Hassloch
„Bedrohung für die Demokratie“: Waldjugend positioniert sich gegen AfD
Der Boden federt. Weicher Rindenmulch liegt dort, wo sonst harter Asphalt ist, und dämpft die Schritte der Besucher der Haßlocher Waldweihnacht. Über allem weht der Duft von Holzrauch. Am Rand des Jahnplatzes spannt sich eine große schwarze Jurte auf. Drinnen flackert ein Ofen, draußen lodert eine Feuerstelle, an der Kinder lange Stöcke in die Flammen halten, um Teig langsam knusprig zu backen. Zwischen all dem stehen kleine Tannenbäume verstreut, als würde sich ein Stück Wald mitten auf den Haßlocher „Weihnachtsmarkt der 1000 Lichter“ schieben, der am Freitagabend auf dem Jahnplatz eröffnet wird.
Teil des Weihnachtsmarkts ist auch die Waldweihnacht, die Naturatmosphäre mit weihnachtlicher Stimmung verbindet. Seit mehr als zehn Jahren wird sie von der Haßlocher Waldjugend gestaltet, unterstützt vom Forstzweckverband und den Pfadfindern. „Darauf sind wir besonders stolz“, sagt Leonard Haas, stellvertretender Horstleiter der Haßlocher Waldjugend.
Aufwachsen in der Waldjugend
Die Waldweihnacht ist mehr als ein Verkaufsstand. Sie ist ein begehbares Schaufenster, eine Einladung, den Wald zu erleben, der dem Verein so am Herzen liegt. Lagerfeuer gehören bei der Haßlocher Ortsgruppe nicht nur an Weihnachten fest dazu. Sie sind Orte, an denen gesungen, musiziert und Gemeinschaft gestärkt wird. „Unser Kern ist die Umweltbildung für Kinder und Jugendliche und der Naturschutz“, sagt Haas. Und das nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch.
Einmal pro Woche treffen sich die Kinder- und Jugendgruppen. Die Ortsgruppe zählt derzeit etwa 80 Mitglieder, von sechs bis 27 Jahren darf man Mitglied werden. Viele von ihnen wachsen im Verein auf und übernehmen später Verantwortung als Gruppenleiter. So auch Leonard Haas. Der 22-jährige Student ist seit Kindheitstagen Mitglied bei der Waldjugend – zunächst als Gruppenmitglied, später als Gruppenleiter. „Für mich ist die Waldjugend ein Ort, an dem ich viel über mich lernen kann und mich in verschiedenen Bereichen weiterbilde“, sagt der Haßlocher. Die Vereinsarbeit sei nicht nur Ausgleich, sondern auch sinnstiftend, „weil ich das Gefühl habe, dass wir den Kindern viel mitgeben können“. Gleichzeitig lernten die Vereinsmitglieder früh, sich in die Gemeinschaft einzubringen.
Eigenes Gruppenheim fehlt
Zu ihr gehört auch Lennart Meyer. Der 16-jährige Haßlocher ist seit fast zehn Jahren dabei, seit er 14 ist, leitet er seine eigene Gruppe. „Mir gefällt die Gemeinschaft. Wir erleben viel, lernen viel und man übernimmt früh Verantwortung“, sagt der Schüler. Und er erzählt, wie es in den Gruppenstunden zugeht: „Wir sind immer draußen, wenn das Wetter es zulässt.“ Aber auch Handwerkliches steht auf dem Programm, wie etwa das Bauen von Nistkästen oder Verbissschutzen. Unterstützt werden sie auch von Revierförster Julius Paffrath. „Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben“, sagt Meyer. „Er nimmt uns mit an Orte, die sonst schwer zugänglich sind, erklärt viel und macht Umweltbildung mit den Kindern.“
Wenn es zu kalt oder zu dunkel wird, verlegt die Waldjugend ihre Treffen ins Jugendzentrum Blaubär. Denn dem Verein fehlt ein eigenes Gruppenheim. Die finanziellen Mittel dafür reichten nicht aus. Gespräche mit der Gemeinde habe es zwar gegeben, „aber die Resonanz war eher gering“, sagt Haas. Das enttäusche ihn. „In Haßloch wird Vereinsarbeit häufig als Aushängeschild genutzt. Leider haben wir nicht das Gefühl, dass tatsächlich etwas unternommen wird, um unsere Zukunft abzusichern.“
Für die Unterbringung im Blaubär sei man sehr dankbar, betont der Student, „aber es ist etwas anderes, ein eigenes Gruppenheim zu haben, in dem man auch mal mit den Kindern übernachten kann“. Das gestalte sich in der Regel schwierig. Einmal im Jahr klappt es dennoch: beim Waldläufercamp, einem dreitägigen Zeltlager zu Beginn der Sommerferien. Übernachtet wird in großen schwarzen Jurten auf der Haßlocher Pferderennbahn. Jedes Jahr habe ein eigenes Thema, sagt Haas, die Nachfrage sei „immer riesig“.
Historische Wurzeln der Waldjugend
Die Farbe Schwarz findet sich nicht nur bei den Jurten, sondern auch in den schwarz-grünen Halstüchern wieder, die viele Mitglieder tragen. Das Schwarz verweise auf die bündische Szene, erklärt Haas, eine Haltung, die sich aus der Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts entwickelt habe, getragen von dem Wunsch nach einem freien, selbstbestimmten Leben, nach Gemeinschaft, Naturverbundenheit und Formen des Zusammenseins, die sich bewusst von den politischen Strömungen ihrer Zeit absetzten. Das Grün im Tuch stehe für den Naturschutz.
Auch die Organisation selbst ist historisch verankert. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als vielerorts Wälder zerstört oder aus wirtschaftlicher Not abgeholzt worden waren, entstand die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Aus ihr ging 1957 die Deutsche Waldjugend hervor, die Haßlocher Ortsgruppe existiert seit 1996.
Bekenntnis zum Grundgesetz
Im Unterschied zu den christlich geprägten Pfadfindern, die ebenfalls zur bündischen Szene gehören, versteht sich die Waldjugend ihrem Leitbild zufolge als parteipolitisch und konfessionell ungebunden. „Aber ungebunden heißt nicht, neutral zu bleiben gegenüber dem, was unsere Demokratie bedroht“, sagt Haas. Deshalb positioniert sich die Waldjugend ausdrücklich gegen rechtsextreme Tendenzen und bekennt sich klar zum Grundgesetz. Rechtsextremismus nehme zu, betont er, und dem müsse man sich entschieden entgegenstellen. Die AfD sehe man als Gefahr und „Bedrohung für die Demokratie“. Demokratiebildung sei deshalb ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit: Vielfalt und Toleranz verstehe man nicht nur als Grundsätze, sondern als gelebte Praxis, „die wir an die Kinder weitergeben wollen“.
Info
In der neuen Gruppe für Kinder zwischen sieben und neun Jahre, die im Frühjahr startet, gibt es noch freie Plätze. Weitere Infos auf der Webseite der Waldjugend Haßloch www.waldjugend-hassloch.de oder per E-Mail an hallo@waldjugend-hassloch.de.