Neustadt
Belastender Alltag: Zwei Polizisten berichten
Eines ist klar: Sowohl Attacken auf Polizisten als auch Gewalttaten in Familien (offiziell heißt es: Gewalt in engen sozialen Beziehungen) lassen die Ermittler nicht kalt. Sie suchen nach solchen Erfahrungen den Austausch untereinander, um auch weiterhin fit für Einsätze zu sein. Die Kommissare Wladimir Karlin und Daniel Henrich erlauben einen Einblick in ihren Alltag – und wie viel Fingerspitzengefühl bei diesen beiden Problembereichen nötig ist.
Gewalt gegen Polizisten
Anfang September 2020: Die Polizei wird um 14 Uhr an eine Bushaltestelle gerufen, weil dort eine Person randaliert. Es handelt sich um einen 17-Jährigen aus dem Kreis Bad Dürkheim, der herumschreit und mit Flaschen wirft. Als die Polizisten ankommen, beruhigt sich der betrunkene und polizeibekannte Jugendliche. Auch dessen Vater kommt zum Einsatzort. Alles scheint sich gut und einvernehmlich regeln zu lassen. Doch etwa eine halbe Stunde später geht wieder ein Anruf bei der Inspektion ein. Dieses Mal wird ein Randalierer an der Globus-Tankstelle gemeldet. Als die Streife vor Ort ist, stellt sich heraus: Es ist wieder der 17-Jährige. Er war aus dem Auto seines Vaters gesprungen, da dieser ihn in die Jugendpsychiatrie nach Klingenmünster bringen wollte.
„Er hat die Fäuste geballt und uns fortlaufend beleidigt und bedroht“, erinnert sich Daniel Henrich. Die erste Streife fordert Verstärkung an. Zu viert wollen die Polizisten den jungen Mann fixieren. „Doch der hat sich gesperrt und getreten und dabei auch uns getroffen.“ Letztlich war der 17-Jährige aber unter Kontrolle. Aber nur vermeintlich, denn nun begann er mit Spuckattacken. „Wir mussten ihm daher eine Spuckhaube aufsetzen“, so Henrich.
„Kommt häufiger vor“
Zwei Einsätze dieser Art hat er 2020 selbst mitgemacht. Da der 17-Jährige von Selbstmord spricht, wird er von Polizei und Rettungsdienst in die Jugendpsychiatrie nach Klingenmünster gefahren. Die ganze Zeit blieb der junge Mann aggressiv: „Er hat permanent versucht, zu treten und zu spucken.“
Mehrere Tage lang sei dieser Einsatz noch Thema bei den Kollegen gewesen. „Wir bereiten das nach, hinterfragen uns.“ In dem Fall kam noch eine Sorge hinzu. Der 17-Jährige litt unter Krätze. Also mussten auch alle Polizisten, die am Einsatz beteiligt waren, sich untersuchen lassen und hatten einige Zeit Angst vor einer Ansteckung.
Was auf den Zuhörer schockierend wirkt, nimmt Henrich mit einem Schulterzucken hin: „Das war nichts Außergewöhnliches, so etwas kommt häufiger vor.“ Daher tragen die Polizisten auch umfassende Schutzkleidung und haben mit Bodycam, Pfefferspray, Taser, Handfessel sowie Schusswaffe und Schlagstock mehrere Instrumente dabei, die ihnen helfen und die Einsätze sicherer machen sollen. Dazu zählt auch eine „balistische Schutzdecke“, sagt Henrich: Die kommt dann zum Einsatz, „wenn gemeldet wird, dass jemand bewaffnet ist“. Allerdings ist es extrem anstrengend, die etwa neun Kilo schwere Decke die ganze Zeit vor dem Körper zu tragen. Er sei froh über die Hilfsmittel zum eigenen Schutz. Denn man müsse mit der Gefahr leben und sich trotzdem gut auf jeden Einsatz vorbereiten, sagt Henrich.
Gewalt in sozialen Beziehungen
Wladimir Karlin ist auf der Inspektion der Experte, wenn es um Delikte im Bereich Gewalt in engen sozialen Beziehungen geht. Womit er hier konfrontiert werde, sei meist sehr belastend. „Das muss man verarbeiten.“ Das gilt etwa für den Fall, der ihn seit Ende November beschäftigt. „Und das ist kein Exot“, betont der Polizist.
