Freinsheim
Das Programm der Literarischen Lese
Projektleiterin Waltraud Amberger war dabei, als die Literarische Lese aus der Taufe gehoben wurde. Initiator war der Schriftsteller Hasan Özdemir, der seit 2009 in Freinsheim lebt und dort in seinem Literaturm neue Gedichte und Stücke verfasst. Für den Lyriker ist Freinsheim „ein Ort voller Poesie“, weshalb er diesen mit der Literarischen Lese würdigen wollte. Aus seiner Idee ist mittlerweile eine Erfolgsgeschichte geworden, die vom Kulturverein der Verbandsgemeinde Freinsheim betreut wird.
Seit über 15 Jahren steht die Literatur im Mai in Freinsheim zwei Wochen lang im Mittelpunkt. Das Programm ist kontinuierlich gewachsen, ebenso wie die Fangemeinde. „Freinsheim hat so viele Orte, an denen man Kultur zum Leben erwecken kann“, sagt Amberger und erklärt damit sogleich den Charme der Literarischen Lese. Während die Literaturwissenschaftlerin ihre beliebten Literarischen Spaziergänge nicht mehr anbieten kann, lädt Hasan Özdemir zu seiner „Poetischen Weinbergwanderung“ ein, auf der er Gedichte und neue Texte präsentieren wird. Auf dem „Musikantenbuckel“ begrüßt Björn Hayer, Leiter des Künstlerhauses Edenkoben, den Stipendiaten Marcus Braun, der seinen gerade entstehenden Roman mit dem Arbeitstitel „Sonja“ vorstellt.
Zwischen Zukunft und Vergangenheit
Bei der Eröffnung am 9. Mai nimmt Amberger die Besucher mit auf einen literarischen Streifzug und berichtet, wie das Motto „Zeitreisen“ als Reaktion auf das Kultursommer-Motto „Forever Young?“ entstand und welche erstaunlichen Gemeinsamkeiten die drei doch sehr unterschiedlichen Romane der Lese haben. So reist Mithu Sanyal am Freitag, 23. Mai, im Von-Busch-Hof mit „Antichristie“ zurück ins Jahr 1906. Die Handlung des im vergangenen Jahr erschienenen Romans wechselt nicht nur zwischen den Zeiten, sondern auch zwischen den Welten und verblüfft mit einer vielschichtigen Erzählstruktur, die historische, politische und popkulturelle Themen miteinander verschmelzen lässt. Ihre Hauptfigur Durga, Tochter eines Inders und einer Deutschen, arbeitet mit einem Filmteam an einer postkolonialen, antirassistischen Neuverfilmung von Agatha-Christie-Krimis, als die Queen stirbt. Plötzlich findet sie sich im Jahr 1906 wieder, und zwar als Mann. Sanyal behandelt somit nach dem gelobten Debüt „Identitti“ erneut Feminismus, Rassismus, Popkultur und Postkolonialismus.
Literarische Virtuosität und frisches Denken
Eine Zeitreise unternimmt auch Franz Friedrich in seinem Roman „Die Passagierin“, in dem sich Menschen aus verschiedenen Zeitaltern in einem Sanatorium auf die Zukunft vorbereiten. Am Mittwoch, 14. Mai, erfahren die Besucher im Von-Busch-Hof, wie sich die Verfasstheit einer Epoche in Biografien einschreibt. Erinnerungen der Romanfiguren verweisen auf Potenziale historischer Ereignisse und rücken gleichzeitig die Gegenwart und mögliche Zukunftsentwürfe ins Zentrum.
Mit Ilija Trojanow kommt ein sehr bekannter Autor am Samstag, 17. Mai, in den Von-Busch-Hof, wo er „Tausend und ein Morgen“ vorstellt. Ein Buch, dessen Protagonistin Cya auf überraschende Zeitreisen geht und unerschrocken fremde Welten betritt. Trojanow verbindet in seinem modernen Epos literarische Virtuosität und kritisches Denken und wagt einen frischen Blick in die Zukunft. „Es war total spannend, diese drei Bücher parallel zu lesen und das Programm der Lese zu konzipieren“, sagt Amberger. „Ich bin auf alle Programmpunkte sehr gespannt.“
Einladung zum Mitmachen an alle Freinsheimer
Es freut die Projektleiterin besonders, dass auch die örtliche Bevölkerung Bestandteil der Lese ist. So werden die Kleinsten mittlerweile seit vier Jahren an die Kultur herangeführt, indem sich Vorschulkinder eine Woche dem Motto widmen und ihre Geschichte beim Abschlussfest am 25. Mai vorstellen. „Tanja Mahn-Bertha hat mit Kindern der Kita Weisenheim am Berg Ideen und Träume gesammelt und daraus eine Geschichte gestrickt. Ich bin immer wieder vom Mut der Kinder fasziniert, die voller Energie und Kreativität stecken und sich freuen, ihre Geschichte dem Publikum vorzutragen“, sagt Amberger. Schon am 21. Mai sind Freinsheimer aufgefordert, ihre persönlichen Geschichten beizusteuern, denn bei „Die Welt meines Dorfes“ steht das Jungsein in Freinsheim in verschiedenen Epochen im Fokus. „Wir lassen schriftliche und mündliche Überlieferungen lebendig werden und blicken auch auf heute“, verrät Amberger. Mit Spannung blickt sie auch schon auf die Vorbereitungen zur Literarischen Lese 2026 – und das Kultursommer-Motto „Goldene 20er-Jahre“.
Im Netz
https://literarische-lese-freinsheim.de
Zur Sache: Das Programm
- Freitag, 9. Mai, 18 Uhr: Eröffnung, ab 19 Uhr Erzählperformance von Ragnhild A. Mørch, die magische Märchen mit wenig alltäglichen Anekdoten kombiniert.
- Samstag, 10. Mai, 15 Uhr: Vernissage zur Ausstellung „Zeitreisen“ im Seconds Concept Culture, Bahnhofstraße 13a. Die VG Freinsheim präsentiert Bilder aus der Stiftung Dr. Heinrich Weiler.
- Sonntag, 11. Mai, 10 bis 17 Uhr: Schreibwerkstatt mit Selene Mariani und Ragnhild A. Mørch (Anmeldung erforderlich)
- Mittwoch, 14. Mai, 19 Uhr: Franz Friedrich, „Die Passagierin“
- Samstag, 17. Mai, 19 Uhr: Ilija Trojanow, „Tausend und ein Morgen“
- Sonntag, 18. Mai, 14 Uhr: Poetische Weinbergwanderung mit Lesung, Treffpunkt Hof im Retzeranwesen
- Dienstag, 20. Mai, 18 Uhr: Kulinarischer Auftakt zum Film „Fenster zum Sommer“ (20 Uhr)
- Mittwoch, 21. Mai, 19 Uhr: Geschichten von Freinsheim
- Freitag, 23. Mai, 19 Uhr: Mithu Sanyal, „Antichristie“
- Sonntag, 25. Mai: Literaturfest 2025 im Park des Retzeranwesens. Um 11 Uhr zeigt das L’Una Kindertheater„Das Elfenwunder oder: Bei einer Zwölfe schlägt“s dreizehn“. 13-16.30 Uhr: Literaturbühne im Park