Neustadt Crashkurs in Verzweiflung

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NEUSTADT. 50 Jahre Freilichtbühne im Park der Villa Böhm – wenn das kein Grund zum Feiern ist! Eine amüsante und spannende Jubiläumsmatinée erlebte das Publikum, darunter jede Menge junge und alte Akteure sowie Prominenz aus Kultur und Politik, am Sonntagvormittag in der Villa. Unter dem Motto „Rückblick, Augenblick, Ausblick“ führte Judith Kauffmann, Urgestein der Gruppe, als Moderatorin charmant und professionell durch zwei anregende Stunden.

Die Matinée startete mit einem „Ausblick“, einer schrägen Szene aus der neuesten Produktion der Schauspielgruppe, die unter dem Titel „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ am kommenden Freitag Premiere hat (wir berichteten). Andreas Müller und Nadine Ibelshäuser, versuchen da mit Hilfe von Karteikarten und einer riesigen Landkarte das Leben des Dichter-Genies nachzuzeichnen, über das ja im Grunde erstaunlich wenig gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Dass sie dabei einiges durcheinander bringen, ist also nicht gar so unverständlich, auch wenn die Vermischung mit der Biografie Adolf Hitlers schon irritierend wirkte. Ganz auf dem Boden der Tatsachen blieb dagegen Pascal Bender, der langjährige Vorsitzender der Schauspielgruppe. In seinem Rückblick zitierte er unter anderem eine vernichtende RHEINPFALZ-Kritik aus dem Jahr 1957, von der sich die Gruppe jedoch glücklicherweise nicht entmutigen ließ, vielmehr einen rasanten Aufstieg hinlegte. Heute hat sie 150 Mitglieder, und ihre Aufführungen werden pro Saison von zirka 4 000 Fans besucht. Krönung der Leistungen war 1988 die Verleihung des Kulturpreises der Stadt, nicht zuletzt ein Verdienst des Schauspieler-Ehepaares Ursula und Hans Sommer und des langjährigen Vorsitzenden Klaus Rothenbücher, die inzwischen verstorbenen sind. Dass der Gruppe nicht allein die Kultur, sondern auch soziales Engagement am Herzen liegt, bewies Bender, indem er als Zeichen der Solidarität mit Flüchtlingen eine Spende von 500 Euro für das neue Asylanten-Wohnheim in Hambach an Bürgermeister und Kulturdezernent Ingo Röthlingshöfer überreichte. Dieser, ebenso alt wie die Gruppe, würdigte diese als Institution, für deren positive Weiterentwicklung sich Menschen mit Herzblut, Engagement und Leidenschaft einsetzten. Hans-Jürgen Hoffmann vom Stadtverband für Kultur überreichte der Gruppe, deren Markenzeichen „großartige Schauspielkunst“ sei, einen Gutschein über 150 Euro zur Anschaffung neuer Theater-Requisiten. Requisiten aus der Vergangenheit, ein Bühnenscheinwerfer von anno 1965 und ein Tonbandgerät aus der „technischen Steinzeit“, waren unter anderem Anschauungsmaterial in Kauffmanns Multi-Media-Show, einer spannenden Zeitreise in die Vergangenheit. Hier gelang der Moderatorin das Kunststück, in einer höchst abwechslungsreichen, informativen Retrospektive die 51 Stücke der vergangenen 50 Jahre in Bild und Ton mit Fotos, Musik und Kurzkommentaren lebendig werden zu lassen. Als „Zeitzeugen“ interviewte sie ganz bewusst nicht Akteure, sondern zwei Techniker, die zwar für Licht und Ton sorgten, selbst jedoch nie im Rampenlicht standen: Gert Fischer, der 1966 als Schüler einsprang, als ein Tontechniker dringend gesucht wurde, und Anton Polster, der seit Jahrzehnten für die Beleuchtung zuständig ist. Anhand der Bilder kommentierten beide die technische Entwicklung von den primitiven Anfängen zur High-Tech-Ausstattung von heute. Auch den künstlerischen Aufstieg der Gruppe dokumentierten diese Fotos im Zeitraffer. Kauffmann streute kurzweilig eigene Erinnerungen etwa an Hans Sommer ein. Dieser hatte der damals 15-jährigen Judith Seise für ihre Rolle als Julia in Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ einen Crash-Kurs in Sachen Verzweiflung gegeben und ihr den „Urschrei der Verzweiflung“ beigebracht. Spannend war es, auch die Entwicklung anderer Akteure zu verfolgen: Ins Bild kamen Klaus Rothenbücher, der bis zu seinen Tod 2011 jedes Jahr auf der Bühne stand, Wolfgang und Reinhard Bachtler, Christine und Kerstin Bachtler, Ela Sommer, um nur einige zu nennen. Für sie bedeutete „die Villa“ Heimat, und im sommerlichen Park wuchsen in Laufställchen die Kinder auf. Darunter Nachwuchs und Hoffnungsträger wie Simon Werdelis, heute Ensemblemitglied am Residenztheater in München. Das Motto der Gruppe lautet bis heute: „Wir spielen immer“, bei Regen, bei Wechsel im Ensemble, bei plötzlicher Erkrankung von Akteuren, wie im Vorjahr, als vor der Premiere von „Das Haus in Montevideo“ der Hauptdarsteller ausfiel und Regisseur Uwe Hörner die Aufführung rettete. Warum tun sich die ehrenamtlich agierenden Amateure diesen Stress bei Wind und Wetter an? Diese Frage beantwortete Joachim Habernoll einst sinngemäß: Wer einmal „standing ovations“ im Regen erlebte, ist immer wieder dabei. Und Kauffmanns Motiv ist: „Weil wir die Möglichkeit haben, immer wieder in neue Leben hineinzuschlüpfen.“ Da bleibt nur zu sagen: weiter so! Termine Die Neustadter Schauspielgruppe feiert diesen Freitag, 17. Juli, 20 Uhr, mit dem Stück „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ Premiere auf der Freilichtbühne im Park der Villa Böhm. Weitere Aufführungen gibt es dort am 18. Juli, 24./25./26. Juli, 31. Juli, 1./2. August, 7./8. August und 14./15. August, ebenfalls jeweils um 20 Uhr. Karten (15/12 Euro) bei Tabak Weiss (06321/2942). Restkarteninfo am Tag der Vorstellung ab 18 Uhr unter 06321/80028. (wss)

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