Neustadt „Das ist nicht ohne“

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Mehrere Wochen war der arabisch sprechende Südpfälzer Harun F.* als Sprachmittler auf einer Fregatte der Bundesmarine im Mittelmeer unterwegs. Bei der Mission Eunavfor Med beteiligt sich Deutschland mit vier Schiffen an der Seenotrettung von Menschen, die versuchen, von Nordafrika übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Seinen Namen möchte der Mann lieber nicht in der Zeitung lesen. Wegen der Sensibilität des Flüchtlingsthemas sei das Verteidigungsministerium penibel, was die unautorisierte Weitergabe von Informationen über den Einsatz angehe. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den ersten Kontakt mit den Menschen aufzunehmen, primär Schwarzafrikanern aus Somalia und Eritrea, die sich auf meist überfüllten Booten drängten. „Sobald wir ein Schiff gesichtet hatten, fuhren wir mit unseren Speedbooten hin. Ich habe die Menschen dann angesprochen, ob sie sich in einer Notlage befinden“, berichtet er. Das Wichtigste sei, die Menschen zu beruhigen. „Die sind panisch.“ Oft befänden sich bis zu 300 Leute auf einem kleinen Schlauchboot. Der Südpfälzer habe zunächst erklärt: „Wir sind die deutsche Marine.“ Dann habe er nach dem Woher und Wohin gefragt. Anschließend würden die Menschen nach und nach aufs Schiff gebracht, medizinisch erstversorgt und an Land abgesetzt. Nach der Aufnahme der Leute würden die Boote als Seefahrtshindernisse in Brand gesetzt, so F. Im beschriebenen Fall, als sich die Menschen mit unbändiger Kraft ans Schlauchboot krallten, hatten diese selbst die Ummantelung ihres Boots und die Benzinkanister durchlöchert. „Sie dachten wohl, wir nehmen sie dann schneller an Bord. Unser Boot konnte so viele Menschen auf einmal aber gar nicht aufnehmen.“ Die Soldaten behalfen sich zunächst damit, die Leute mit Schwimmwesten auszurüsten. „Doch auf dem Wasser stand überall Benzin, das brennt natürlich auf der Haut und in den Augen.“ Die Folge: Panik. Die nach Europa Drängenden würden von Schleppern lediglich mit einem Kompass (der Weg führt stracks nach Norden, zum Beispiel nach Catania auf Sizilien) und einem Satellitentelefon ausgerüstet, in das die Seenotrufnummer von Frontex, der europäischen Grenzschutzagentur, einprogrammiert ist. Warum lässt sich jemand auf die Fahrt auf einem solchen Seelenverkäufer ein? „Ihr Leid ist größer als ihre Angst“, ist F. überzeugt. Jedoch sei nicht jede Überfahrt dramatisch. Er zeigt Bilder vom grünlich schimmernden Mittelmeer, das im Sommer eine Wassertemperatur von fast 30 Grad habe. Die Überfahrt von Küste zu Küste dauere 15 Stunden. Oft würden die Menschen schon nach vier oder fünf Stunden von Helfern aufgenommen. Ertrunkene hat sein Schiff keine bergen müssen. „Zum Glück“, sagt F. Auch Schlepper habe er nicht zu Gesicht bekommen, obwohl deren Bekämpfung eigentlich auch zum Auftrag gehört. „Aber die können in der Menge ja auch untertauchen“, meint F. Etwa 1500 Menschen habe das Schiff während seiner Zeit an Bord aufgenommen. „Die Mehrzahl waren Männer, aber es gab auch Frauen, Schwangere und Kinder“, erzählt er. „Das ist nicht ohne“, beschreibt er seinen Gemütszustand. Natürlich mache auch er sich Gedanken über die Asylproblematik und den Zustrom von Menschen nach Europa. „Aber wenn man sieht, wie die Leute leiden, kann man schon nachvollziehen, dass sich jemand auf den Weg von 5000 oder auch 8000 Kilometern macht, um hier ein besseres Leben zu finden.“ Viele der Schwarzafrikaner seien zwei bis drei Jahre unterwegs, erzählt F. „Die machen zwischendurch immer wieder einen Stopp, um sich ein paar Kröten zu verdienen, damit sie weiterkommen.“ Von denen, die es nach Europa schafften, arbeiteten viele in der italienischen Landwirtschaft. „Für zwei oder drei Euro.“ Bis sie genug Geld für die Weiterreise nach Zentraleuropa hätten. Das wisse er aus Gesprächen mit Neuankömmlingen. „Flüchtlinge sind dort überall zu sehen, das ist kein Vergleich zu hier“, sagt F. „Sie leben in Baracken ohne Strom, ohne Wasser, verrichten ihr Geschäft in irgendwelchen Löchern. Davon profitiert die Obst und Gemüseindustrie.“ Dass der Zustrom bald abreiße, daran glaubt F. nicht. „Solange der Reichtum auf der Welt nicht gerechter verteilt wird, hört das nicht auf.“

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