Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Bilder eines Kriegsverbrechens von einem Neustadter Dachboden

Von Walter Gottschalk fotografiert und hasserfüllt kommentiert: die Hinrichtung von Wolf Kieper und Moische Kogan am 7. August 1
Von Walter Gottschalk fotografiert und hasserfüllt kommentiert: die Hinrichtung von Wolf Kieper und Moische Kogan am 7. August 1941 auf dem Marktplatz von Shitomir.

Drei Bilder und ihre Geschichte: Im April zeigte das ZDF in der Dokumentation „Wir im Krieg“ Fotos von einer barbarischen Hinrichtung, die angeblich ein Neustadter im Jahr 1941 in der Ukraine aufgenommen hat. Zwar stammt der Mann wohl gar nicht wirklich aus Neustadt, doch mit der Pfalz haben die erschütternden Aufnahmen trotzdem etwas zu tun.

Diese Bilder treffen ins Mark – mindestens ebenso sehr allerdings die antisemitischen Hass-Parolen, die der Fotograf, ein Soldat namens Walter Gottschalk aus der 71. Infanteriedivision, wohl „zur Erinnerung“ auf die Rückseiten geschrieben hat: Begriffe wie „Judenschweine“ oder „Abschaum der Menschheit“ zeugen von der Entmenschlichung, die damals wohl das Denken auch vieler ganz normaler Wehrmachtsangehöriger prägte.

Eine Hinrichtung als Massenspektakel

Alle drei Aufnahmen entstanden während einer öffentlichen Hinrichtung, die SD und SS am 7. August 1941 auf dem Marktplatz der Stadt Shitomir in der Ukraine vornahmen. Zahllose Menschen – Deutsche und Ukrainer – sahen damals zu, wie zwei Juden an einem improvisierten Galgen erhängt wurden. Das erste Bild der Serie, eine Totale, zeigt den proppenvollen Platz und in der Bildmitte die Vorbereitung der Exekution: Die beiden Opfer stehen mit der Schlinge um den Hals auf dem Dach eines Fahrzeugs, das wenig später weggefahren wird. Auf dem zweiten Foto, das wir aus Gründen der Pietät hier nicht veröffentlichen, sind die beiden Erhängten in Großaufnahme zu sehen. Einem der Männer scheint die Hose heruntergezogen worden zu sein. In seiner dritten Aufnahme nimmt Gottschalk eine Gruppe aufgereiht am Boden kauernder Juden ins Visier, die auch schon auf dem ersten Bild rechts zu sehen ist. „Die Parasiten der Menschheit, alles Juden, die sich an der Hinrichtung Ihres (sic!) Artgenossen beteiligen müssen. Man schaue sich diese Verbrechergesichter an“, schreibt der Soldat dazu auf die Rückseite.

Ausdruck einer Radikalisierung und Ideologisierung

In der Dokumentation „Wir im Krieg“, die das ZDF am 28. April im Vorfeld des 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945 zur besten Sendezeit ausstrahlte, wertete Prof. Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte in München diesen Kommentar Gottschalks und ähnliche Bemerkungen, die sich auf den beiden anderen Bildern finden, als „Ausdruck einer Radikalisierung und Ideologisierung von sehr vielen Wehrmachtssoldaten“ zu dieser Zeit. Eingeführt wird Walter Gottschalk in dem Beitrag dabei als „Soldat aus Neustadt an der Weinstraße“. Das zumindest aber scheint eine Fehlinformation zu sein, wie Christina Röhrenbeck, die für Bild- und Tondokumente zuständige Mitarbeiterin des Landesarchivs Speyer, betont, auf deren Recherchen zu den Fotos sich das ZDF in seiner Sendung stützte.

Die Fotos sind ein Neustadter Dachbodenfund

Wie Röhrenbeck bestätigt, gelangten Gottschalks Aufnahmen (oder besser gesagt: deren Scans) 2015 zusammen mit rund 250 weiteren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ins Landesarchiv Speyer, und sie stammen auch tatsächlich aus Neustadt. Als „Dachbodenfund“ bezeichnet sie die Bilder. Der heutige Eigentümer, der sie im Nachlass einer verstorbenen Verwandten fand, habe aber direkt nichts mit Gottschalk zu tun, der seinerseits den von Deutschland vom Zaun gebrochenen Weltkrieg allem Anschein nach nicht überlebt hat. Er stammte wohl ursprünglich aus dem Raum Hannover und war mit einer Enkenbacherin verheiratet. Vielleicht sind seine Fotos auf diesem Wege in die Pfalz gelangt. „Leider ist es uns nicht gelungen, mehr über ihn herauszufinden“, sagt Walter Rummel, Röhrenbecks Chef in Speyer.

