NEUSTADT RHEINPFALZ Plus Artikel Buchmarkt bietet schwere Lesekost im Herbst

Ferdinand Schirach beschäftigt sich in seinem Buch „Gott“ mit dem komplizierten Thema Sterbehilfe.
Ferdinand Schirach beschäftigt sich in seinem Buch »Gott« mit dem komplizierten Thema Sterbehilfe.

Die Bestseller im September: Der Oktober bringt Regen und graue Tage, die Themen der Neuerscheinungen passen sich an. Die moralische Seite der Sterbehilfe oder der die Bewältigung eines Schlaganfalls sind keine leichte Lesekost für länger werdende Abende.

Herbstneuerscheinungen möbeln im September die Bestsellerlisten der fünf Buchhandlungen auf. Zu entdecken sind unter anderem Joachim Meyerhoffs autobiografischer Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“, Ken Folletts „Kingsbridge“ und Elena Ferrantes „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“. Jeweils zweimal liefen Jean-Luc Bannalecs Krimi „Bretonische Spezialitäten“ sowie Ferdinand von Schirachs jetzt als Buch erschienenes Theaterstück „Gott“.

Misslungener Selbstmordversuch

Da wir Bannalecs Bretagne-Krimi an dieser Stelle bereits vorgestellt haben, sei diesmal Schirachs Buch näher beleuchtet, das bei „Hofmann“ und „Osiander“ erfolgreich lief. Sein Thema ist Sterbehilfe, wobei es nicht um die rechtliche Grundlage geht, denn das Gericht hatte kürzlich den Menschen das Recht auf einen selbstbestimmten Tod zugesprochen, sondern um die ethische Frage, wer über Leben und Tod entscheidet. Schirach thematisiert den fiktiven Fall des 78-jährigen Richard Gärtner, der, obwohl geistig und körperlich gesund, nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben möchte. Er steht vor dem Ethikrat, der zu entscheiden hat, ob er mit Hilfe von Medikamenten sein Leben beenden darf. Nach langen Diskussionen bleibt der Ausgang offen, und ähnlich wie in Schirachs Stück „Terror“ fällen am Ende die Zuschauer beziehungsweise Leser die Entscheidung.

Schirach, 1964 in München geboren, ist Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker. Persönliche Erfahrungen mit dem Tod hat er als Jugendlicher gemacht. Als er 15 Jahre alt war, nahm sich sein Vater, Sohn des Nationalsozialisten Baldur von Schirach, der als Gauleiter von Wien für die Deportation der österreichischen Juden verantwortlich war, das Leben. Ferdinand selbst beging danach einen Suizidversuch, der „Gott sei Dank“, wie er heute sagt, scheiterte – und zwar durch Zufall oder Vorbestimmung. Offen bleibt daher die Antwort auf die Frage nach der in Wahrheit richtigen Entscheidung.

Starker Überlebenswille

Mit starkem Überlebenswillen meistert der Autor und Schauspieler Joachim Meyerhoff eine Ausnahmesituation. Seine Erfahrungen nach einem Schlaganfall verarbeitet er in seinem autobiografischen Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“. Nach stationärer Behandlung auf der Intensivstation entwickelt er in der Reha, eine „Selbstbehauptungsstrategie“. In seinem Buch, das er als Experiment versteht, finden sich neben düsteren Szenen aus der Klinik auch mit sprachlicher Komik geschilderte absurde Erfahrungen und Begegnungen. Hatte er, der als Schauspieler auf der Bühne stets das Extrem suchte, in seinen Büchern, unter anderem der Trilogie „Alle Toten fliegen hoch“, über seine Vergangenheit geschrieben, so thematisiert er hier seine persönliche Gegenwart. Dabei fragt er sich, ob Komik heilen und das Erzählen von Geschichten nach einem Schicksalsschlag zur Rettung beitragen kann. Offensichtlich lassen sich diese Fragen positiv beantworten, denn Meyerhoff steht wieder auf der Bühne.

Buchtipp: Widerspruch der Gefühle

Nicolas Mathieus schmaler Roman „Rose Royal“ (gebunden, 96 Seiten, 18 Euro, Hanser Verlag) über eine emanzipierte Frau am Beginn des Alters hat Hermann Speckert, Inhaber der Neustadter Bücherstube, sehr beeindruckt. Als Buch des Monats empfiehlt er ihn heute:

„Nicolas Mathieu stammt aus Golbey, einem Ort nahe Épinal im Département Vosges. In Metz studierte er Soziologie, was sich in seinen Büchern in Form von scharfen, klaren Beobachtungen vor allem der ,Unterschicht’ der französischen Gesellschaft niederschlägt. 2018 erhielt er für seinen Roman ,Wie später ihre Kinder’ den renommierten Literaturpreis ,Prix Goncourt’.

Rose ist knapp 50 Jahre alt. Das sieht man ihr aber nicht an. Ihre Erscheinung ist eher straff und jugendlich. Nur an ihren Händen, dem Gesicht und den Haaren sind Spuren beginnenden Alters zu entdecken. Ihre beiden Söhne sind erwachsen, und von ihrem Mann ist sie schon lange geschieden. Das mit den Männern ist bei Rose so eine Sache. Schon die Beziehung zu ihrem häufig zornigen Vater war geprägt von Liebe und Angst. Später dann die gierigen Hände und das Gegrapsche der Jungs. Zweimal wird sie vergewaltigt, und immer wiederkehrende Gewalt auch bei scheinbar sanften Männern sind keine Seltenheit. Dennoch fühlt sie sich zu ihnen hingezogen. Sie liebt es, begehrt zu werden, und Sex wird von ihr gleichzeitig geliebt und erlitten. Nach einer dieser schlechten Erfahrungen kauft sie sich einen kleinen Revolver, den sie immer bei sich trägt. Angst vor Männern will sie nie mehr haben und auch nie mehr abhängig sein.

Jeden Abend nach der Arbeit trifft sie sich mit ihrer Freundin im ,Royal’, einer gemütlichen Kneipe am Ort. Dort genießt sie die entspannende Wirkung des Alkohols. Eines Nachts betritt Luc das Lokal. In den Armen trägt er seinen von einem Auto angefahrenen sterbenden Hund. Um ihn von seinen Leiden zu erlösen, erschießt Rose mit Lucs Zustimmung das Tier. Zwei Tage später bittet er sie um ein Treffen. Rose beginnt eine neue Beziehung, und bald lässt sie aus Bequemlichkeit und dem Bedürfnis nach Nähe zu, dass ihr Verhältnis immer enger und alltäglicher wird. Sie kündigt ihre Wohnung und ihren Job und zieht zu Luc in sein schönes, weitläufiges Haus. In dieser neuen, totalen Abhängigkeit flammen ihre Ängste erneut auf, zumal der großzügige , sanfte, schweigsame Luc wohl auch seine Tiefen hat.

Knapp, klar und absolut dicht erzählt Mathieu in seinem kaum hundert Seiten starken Roman von den Gefühlen und Ängsten einer Frau am Beginn des Alterns. Trotz ihrer starken und wachen Persönlichkeit ist Rose der Widersprüchlichkeit ihrer Bedürfnisse nach Liebe und Nähe auf der einen und Freiheit und Selbstständigkeit auf der anderen Seite ausgeliefert. Atemlos und gebannt folgt man dieser absolut auf den Punkt geschriebenen, kompromisslosen Geschichte bis zum überraschenden Ende.“ wss

Hermann Speckert, Inhaber der Neustadter Bücherstube.
Hermann Speckert, Inhaber der Neustadter Bücherstube.
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