Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Blick nach außen, Blick nach innen – Kunst-Studierende der Uni Landau stellen im Herrenhof aus

Alena Wolfenstätter thematisiert in ihrer Papier-Skulptur das Gefühl von Scham, das sich einstellt, wenn man die Blicke anderer
Alena Wolfenstätter thematisiert in ihrer Papier-Skulptur das Gefühl von Scham, das sich einstellt, wenn man die Blicke anderer auf sich gerichtet fühlt (Ausschnitt).

Die Kunsthalle des Herrenhofs in Mußbach wird ab Sonntag wieder zur Bühne für Studierende und Absolventen des Kunstinstituts der Uni Landau. Die Auswahl reicht von Comic über Druckgrafik, Fotografie, Keramik, Installation, Skulptur, Malerei bis zur Zeichnung. Politische Statements stehen dabei neben Blicken nach innen und allerlei künstlerischen Experimenten.

Gleich 18 ausgesuchte junge Künstlerinnen und Künstler präsentiert die Ausstellung des Instituts für „Kulturwissenschaft und Kunst“ RPTU mit Sitz in Landau. „Aufleuchten“ sei der Titel, weil viele Studierende in der Mitte ihres Studiums „aufleuchten“ - und dann noch mal am Ende, wenn sie ihren eigenen Stil entwickelt haben, verrät der Kurator Rainer Steve Kaufmann, Dozent an der Uni und selbst Künstler und früherer Teilnehmer der Landauer Leistungsschau im Herrenhof. Er hofft natürlich, dass auch nach dem Studium das Leuchten weitergeht und sich in Beruf oder Alltag genug Zeit für Kunst finden wird. Bei Kunst müsse man „dranbleiben“.

Einige der Künstler sind bereits auf dem „Kunstmarkt“ angekommen, berichtet Kaufmann, etwa Larissa Kastor, die unter anderem eine großformatige, detailreiche mit Fasermalern gezeichnete Skizze von Landau in Schwarz-Weiß ausstellt. Zuerst hat man den Eindruck, dass die Bauwerke detailgetreu abgebildet sind, schaut man sich genauer um, entdeckt man witzige Details wie Frösche, Tauben oder den Lügenbaron Münchhausen, wie er gerade auf einer Kanonenkugel durch ein Fenster fliegt.

Zerbrechlichkeit und die Blicke der anderen

Auch Nils Sigloch zeichnet sehr detailreich: Sein Beitrag sind 68 Seiten einer entstehenden Graphic Novel, die er bald veröffentlichen wird. Erzählt wird eine „metaphorische Autobiografie“ in drei Szenarien, die unter anderem ins Japan der Samuraizeit führen. Noch sind keine Texte eingefügt. Die Geschichte schreibt ein befreundeter Autor.

Metaphorisch unterwegs ist auch Alena Wolfenstätter: Aus Papier hat sie ein künstliches erschreckend echt aussehendes dreidimensionales Organ geschaffen, in das man durch Öffnungen hineinsehen kann. Die Oberfläche im Inneren ist narbengleich übersät von Augen. Das Gebilde solle das „Gefühl von Scham“ ausdrücken, erklärt die Künstlerin. Das „mataphorische Organ“ kehre das „Innere“ nach außen, Es verbildliche, wie man sich „innendrin“ fühlt, wenn man die Blicke anderer auf sich gerichtet spürt. Genau dieses Gefühl sei für sie „Scham“, das „Sich-Beobachtet-Fühlen“. Zu ihrer Abschlussarbeit gehört zudem eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Begriff Scham und eine Einordnung ihres Werkes in die Kunstgeschichte. Außerdem setzt sie sich mit verschiedenen menschlichen Hautoberflächen auseinander: Ihre Fotografien zeigen Beine, Arme oder Finger in Nahaufnahme – die dann aber so digital verändert wurden, dass neue Gebilde entstehen.