Die Opfer wurden als „Tscheka-Juden“ diffamiert

Dafür konnte die Wissenschaftlerin umso mehr Licht auf die Hintergründe der Ereignisse vom 7. August 1941 werfen. Bei der Großaufnahme sind an einem Schild an den Galgenpfosten nämlich deutlich die Namen der Opfer zu lesen: Wolf Kieper und Moische Kogan, die hier als „Tscheka-Juden“ diffamiert werden. Die Tscheka war die gefürchtete sowjetische Geheimpolizei. Über eine Recherche dieser Namen in den Datenbanken der Gedenkstätte Yad Vashem und des „United States Holocaust Memorial Centers“ in Washington gelang es Röhrenbeck, die Verbindung zwischen den Bildern und dem Ereignis herzustellen. Demnach waren Wolf Kieper und Moische Kogan beide als Gebietsrichter im Gebiet Shitomir tätig und wurden – angeklagt, für den Tod von mehr als 1300 „Volksdeutschen“ und Ukrainern verantwortlich zu sein – unter fragwürdigen Umständen zum Tode verurteilt. Vermutlich reichte es schon aus, dass sie sow-jetische Funktionsträger und Juden waren, um ihr Schicksal zu besiegeln.

Über eine der wichtigsten schriftlichen Quellen zum Vernichtungskrieg im Osten, die Ereignismeldungen der SS, konnte Röhrenbeck auch weitere Zusammenhänge rekonstruieren: So wurden die etwa 400 jüdischen Männer aus Shitomir, die der Hinrichtung Kiepers und Kogans mit hinter dem Nacken verschränkten Händen beiwohnen mussten und von denen Gottschalk einige ablichtete, wenig später von der SS-Einsatzgruppe C und Angehörigen der Wehrmacht außerhalb der Stadt auf einem Pferdefriedhof erschossen und verscharrt.

Bildliche Zeugnisse der Verbrechen sind heute rar

Für Röhrenbeck sind die Fotos ein Beleg dafür, dass die Verbrechen der Deutschen im Osten „keineswegs im Verborgenen stattfanden, sondern als angebliche Sühnemaßnahmen offen zur Schau gestellt wurden und auch bei Wehrmachtsangehörigen Zustimmung fanden“. Die Hinrichtung und das Massaker von Shitomir sind im übrigen durch zahlreiche Dokumente und Zeugenaussagen gut belegt. So berichtete etwa der Heeresrichter Artur Neumann, der bei der Exekution anwesend war, nach dem Krieg, wie Moische Kogan „infolge seiner Todeszuckungen“ die Hose auf die Füße rutschte – eine Passage, die der Frankoamerikaner Jonathan Littell 2006 praktisch wortwörtlich in seinen Skandalroman „Die Wohlgesinnten“ übernahm, der auf 1400 schwer erträglichen Seiten die fiktiven Memoiren eines SS-Offiziers schildert.

Dagegen existiert nur eine recht begrenzte Anzahl von Bilddokumenten. Private Film- und Fotoaufnahmen von Hinrichtungen wurden den deutschen Truppenangehörigen nämlich schon bald verboten – wohl, weil man „Bad Vibrations“ in der Heimat fürchtete. Und die offiziellen Fotos der Polizeieinheiten und SS-Verbände ließ Heinrich Himmler vernichten, als er erkannte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Das macht Walter Gottschalks „Neustadter“ Bilder heute umso wertvoller, so grausig man sie auch finden mag.

Die 400 jüdischen Männer aus der Region, die dem Schauspiel beiwohnen mussten und noch am gleichen Tag selbst ermordet wurden. W
Die 400 jüdischen Männer aus der Region, die dem Schauspiel beiwohnen mussten und noch am gleichen Tag selbst ermordet wurden. Walter Gottschalk fertigte vielleicht das letzte Foto von ihnen – allerdings ohne jedes Mitleid, wie seine Bemerkung auf der Rückseite des Bildes zeigt.
Der Fotograf: Walter Gottschalk in der Uniform des Reichsarbeitsdienstes.
Der Fotograf: Walter Gottschalk in der Uniform des Reichsarbeitsdienstes.
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