Neustadt Berauschende Melodien auf der Scandalli Super VI

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Neustadt. Das Akkordeon ist ein Instrument, das längst nicht mehr nur für Volksmusik oder Seemannsliedern gut ist, sondern dessen Vielseitigkeit inzwischen weithin Anerkennung findet. Einen eindrucksvollen Beleg dafür gab die Berliner Solistin Cathrin Pfeifer am Samstagabend im Wirtshaus Konfetti mit ihren Stücken, die französische Chansons mit experimenteller, jazziger Musik, Folk, afrikanischen Rhythmen und lateinamerikanischen Einflüssen verbinden.

Cathrin Pfeifer kann auf beeindruckende Erfolge verweisen: Die seit 1987 freischaffende Musikerin schrieb Filmmusiken, etwa zu dem von den Kritikern hochgelobten Film „Nachtgestalten“ von Andres Dresen, und wurde über Jahre von einer Reihe renommierter Theater in Berlin, Zittau und Konstanz engagiert. Sie gewann 2002 den Berliner „Musica Vitale Solisten Preis“ und trat gemeinsam mit Musikgrößen wie dem Saxophonisten Steve Lacy, der Rockband „Keimzeit“ oder der sizilianischen Sängerin Etta Scollo auf. Vor allem aber führten sie ihre Solokonzertreisen kreuz und quer durch Europa und weiter, nach Marokko, Hongkong, New York, Brasilien und Madagaskar. Auf allen Kontinenten begeisterte sie ihr Publikum, so dass ihre Einladung nach Neustadt ausgesprochen gut in die Weltmusik-Reihe des Kulturvereins Wespennest passt. Obwohl sie überwiegend in Berlin lebt und damit eher in gemäßigten Gefilden, atmet doch jede ihrer Melodien die Weite und Lebensfreude des Südens, wofür auch ihr sinnliches Temperament zeugt, etwa eine gewisse Seeräuberromantik der Karibik oder Brasiliens, deren Mangofrüchte sie denn dann auch in ihrem Stück „Mango/Tango“ verewigt. „Warme weiche Wiesen; laue, sommerwarme Luft“ waren Pfeifers erste einleitende Worte zu ihren eigenen Stücken, die die Gäste im ausverkauften „Konfetti“ allesamt zum Träumen und Staunen einluden. Auch ihre folgenden Lieder, die sie als Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen und der Welt versteht, kündigte sie mit kurzen, aber treffenden und oft mit leisem Humor vorgetragenen Erklärungen an. Pfeifer beherrscht ein leichthändiges, feuerwerkartiges Akkordeonspiel, bei dem sie etwa atemberaubend schnelle Läufe auf der Tastenseite mit tiefen, brummigen Melodien der Bässe kombiniert, nur um im nächsten Augenblick überraschend leise, poetisch anmutende Töne anzustimmen. Dazu benutzt Pfeifer bei ihren Auftritten oft eine Technik, mit der sie ihre zunächst gespielten Klänge unmittelbar auf den Synthesizer aufnimmt, der, mit ihren Füßen bedient, die Melodie dann schleifenartig wiederholt, während sie gleichzeitig weiterspielt, bis sich der ganze Raum mit Musik füllt. Pfeifer erzählt mit ihrem Akkordeon Geschichten; mal lockt sie mit hellem Sirenengesang, dann wieder wirbelt sie mit eingängigen Melodien, selbst mit Klopfen und Trommeln. Ihre Lieder lösen ganz unterschiedliche Gefühle aus: Dem melancholischen Stück „Tropfen der Tränen“ folgen der eher heitere „Fall der Marienkäferchen“ (vom Rahmen des im Frühling geöffneten Fensters hinab auf ihre Noten), das erotische „Kuschelhormon“ und schließlich, begeisternd, „Metropolitan Drive“, eine Hommage an ihre Heimatstadt Berlin. Darin fängt sie den Puls der Großstadt so eindringlich ein, dass man geradezu die summenden Straßenbahnen, die murmelnden Gespräche in den Cafés oder das elektrische Knistern der Laternen in der Nacht zu hören meint. In „Liebeslied“ drückt sie im Stil des französischen Chansons unerfüllte Sehnsucht aus, „Oh Sweetheart“ verarbeitet eine gehörige Portion Ärger, über das eigene „Nichtgehörtwerden“ in einer Beziehung. Liebevolle Wertschätzung geht in „Twinkle Wrinkle“ (übersetzt etwa „funkelndes Fältchen“) an die ältere Generation, „denn in ihren nicht mehr glatten Gesichtern kann man nicht mehr so leicht abrutschen“, so Pfeifer. Selbst ihr Instrument, die „Scandalli Super VI“, hat eine eigene Geschichte zu erzählen, lag das Akkordeon doch 40 Jahre zunächst neu und ungespielt in einem vergessenen Koffer, ehe es von Pfeifer wachgeküsst und um die Welt getragen wurde. Die einzigartige Musik erscheint so als Ergebnis ungezählter Begegnungen und Erfahrungen, in denen es der Musikerin gelingt, sich ihr lebensfrohes Gemüt zu bewahren. Ihr Motto, „Schöne Dinge nicht aufschieben, sondern gleich leben!“, führte so trotz fortgeschrittener Stunde beim Publikum, darunter erklärtermaßen viele Akkordeonisten, dazu, dass es die Musikerin gar nicht mehr gehen lassen wollte, bis es bei der dritten Zugabe mit einem „Lied zur letzten Ruhe“ über einen toten Maulwurf, der der Künstlerin unerklärlicherweise vom Dach ihres Gartenhäuschens in der Uckermark vor die Füße fiel, besänftigt wurde. Dennoch drückte eine Zuhörerin danach sicher einen allgemeinen Wunsch aus: „Man möchte, dass es immer weiter geht!“ Fazit: ein begeisterndes, bereicherndes Konzert, das nach Wiederholung ruft.

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