Häufig baut sie jetzt asymmetrische Sockel oder Figuren, und bringt so immer noch frischen Wind in die Kollektion. Zur aktuellen Ausstellung gibt es wie jedes Jahr einen Katalog. Die Objekte wurden wieder von dem Neustadter Fotografen Ralf Ziegler abgelichtet, das Layout haben das Neustadter Grafiker-Ehepaar Peer und Stefanie Ziegler übernommen. „Neu ist, dass wir diesmal eine Stunde weniger am Tag geöffnet haben“, weist Reimers hin. Denn sie merkt, dass ihre Kräfte weise einteilen muss, damit sie für die Sammler auch 2018 noch ihre Kreationen herstellen kann. Am Ende des Werkstattbesuchs strahlt die Grande Dame der Keramik große Dankbarkeit und Zufriedenheit aus. Denn sie ist sich bewusst, dass sie mit viel Erfolg einer besonderen Berufung nachgehen darf. Ihr Händedruck zum Abschied ist fest. Ganz klar, dass sie mit diesen Händen bald wieder die Tonbrocken zu wertvollen Objekten formen wird. Die Ausstellung Lotte Reimers Werkschau 2017 wird am Samstag, 2. September, um 16 Uhr im Atelier in der Stadtmauergasse 17 in Deidesheim eröffnet und ist bis 24. September täglich von 14 bis 17 Uhr zu besichtigen.

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