Die tragische Geschichte beginnt 2017, als sich eine 39-jähriger Mutter zweier Kinder in einen drei Jahre älteren Mann verliebt. Anfangs läuft alles gut, das Paar bezieht mit den Kindern eine gemeinsame Wohnung. Zwei Jahre später: Der Mann ist seinen Job los und trinkt verstärkt Alkohol. Es kommt zu ersten Streitigkeiten, der Mann wird zunehmend aggressiv. Obwohl die Frau und ihre Kinder leiden und Angst haben, dauert es bis November 2020, ehe die Polizei eingeschaltet wird. Auslöser war ein Schlag ins Gesicht. „Nun war die Frau zur Trennung entschlossen“, sagt Karlin.
„Lange Leidensgeschichte“
Noch in der Nacht des Anrufs muss die Polizei eine ganze Menge regeln: „Es stellte sich heraus, dass die Frau zuvor schon geschlagen und getreten worden war.“ Es sei typisch für solche Fälle, dass die Gewalt „erst nach einer langen Leidensgeschichte gemeldet wird“. Hauptziel der Polizei ist es daher, die Spirale der Gewalt zu unterbinden.
In dem Fall wurde der Mann noch nachts der Wohnung verwiesen, er musste die Schlüssel abgeben und bekam ein Kontaktverbot auferlegt. „Außerdem machen wir in der Gefährderansprache deutlich, welche Folgen ein Verstoß gegen die Auflagen hat“, sagt Karlin. Außerdem wurde die Interventionsstelle eingeschaltet, um der Frau und den Kindern dauerhaft zu helfen.
Karlin: „In diesem Fall ist erfreulich, dass die Frau konsequent geblieben ist. Es blieb bei der Trennung.“ Oft ziehen Frauen (in den allermeisten Fällen sind sie die Opfer) jedoch Anzeigen zurück und versuchten einen Neustart mit dem Partner. „Im Schnitt braucht es sieben Anläufe, um solche Beziehungen zu lösen“, so Karlin. Ihm sei klar: Solche Fälle seien speziell für die Frauen „ein Kraftakt, denn wir beleuchten ja die gesamte Vergangenheit und oft lässt der gewalttätige Partner nicht locker“.
Zur Sache: Zahlen der Polizeistatistik
215-mal ist es vergangenes Jahr in Neustadt zu Gewalt in engen sozialen Beziehungen gekommen. Laut Helmut Landwich, stellvertretender Inspektionsleiter, pendeln die Zahlen jedes Jahr im Bereich von etwa 200 Fällen. 215 ist aber ein neuer Höchstwert. 2019 wurden 167 Fälle gezählt – die recht niedrige Zahl führt Landwich unter anderem darauf zurück, dass es Mehrfachtäter gab, die aber nur einmal in der Statistik auftauchen. Hinzu kommen zunehmende Spannungen wegen Corona. „Wir denken, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt.“
Landwich verdeutlicht die Brisanz dieses Bereichs: „Statistisch gesehen ist der Partner/Ex-Partner der gefährlichste Mensch.“ So habe es in Neustadt im Vorjahr 932 Opferdelikte gegeben – 23 Prozent davon entfielen auf die Gewalt in engen sozialen Beziehungen. Dort wiederum bilden Körperverletzungen mit 149 Fällen den größten Anteil. 59-mal gab es Bedrohungen.
Hemmschwelle sinkt
Mit Blick auf die Gewalt gegen Polizisten spricht Landwich von einem gesamtgesellschaftlichen Problem, das sich auch in Neustadt niederschlage. Die Hemmschwelle zur Aggression gegenüber Polizisten, aber auch Feuerwehrleuten und Sanitätern sei gesunken.
85-mal waren im vergangenen Jahr Polizisten das Ziel von Attacken (2019 gab es 60 Fälle). 15 Polizisten wurden im Einsatz verletzt – einer war deshalb sogar zwei Wochen lang dienstunfähig. Was Landwich besorgt: Die Zahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an. 2020 wurden Polizisten sechsmal geschlagen, neunmal getreten, viermal bespuckt, elfmal bedroht und 50-mal beleidigt.
79 Täter waren männlich, sechs weiblich. Mit 36 Fällen kommen die meisten Täter aus der Altersklasse 31 bis 40 Jahre, gefolgt von den 21- bis 30-Jährigen (17 Fälle). Der Ausreißer: Einmal war der Aggressor schon über 70 Jahre alt.