Neustadt Das Chanson lebt
Neustadt. Ein musikalisches Kontrastprogramm zum Winzerumzug lockte am Sonntag scharenweise Besucher in die Alte Winzinger Kirche: Der Akkordeonspieler und Sänger Søren Thies präsentierte unter dem Titel „Sous le ciel de Paris“ Musette und Chansons.
Vorsitzende Ursula Baade von der Fördergemeinschaft Alte Winzinger Kirche hatte anfangs noch geglaubt, dass sich wegen des Festumzugs nur wenige Zuhörer zum Konzert in der kleinen Kirche einfinden würden, doch zu ihrem großen Bedauern musste sie sogar rund 30 Besucher wegschicken, weil einfach kein Platz mehr frei war. Jeder Künstler wünscht sich ein volles Haus und so war Søren Thies die Freude über das große Interesse des Publikums anzumerken. Der aus Hamburg stammende Akkordeonspieler verfügt über ein breites Repertoire und begann sein Programm mit einem Chanson aus den 1930er-Jahren: „Sur les quais du vieux Paris“ von Lucienne Delyle, das viele in der Version von Juliette Gréco kennen. Zum besseren Textverständnis schickte Thies kurze Inhaltsangaben auf Deutsch voraus, doch für die meisten Zuhörer schien das nicht nötig zu sein, um das Lied zu genießen. „Warum singt ein Sänger?“ Diese Frage beantwortete der Künstler mit dem Chanson „Pourquoi je chante“ von George Moustaki, der als Sohn des sephardischen jüdisch-griechischen Buchhändlers in Ägypten geboren wurde und ein echter Kosmopolit war. Moustaki schrieb zahlreiche Chansons für die bekanntesten Interpreten dieses Genres wie Édith Piaf, Barbara, Yves Montand und Juliette Gréco. Für die „Grande Dame de la Chanson“ schrieb jedoch ein anderer, nämlich Serge Gainsbourg, das bekannte Lied „L’ accordéon“, das im Programm von Søren Thies selbstverständlich ebenfalls nicht fehlen durfte und das in ein langes Instrumentalsolo mündete. Zu den bekanntesten Chansons von Charles Trenet gehört zweifellos „La Mer“, das in Frankreich kulturelles Allgemeingut ist, doch Thies überraschte das Publikum und spielte „La romance de Paris“ von 1941 aus dem gleichnamigen Film. In der Reihe der berühmten Chansonniers darf George Brassens nicht fehlen. Das poetische „La Mauvaise Reputation“ von 1952 hat einen ganz eigenen Reiz, den Thies in seiner Interpretation herauszustellen wusste. Ein weiterer Titel brauchte nicht übersetzt zu werden: „Göttingen“. Es ist ein Chanson der französischen Sängerin Barbara, das sie 1964 während ihres Konzertbesuches in Göttingen komponierte und in einer französischen und deutschen Fassung als Beitrag zur Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland aufnahm. Aus der aktuellen französischen Musikszene kommt das Lied „Ta p’tite flamme“ von Amélie-les-crayons, das nostalgisch angehaucht ist und sehr romantisch klingt. „Die Musette hat einen Migrationshintergrund“, erklärte Thies den Zuhörern, „denn sie hat ihren Ursprung in der Dudelsackmusik der Auvergne.“ Zum Beweis spielte er ein fröhliches Tanzstück aus dieser Region. Der studierte Musikwissenschaftler hat eine Reihe eigener Instrumentalstücke geschrieben, die charakteristische Einflüsse der Länder aufweisen, die der 47-Jährige von Osteuropa bis Schweden bereist hat. Bei diesen Kompositionen kann er seine virtuose Spieltechnik bestens unter Beweis stellen. So endete auch das Konzert mit einer wirbelnden Eigenkomposition, für die der Künstler rauschenden Beifall erhielt und sich mit dem Titel des Konzerts „Sous le ciel de Paris“ Hubert Girauds verabschiedete.