Neustadt „Damals war für alles gesorgt“

Placeholder-Image

10.000 Euro sind ein Wort. Zumal, wenn es sich um eine Spende handelt. Weil sie etwas von der Hilfe, die ihnen selbst gewährt wurde, zurückgeben wollten, überreichten die Ehemaligen des Christlichen Jugenddorfs (CJD) Neustadt am Samstag einen Scheck in dieser Höhe an CJD-Leiter Andreas Schmidt. Anlass war das 25-jährige Bestehen des Vereins „Ehemalige Jugenddörfler und ihre Freunde“.

Was mit dem Geld gemacht wird, steht fest. Das CJD will eine weitere Wohngruppe einrichten, in der gemeinsam mit deutschen Jugendlichen minderjährige Flüchtlinge untergebracht werden, die ohne Begleitung Erwachsener nach Deutschland gekommen sind. Verteilt auf vier Gruppen, leben bereits 16 dieser Jugendlichen im Jugenddorf Neustadt. Sozialpädagoge Rudi Blumenröder hat in seiner Gruppe einen Eritreer, zwei Afghanen, einen Iraker und vier deutsche Jugendliche. „Auch wenn ihr Status noch ungeklärt ist, brauchen sie eine Aufgabe, ein Ziel, eine Beschäftigung, um wieder einen Platz im Leben zu finden.“ Er erzählt von einem Jungen, der mit 15 Jahren aus dem Irak geflohen ist, als Eltern und Geschwister verhaftet wurden. Er habe eine fast drei Jahre lange Odyssee hinter sich, ob seine Angehörigen noch leben, wisse er nicht. Als der Junge endlich Deutschland erreicht habe, sei bei ihm Nierenversagen festgestellt worden. „Wenn diese Flüchtlinge hier ankommen, sind sie vom Alter her noch Kinder, aber irgendwie auch Erwachsene, die schon mehr durchgemacht haben als ich mit meinen 62 Jahren“, ergänzt Blumenröder nachdenklich. Auch für die jungen Flüchtlinge gilt das CJD-Motto „Keiner darf verloren gehen!“, dem sich sowohl die Aktiven als auch die Ehemaligen verpflichtet fühlen. In den vergangenen 25 Jahren hat der Ehemaligen-Verein insgesamt 170.000 Euro an Spenden aufgebracht, die für besondere Projekte in der Jugendarbeit im CJD Neustadt eingesetzt wurden. Erwirtschaftet wurde das Geld durch Beiträge, Einnahmen aus Vermietung und Bewirtschaftung des Gewölbekellers der „Katakombe“ und auch über den Weinstand der Ehemaligen, der jedes Jahr am Weinfest Besucher mit Pfälzer Wein versorgt und ganz nebenbei Öffentlichkeitsarbeit für das Neustadter Jugenddorf betreibt. Schatzmeister Peter Dörfler erinnert sich: „Wir waren während unserer Ausbildungszeit für vier Jahre in Neustadt, das hieß auch vier Mal Weinfest!“ So hat sich das Deutsche Weinlesefest für viele ehemalige zum jährlichen Fixpunkt entwickelt, zu dem man sich in Neustadt traf und dann vor 25 Jahren auch den Verein gründete. Das Jugenddorf war in den 1960er Jahren hauptsächlich zeitweilige Heimat für Minderjährige, die aus dem gesamten Bundesgebiet in die Pfalz kamen, um bei der BASF Laborant zu lernen. „Mit drei Bussen kamen wir im Oktober 1965 aus Fürth in die Pfalz mit Nachwuchs für die BASF“, erinnert sich Peter Dimpfl, der heute bei München lebt. Zum ersten Mal weit weg von der bayerischen Heimat, schätzte er den familiären Charakter des CJD, aber auch die Möglichkeiten, die Jugendlichen geboten wurden. „Für damals war das ein tolles Angebot, nicht nur an sportlichen, sondern auch an musischen, handwerklichen, gesellschaftlichen Aktivitäten“ erzählt der Bayer mit strahlenden Augen. Ob Fußball- oder Handballteam, Trampolinspringen, Tanzkreis, Formationstanzgruppe, Theaterkreis, Fotolabor und und und – die Palette der Möglichkeiten schien unendlich. Zudem gab es einen sogenannten Ehrenrat aus fünf CJD-Bewohnern, der als interne Gerichtsbarkeit kleinere Verfehlungen anderer Jugenddörfler mit Verweisen belegte, die bei „Wiederholungstätern“ bis zur „Strafversetzung“ in die Außenstelle Limburgerhof führen konnten. Noch heute schwärmt Dimpfl von dem damals Gebotenen: „Es war für alles gesorgt, für Leib, Geist und Seele. Man brauchte nur zu lernen.“ (heye)

x