Neustadt Dann aber auch die Frequenzen tragen

Warum heißt es tagsüber „der Weizen“ und „das Korn“ und abends dann plötzlich „das Weizen“ und „der Korn“? Bei der Frage wäre wo
Warum heißt es tagsüber »der Weizen« und »das Korn« und abends dann plötzlich »das Weizen« und »der Korn«? Bei der Frage wäre wohl selbst Altmeister Goethe überfordert.

Wenn Sie mich gestern gesehen hätten, als ich diesen Text in meinen Laptop gehauen habe …: Ich saß am Schreibtisch und klatschte wie eine zurückgebliebene Kegelrobbe, um rauszukriegen, nach welchen Silben ich trennen darf. Dabei trenne ich gerne. Nicht nur meinen Müll – auch Alkohol vom Glas …… Aber bei urdeutschen Wörtern wie „Restmülltütenverschlusssicherungsdraht“ oder „Steuerentlastungsberatungsvorgesprächskoalitionsgrundlagenvereinbarungen“ gerate auch ich tatsächlich an meine kognitiven Belastungsgrenzen. Wie „abtörnend“. Wobei wir beim sogenannten Denglisch sind, ein Mix aus Englisch und Deutsch. Weil Deutsch nicht mehr „cool“ ist, will man mit Wörtern wie chatten, checken oder chillen den Weltbürger geben, damit keiner merkt, dass man aus Frankenthal, Bobenthal, Hinterweidenthal oder „Ist-doch-auch-egal“ kommt – auch auf die Gefahr hin, dass man nicht überall verstanden wird. Wie beim Gebrauch von Fremdwörtern. Und damit meine ich richtige Fremdwörter wie insolvent, insistent, inkompetent oder inkontinent. Nicht „Bitte“ und „Danke“, die heutzutage auch nur noch wenige kennen. Aber egal, fest steht, wer Fremdwörter benutzt, der muss auch die Frequenzen tragen. Aber zurück zum Denglisch: Ich verstehe diesen Trend nicht. Die deutsche Sprache hat doch viel mehr zu bieten als die Englische. Sie ist doch so viel vielfältiger. Wetten? Ein Beispiel: Wer kennt nicht noch das Sesamstraßenlied „Der, die, das, wieso, weshalb, warum …“ Auf Englisch würde es so lauten: „The, the, the, why, why, why.“ Und einzigartig ist unsere Sprache auch. Wo sonst gibt es so paradoxe Wörter wie Doppelhaushälfte, Gefrierbrand, Trauerfeier, Handschuh oder eingefleischter Vegetarier? Das schlimmste Wort für mich ist ja Nudelauflauf. Da steckt das Wort „lauf“ gleich zweimal drin. Ich werde ihn nie wieder ohne schlechtes Gewissen essen können. Sprache ist Heimat, auch wenn man aus Buntekuh, Tussenhausen, Ursulapoppenricht und „Ohnewitz“… ja so heißt dieser Ort wirklich … kommt und sie gerne umfaaaahren möchte, was übrigens das Gegenteil von „umfahren“ ist. Aber egal, wo man herkommt. Wenn es tagsüber „der Weizen“ und „das Korn“ heißt und abends „das Weizen“ und „der Korn“, ist man in Deutschland. Und wenn man „leichtfertig“ zum Winzer geht und „leicht fertig“ wieder raus kommt, ist man im Paradies, nämlich der Pfalz. Und das ist nicht das Einzigste … Halt, stopp, das „Einzigste“ gibt’s nicht – und das ist nicht das Einzigste, was es nicht gibt. Das „Leerste“, der „Toteste“ oder die „Schwangerste“ gibt’s auch nicht. Egal, jetzt sagen Sie mir doch mal, warum es nicht Wooge, sondern Waage heißt – aber nicht waagen, sondern wiegen – und nicht gewiegt, sondern gewogen…. Als meine Freundinnen mit den witzigen Namen Anja – ja, die heißt wirklich so, nicht „Aus-nein“, sondern „An-ja“ – und Mirja – nein, nicht „Euch-doch “, sondern „Mir-ja“ – mit mir wetten wollten, wer besser Deutsch kann, habe ich spontan gesagt, „klar, gerne, um 10 Euro“, worauf beide meinten: „Komm schon, lass uns um mehr wie 10 Euro wetten.“ Ich habe sofort eingewilligt und gesagt „Okay, um 10.000“. Die Kolumne Die Deidesheimerin Anne Vogd stieg 2016 aus der Textilbranche aus und in die Comedy ein. Unter der Rubrik „Annes Welt“ veröffentlichen wir seitdem regelmäßig, was der 53-Jährigen so durch den Kopf geht. Ein Buch mit ihren Kolumnen erschien gerade unter dem Titel „Ich hab’s auch nicht immer leicht mit mir“ bei Ullstein. Morgen, Mittwoch, 20 Uhr, stellt Anne Vogd es in der Neustadter Buchhandlung Osiander vor. Eintritt: 8/6 Euro.

x