Neustadt Bewahren und erinnern

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Deidesheim. Der „Freundeskreis ehemalige Deidesheimer Synagoge“ hat aus der Sammlung einer Schweizer Rotkreuzschwester, die während ihres Aufenthalts im französischen Internierungslager Gurs Fotos und Zeichnungen der dort gefangen gehaltenen Juden aus Baden, dem Saarland und der Pfalz gesammelt hat, eine kleine, aber interessante Ausstellung konzipiert, die von heute an in der Synagoge gezeigt, später aber auch zum Beispiel an Schulen ausgeliehen werden soll.

Elsbeth Kasser, 1910 im Kanton Bern geboren und 1992 ganz in der Nähe gestorben, war eine sozial engagierte Frau, die als Krankenschwester unter anderem im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 und im von der Roten Armee angegriffenen Finnland 1940 tätig war. Im gleichen Jahr ging sie nach Südfrankreich, um im Auftrag der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes in den Internierungslagern zu helfen. Etwa zu gleichen Zeit kamen in Gurs die im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion deportierten Juden aus dem deutschen Südwesten an. Um zu dokumentieren, was diesen Menschen von den Nazis und ihren Helfern angetan wurde, legte Kasser bis zur Auflösung des Lagers 1943 ihre Sammlung an, die heute im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich verwahrt wird. Weil sich dieses Anliegen exakt mit dem des Deidesheimer Synagogen-Vereins deckt, war dessen Vorsitzender Franz-Josef Ratter sofort von der Idee begeistert, eine Ausstellung zu gestaltet, die künftig zum Beispiel von Schulen zur Veranschaulichung des Themas im Unterricht ausgeliehen werden kann. Auf acht Acryltafeln geben Texte und Bilder in Originalgröße eindringlich wieder, wie die Menschen ihre Lage in Gurs erlebten. Hunger, Kälte, Krankheit und Tod gehörten für sie zum Alltag. Sie waren dankbar für die Menschlichkeit, die von Elsbeth Kasser ausging, die freiwillig selbst im Lager wohnte, um so näher bei den Menschen zu sein und ihnen direkt helfen zu können. Schon die Deportation ins Lager im Oktober 1940 war für die Menschen eine Vorahnung auf das Kommende: „Man wusste nichts und wusste darum alles. Man fühlte es. Es lag in der Luft“, sagte einer der Betroffenen. Die Zustände im Lager mit seinen insgesamt 382 Baracken mit je 60 Schlafplätzen waren unmenschlich. Die Menschen mussten anfangs auf dem nackten Erdboden schlafen, später durften sie sich einen Sack mit Stroh als Unterlage füllen. Dabei wurde ihnen in den Baracken jeweils ein 70 Zentimeter breiter Streifen zugestanden. Da das Gelände unbefestigt war, war es bei schlechtem Wetter sehr schlammig. Die Trennung von der Familie sowie Hunger, katastrophale hygienische Bedingungen und ansteckende Krankheiten prägten die Situation. Kurt Löv und Carl Bodek haben auf einer Zeichnung festgehalten, wie ein Brot geschnitten und auf sechs Männer verteilt wird. Dazu gab es nur Wassersuppe. Durchschnittlich starben jeden Tag sieben Menschen. Auch Hilfslieferungen von Wohlfahrtsorganisationen konnten nur wenig Abhilfe schaffen. Auf den Ausstellungstafeln ist das Geschehen mit Zitaten der Lagerbewohner kommentiert. Sie machen deutlich, mit welchen Problemen die Internierten zu kämpfen hatten, die durch einen Stacheldrahtzaun von der Außenwelt getrennt waren. Auf die Unterernährten unter ihnen wartete der Tod. Für sie gab es einen eigenen Lagerfriedhof. Die in Gurs internierten Künstler fertigten eine Reihe von Zeichnungen an, die die Schweizer Krankenschwester als Geschenk erhielt und in einem Karton unter ihrem Bett aufbewahrte. Für Franz-Josef Ratter ist besonders wichtig, jungen Menschen das Geschehen in Gurs nahezubringen. So haben sich 30 Schüler der IGS Deidesheim zu einem freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem jüdischen Friedhof in Deidesheim gemeldet. Im Begleitprogramm der Ausstellung wird der Film „Deportiert und vergessen? Camp de Gurs - eine Spurensuche“ gezeigt. Außerdem hält Roland Paul, Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, morgen einen Vortrag mit dem Titel „Gurs – 75 Jahre nach der Deportation. Das Schicksal pfälzischer und Deidesheimer Juden“. Die Ausstellung Die Ausstellung mit Zeichnungen, Aquarellen und Fotos aus dem Internierungslager Gurs ist an diesem und dem darauf folgenden Samstag und Sonntag, 7./8. und 14./15. November, sowie am Mittwoch, 11. November, jeweils von 14 bis 18 Uhr in der ehemaligen Synagoge, Bahnhofstraße 18, in Deidesheim zu besichtigen. Der Vortrag von Roland Paul beginnt dort morgen, Sonntag, um 18 Uhr. Eintritt ist frei. (dox)

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