Bad Dürkheim
Dürkheimer Orgelsommer: Gelungener Auftakt in der Schlosskirche
Es gibt ihn auch in diesem Jahr, den traditionellen „Orgelsommer Bad Dürkheim“. Und das fabelhafte Auftaktkonzert am Pfingstsonntag mit der Evangelischen Kantorei an der Schlosskirche und den Solisten Monika Eder, Sopran, und Thorsten Grasmück, Orgel, musizierte die Widrigkeiten der letzten Jahre sozusagen souverän vom Podium.
Seit dem Weggang von Johannes Fiedler 2021 gab es wenig Kontinuität im musikalischen Kanon an der Schlosskirche; die Nachfolgerin als Bezirkskantorin, Charlotte Noreiks, wanderte nach zwei Jahren ins Badische weiter, davor und danach gab es Betreuungen durch Nebenamtler – Turbulenzen, die für musikalische Ensembles nicht selten Zerreißproben mit anschließendem Zerfall bedeuten.
Dominik Hambel übernimmt im August
Ab August nun wird Dominik Hambel, frisch und mit Auszeichnung examiniert, die hauptamtliche Kantorenstelle antreten. Und sozusagen den Stab aus den Händen von Sebastian Schipplick entgegennehmen. Denn der als Leiter des Posaunenchors (was er auch bleiben wird) lange mit der Kirchenmusik an der Schlosskirche verbandelte und hervorragend geschulte Vollblutmusiker – im Hauptberuf ist er Wirtschaftsinformatiker bei SAP – hatte die Kantorei und den Kammerchor Kleine Cantorey durch die Ödnis der letzten Vakanz manövriert. Und verabschiedete sich von seinem Interimsamt am Pult der Evangelischen Kantorei nun mit einem rundum gelungenen Konzert.
Sowohl die „Missa Brevis Sancti Joannis de Deo – kleine Orgelmesse“, die Joseph Haydn 1775 den Eisenstadter Ordensbrüdern quasi auf den liturgischen Leib geschrieben hatte, als auch Bob Chilcotts „Gloria“ – (tonale) Jetztmusik von 2015 – forderten neben dem stilistischen Schwenk vor allem notentechnische Trittsicherheit und stimmliches Stehvermögen. Beides meisterte die proper aufgestellte Kantorei ganz vortrefflich; vor allem aber folgte das Ensemble sehr aufmerksam den gestalterischen Direktiven vom Pult. Und Schipplick lockte da zwischen Kathedralklang und sorgsam platzierter Sotto-Voce-Schattierung ein ganzes Arsenal an feinen Nuancen aus seiner prachtvoll kooperierenden Chorgemeinschaft heraus.
Lauter Glücksfälle
Dass vor allem den hohen Stimmen etwas jugendlicher Input guttäte – keine Frage. Dennoch: Was gerade die Soprane im anstrengenden Diskantbereich selbstbewusst und sauber meisterten, verdient allen Respekt. Man erlebte ein aufmerksames, vitales und nachdrücklich am musikalischen Wortgehalt orientiertes Musizieren.
Ein weiterer Glücksfall: Die quasi erst zur Generalprobe nach krankheitsbedingter Absage eingesprungene Freiburger Sopranistin Monika Eder: ein echter Coup, teils privaten Kontakten geschuldet. Operndiva unter Dirigenten wie Simon Rattle und hochdotierte Lied-Interpretin, gemeinsam mit dem renommierten Pianisten Gerold Huber, bescherte sie mit ihrem weit aufblühenden, dabei stets kultiviert und hinreißend flexibel verwalteten Stimmgold solistische Feuerwerke; im Phrase für Phrase sorgsam ausmodellierten „Benedictus“ der Haydn-Messe und nicht minder hinreißend im stilistisch authentisch und mit seelenvollem Nachdruck interpretierten „Magnificat“ des Spätromantikers Charles Villiers Stanford.
An der Orgel fungierte mit Thorsten Grasmück ein weiterer Ausnahmekünstler im Nebenamt. Mit unzähligen Preisen und Stipendien bedacht, nach dem Abitur 2021 übrigens auch schon mal mit einem Interim an der Schlosskirche betraut, bespielt der angehende Jurist nach wie vor lustvoll Tasten und Pedal, wo immer sich echte Herausforderungen bieten. Wie diesmal mit Werken von Johann Sebastian Bach (Sinfonia BWV 29/1 und Trio „Allein Gott in der Höh“, BWV 676) sowie dem furiosen Finale der 6. Orgel-Sinfonie von Charles-Marie Widor. Spieltechnisch sind das Kompositionen aus dem Oberliga-Bereich, vor allem aber braucht es einen Interpreten, der Struktur, Puls und tieferen Gehalt wie die Seiten eines kostbaren Buches aufzublättern vermag. Thorsten Grasmück beherrscht diese Kunst ebenso eindrucksvoll, wie er in seiner achtsamen begleitenden Funktion für Solistin und Chor geradezu die Idealbesetzung verkörpert.
Großer, hochverdienter Beifall und eine Abendlied-Dreingabe für den Nachhauseweg.