Oberflächen sind auch das Thema von Pauline Baier, die in ihren Werken „Zerbrechlichkeit“ auszudrücken scheint. Sie malt große Kompositionen organischer Fantasieformen, die zu zerfließen scheinen, umspült von Wind oder Wasser. Dabei lösen sie sich auf. Sehr filigran und nahezu naturalistisch pinselt sie in sehr feinen Strichen die pudrige Oberflächenzeichnung von Schmetterlingsflügeln oder die Struktur von Federn eines Vogelflügels. Einigen der Flügel fehlt im Detail dann das „Muster“. Die Farbe erscheint bereits „weggeweht“. So filigran ist die Zeichnung, dass man fast befürchtet, selbst die pudrige Oberfläche des Schmetterlings angefasst und dabei zerstört zu haben.

Fröhliche Graffiti und blutige Proteste

Erfrischend fröhlich dagegen kommen die Werke von Julia Ihlenburg daher: Graffitiähnlich bunt in poppigen Farben sind sie gemalt, skizziert, gesprüht, beklebt. Die dargestellten Figuren sind Personen aus ihrem Umfeld, die Bilder zeigen Alltagssituationen, erzählen Geschichten. Ihlenburg erklärt, dass sich die Betrachter gerne ihre eigenen Geschichten ausdenken dürfen. Als Untergrund verwendet sie oft gebrauchte Materialien, ein ausgestelltes Werk entstand auf einer grundierten Landkarte. „Man fühlt sich mit gebrauchten Materialien freier, weil man nichts verschwendet“, sagt sie. Auch der Recyclinggedanke spielt eine Rolle. Die Aufteilung der Bilder ist „plakativ“, die Hintergründe sind doppeldeutig – das Blau bildet für die eine Szene den Boden, für die andere Wasser, in das eine Figur eintaucht. Bislang habe sie übrigens noch keine Graffiti an Wände gesprüht – es gebe kaum legale Flächen, andere Künstler übersprühen möchte sie nicht. Es sei ein Ehrenkodex, diese nur zu übersprühen, wenn man besser sei. In Landau wird sie aber bald die Gelegenheit haben, freigegebene Stromkästen besprühen zu dürfen.

Graffiti spannt inhaltlich den Bogen zu Rachel Rüthlein. In ihrer Bachelorarbeit im Fach Englisch hat sie sich mit „linguistic landscapes“ und der Verwendung von Graffiti, Stickern und Plakaten im Zusammenhang mit Protestbewegungen befasst. Ihr ausgestelltes künstlerisches Werk bezieht sich auf die Demokratieproteste 2019/20 in Hongkong, wo sie sich damals zu Studienzwecken aufhielt. Ein Komplex aus einem Gemälde über das Massaker in Peking 1989, an dessen Gedenktag die Proteste in Hongkong stattfanden, Drucken über Szenen der Protestbewegung, bei denen Menschen Steine als Barriere aufeinanderstellen, und Keramiksteinen, die diese Steine darstellen sollen, bilden das engagierte Werk. Inzwischen ist das Gedenken an das Massaker in Hongkong übrigens verboten.

Dies ist nur ein Auswahl. Ebenso spannend sind die hier aus Platzgründen nicht genannten Künstler. Fazit: Eine sehr sehenswerte Ausstellung engagierter, weltoffener junger Leute.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Aufleuchten“ wird am Sonntag, 15. September, um 11.15 Uhr im Herrenhof in Mußbach eröffnet. Zur Einführung spricht Professorin Tina Stolt mit Rainer Steve Kaufmann. Die Finissage mit der Verleihung des Kunstförderpreis Herrenhof ist auf Sonntag, 6. Oktober, 18 Uhr, terminiert. Öffnungszeiten: freitags 17-19 Uhr, samstags 14-18 Uhr sowie sonn- und feiertags 11-18 Uhr. Eintritt: 3 Euro.

Rachel Rüthlein erinnert an das Massaker in Peking 1989 (Ausschnitt).
Rachel Rüthlein erinnert an das Massaker in Peking 1989 (Ausschnitt).
x