Neustadt Bunter Hund und Sonnenkinder
«Deidesheim». Größere künstlerische Gegensätze sind kaum möglich als die, die jetzt die noch junge „Galerie Backhaus“ in Deidesheim in der ersten Doppelausstellung ihrer Geschichte präsentiert: Die ausgesprochen erzählfreudigen und witzigen Objektinstallationen des Pfälzers Günther Seel treffen hier auf die konstruktivistisch inspirierte reine Malerei des in Dessau lebenden Künstlers Peter Schrader.
„Friends“ hat Galeristin Christa Wessa die Schau überschrieben, und tatsächlich kennen und schätzen sich Seel und Schrader schon seit einigen Jahren. Kennengelernt haben sie sich über Wessa in Berlin, die selbst schon seit geraumer Zeit Werke Schraders in ihrer Privatsammlung hat und mit Seel, der früher seine Brötchen mit Eventmarketing und Sportmanagement verdiente, über ihre Neustadter Werbeagentur in Verbindung stand. Das alles muss man allerdings gar nicht wissen, wenn man sich jetzt die Ausstellung im „Backhaus“ anschaut, denn dort hat die Kunst das Wort – und die ist im Falle Schraders abstrakt, farblich variabel und nicht über die Maßen streng und bei Seel so quietschbunt und surreal, dass man beim Betrachten unwillkürlich in Schmunzeln kommen muss. Schraders Auswahl beschränkt sich dabei auf eine Serie von Ölgemälden unterschiedlichen Formats, die seit 2011 entstanden sind und der er den Titel „Labyrinthisch“ gegeben hat. Die Bilder setzen sich meist aus Rechtecken in gedeckten Farben zusammen, die ganz unterschiedliche Binnenstrukturen aufweisen, mal pastos, dann wieder glatt, mal gewischt, mal gepinselt, mal regelrecht gekratzt. Auch Ölstift und Klebstreifen fanden Verwendung. Weil bei einigen Werken die zwischen den Rechtecken verbliebene Farb- oder Grau-Fläche an einen stilisierten Hund erinnert, wenn man das Ganze um 90 Grad dreht, tragen diese Bilder Untertitel wie „Der goldene Hund“, „Der silberne Hund“ oder „Der bunte Hund“, doch sind dies eher „Krücken“, mit denen der Künstler dem Betrachter den Einstieg erleichtern möchte. Nötig ist das eigentlich nicht, wenn man akzeptieren kann, dass man hier Malerei um ihrer selbst willen vor sich hat, „L’art pour l’art“, die nur aus Formen und Farben wirken will – das tut sie allerdings sehr gut. Schrader hat in der Vergangenheit auch ganz andere Werke geschaffen. Geboren im ostwestfälischen Lemgo, kam er 1975 als 18-Jähriger nach Berlin und erlebte dort in den 80er Jahren die turbulente Zeit der Neuen Wilden mit Größen wie Kippenberger, Fetting, Salomé, Castelli aus nächster Nähe. In den Deidesheimer Bildern ist freilich eine andere Anregung wirksamer, die des Bauhauses. Noch zu DDR-Zeiten kam der gelernten Möbeltischler und -designer über einen deutsch-deutschen Designerworkshop erstmals nach Dessau, 1995 zog er nach 20 aufregenden Berliner Jahren endgültig nach Sachsen-Anhalt, wo er heute in unmittelbarer Nähe der Bauhaus-Meisterhäuser lebt und arbeitet. Paul Klee und László Moholy-Nagy nennt er selbst als seine größten Vorbilder, und tatsächlich weist die „Labyrinthisch“-Serie manche Parallelen zu diesen Bauhaus-Ikonen auf, ohne deshalb epigonal zu wirken. Wie anders treten einem da die Werke von Günther Seel entgegen! Der 67-Jährige aus Jockgrim, der auch Ateliers in Rom und Saint-Tropez unterhält, ist ein künstlerischer Weltenbummler, der seine meist sehr skurrilen Objekte mit Vorliebe aus Fundstücken aus aller Herren Länder zusammenbaut. Dabei ist ihm die Geschichte wichtig, die hinter jedem Werk steckt – so wie bei „Engelspapst“ etwa, einer aus Metallfragmenten zusammengesetzten Figur, die von einem Vatikan-Thriller inspiriert ist, oder bei „Vom Rokoko bis zum Joghurt“, einer Wandinstallation, bei der dem Betrachter ein halbierter Stuhl entgegentritt, auf dessen Sitzfläche eine Nippes-Figur und ein Joghurtbecher plaziert wurden – die Anregung hierfür kam von den Fresken eines venezianischen Palazzos. Eine weitere Serie verarbeitet kulturelle Einflüsse aus Japan. „Kunst muss auch zum Schmunzeln animieren“, sagt der Künstler selbst, und Humor sollte man tatsächlich haben, um zum Beispiel an „Waldmeister“ Gefallen zu finden, einer Installation, die ein potthässliches Hirschrelief hinter ein Grillrost packt und gleichzeitig vor Videoüberwachung warnt, die sich freilich nur in Form zweier altertümlicher Fotoapparate manifestiert, die der Künstler auf Stativen aufgebaut hat. Immer wieder überrascht dabei der Ideenreichtum Seels: So wird ein altes Schiffstau von der Côte d’Azur bei ihm kurzerhand zu einer Blume umdekoriert, die gleichzeitig auch noch als Schmuckträger dient. Wem das zu krass fürs heimische Wohnzimmer ist, kann sich vielleicht mit der Relief-Serie „New Born“ anfreunden: Die besteht aus verformten Autoblechen, die hier im klassischen Rahmen quasi eine Wiedergeburt erleben. Eine erst in diesem Sommer in Saint-Tropez entstandene Acrylgemälde-Serie mit den schönen Titel „Wir sind Sonne“ rundet die Seel’sche Werkschau ab. Die Ausstellung Die Ausstellung „Friends“ mit Werken von Peter Schrader und Günther Seel wird heute, Samstag, um 19 Uhr in der Galerie Backhaus, Heumarktstraße 5, in Deidesheim eröffnet und läuft im Anschluss bis 4. November. Bei der Vernissage führt der Verleger Hans Gareis (Maikammer) in die Werke ein. Öffnungszeiten: freitags 16–18 Uhr, samstags und sonntags 15–19 Uhr.