Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Das „Gefangene Haus“ und seine ungewöhnliche Geschichte

Blick in das Esszimmer der Beletage des Hauses: Der Raum ist zum Teil noch original möbliert.
Blick in das Esszimmer der Beletage des Hauses: Der Raum ist zum Teil noch original möbliert.

Weil der eine sich seiner Aussicht beraubt fühlte, ließ er den anderen einbauen. Ein ausgearteter Nachbarschaftsstreit führte zu einem außergewöhnlichen Bau und machte eine Villa zu einem „Gefangenen Haus“. Ein doppelstöckiger Sandsteinkeller zeigt, wie tief der Hass saß.

Wie ein Geisterschloss scheint die Villa des ehemaligen Oberamtsrichters August Schmahle in der Villenstraße. Die Sandsteinfassade hat sich im Laufe der Jahre verdunkelt. Die große, zweiflüglige Holztür ist versteckt zwischen Feigenbaum und Sträuchern, die sich an der Fassade ranken. Der große Dachgiebel mit seinen unzähligen Ecken und Spitzen wirkt mächtig. Ein langer, schmaler Gang im Inneren führt zum Treppenaufgang. Es ist dunkel. Der Terrazzoboden, der an ein Mosaik erinnert, und die hohen cremefarbenen Wände schlucken das Licht. Erst am Ende des Flures strahlt die Sonne hinein. Das war nicht immer so.

„Ich kann mich erinnern, dass Passanten vor unserem Haus stehen geblieben sind“, erzählt Susanne Uhl. So gefesselt seien sie von dem Anblick gewesen. Sie ist im „Gefangenen Haus“ aufgewachsen. Heute ist sie zusammen mit ihrem Ehemann Dieter Uhl Eigentümerin. Ein U-förmiger Bau hatte die Villa eingekesselt. Von hinten und von beiden Seiten umgab das Schmahle-Haus ein aus Ziegeln ausgemauertes Fachwerkgebäude mit Schrägdach, das bis zum Dachgeschoss der Villa reichte. Wie eine Zange umfasste der Bau das Haus. Ein Nachbarschaftsstreit hatte dazu geführt, dass aus der Villa das „Gefangene Haus“ wurde.

Von drei Seiten zugebaut

Rückblick: Im Jahr 1883 ließ Oberamtsrichter August Schmahle auf seinem Grundstück in der Villenstraße die Villa im neugotischen Stil errichten. Sein unmittelbarer Nachbar Georg Schiffer war davon wenig angetan, denn er fürchtete um seine Aussicht auf die Stadt. Er bewohnte die oberhalb liegende pompöse Villa, die später zur Wetterdienstschule wurde. Sein Grund umgab den Bauplatz Schmahlers, und nur zu gern hätte er diesen erworben. Trotz mehreren Kaufangeboten von Schiffer blieb Schmahle bei seinem Bauvorhaben. Das erzürnte den Nachbarn so sehr, dass er kurze Zeit später die Schmahle-Villa von drei Seiten zubauen ließ.

Heute steht von dem „Neidbau“ nur noch eine Seite. Vor rund 20 Jahren konnten die Eltern von Susanne Uhl einen Großteil des Gebäudes erwerben. Die Seitentrakte wurden abgerissen. „Noch heute denke ich manchmal, wer hat denn das Licht angelassen, weil es so hell ist im Haus“, sagt Uhl. Den letzten Teil des „U-Baus“ nutzt die Familie als Abstelllager. Einst waren hier die Werkstätten von Fassmachern untergebracht. Dem Bauherren Schiffer sei es wichtig gewesen, dass in den Mauern möglichst geräuschvoll gewerkelt wurde, damit der Nachbar keine Ruhe finden konnte.

Am oberen Ende im Halleninnern führt eine Treppe in die Tiefe. Schiffer hatte die Villa nicht nur oberhalb der Erde eingekesselt, sondern auch unterirdisch. In dem zweistöckigen Sandstein-Gewölbekeller befinden sich riesige blau-weiß bemalte Betontanks. In ihnen wurde einst Wein gelagert. Sie sollen aus den 1920er-Jahren stammen. „Ich erinnere mich, dass meine Familie zuletzt in den 1980ern Wein dort abgefüllt hat“, erzählt die Eigentümerin. Heute stehen die Tanks leer. Abreißen sei zu aufwendig und für eine Nutzung müssten sie erst wieder instandgesetzt werden.

Die Beletage

Von der Halle gelangt man über den Hof in das erste Obergeschoss der Villa. „Das war die Beletage von Schmahle“, erzählt Dieter Uhl. Hier befanden sich die Wohn- und Schlafräume, das Esszimmer und die Ankleide. Das Esszimmer ist zum Teil noch original möbliert. Hohe Schränke aus Nussbaumholz mit spitzen Elementen an der Oberkante und eingefasstem Spiegel zieren die Wände. In einer Ecke steht der alte Speiseaufzug, der in eine Holzvertäfelung eingearbeitet ist. Mit ihm wurden die Speisen aus der darunterliegenden Küche ins Esszimmer befördert. „Er ist natürlich nicht mehr in Betrieb aber eine schöne Erinnerung“, sagt Uhl. Im Erdgeschoss lagen ursprünglich die Wirtschaftsräume wie Küche und Vorratslager, während im zweiten Obergeschoss die Dienstboten ihre Zimmer hatten.

In den 60ern gekauft

Seit 2003 wohnt Susanne Uhl mit ihrem Ehemann in der Villa. „Es gib immer etwas zu tun, aber es lohnt sich“, so die Eigentümerin. Das Haus ist in den 1960ern in den Besitz ihrer Familie gelangt. Ihre Großeltern Hermann und Maria Kelly haben es gekauft. „Meine Oma ging oft mit ihren Kindern auf dem Sonnenweg spazieren und kam an der Schmahle-Villa vorbei“, erzählt Uhl. Die Großmutter habe dann immer wieder gesagt, dass sie gerne hier leben möchte. Als die Villa dann eines Tages zum Verkauf stand, schlugen die Großeltern zu. „Der Kaufpreis war im Vergleich zu anderen Villen deutlich niedriger, sonst hätten meine Großeltern das gar nicht stemmen können.“

Der Großvater war Angestellter, und die Oma arbeitete als Putzfrau. Das Haus sei damals in keinem guten Zustand gewesen. Die Fassade war von Efeu zugewachsen. Teilweise sei das Grünzeug einen halben Meter dick gewesen. Zudem hatte das Anwesen einen Wasserschaden. „Es gab damals noch einen anderen Interessenten“, berichtet Uhl. Bei der Besichtigung sei dessen Frau mit ihren spitzen Absätzen durch den vom Wasser aufgeweichten Dielenboden gebrochen. Damit war der Konkurrent raus.

Außenansicht: Links ist das „Gefangene Haus“, rechts sieht man den rückwärtigen Teil der ehemaligen Umbauung.
Außenansicht: Links ist das »Gefangene Haus«, rechts sieht man den rückwärtigen Teil der ehemaligen Umbauung.
Susanne Uhl an der Eingangspforte des „Gefangenen Hauses“.
Susanne Uhl an der Eingangspforte des »Gefangenen Hauses«.
Blick in die Weinkeller der Umbauung des „Gefangenen Hauses“.
Blick in die Weinkeller der Umbauung des »Gefangenen Hauses«.
x