Neustadt
Bayerisches Juniorballett im Saalbau
Das Bayerische Juniorballett München ist ein Sonderfall in der deutschen Tanzlandschaft: getragen von der Heinz-Bosl-Stiftung, der Hochschule für Musik und Theater München und dem Bayerischen Staatsballett, bildet es seit 16 Jahren eine Übergangscompany zwischen Ausbildung und Weltkarriere. Die Studierenden leben, arbeiten und tanzen hier als Kollektiv – zwei intensive Jahre lang, im Alter von 17 bis 19, international ausgebildet und sichtbar auf dem Sprung in große Compagnien. Diese kollektive Energie, dieses permanente Miteinander, ist auf der Bühne körperlich spürbar. Als Präzision, Spielfreude und risikofreudigem Zusammenhalt.
Sieben Stücke bündelte der Abend – ein Parcours durch Stile, Epochen und Haltungen. Den Auftakt machte „Slice to Sharp“ von Jorma Elo (Finnland). Die Choreografie war einst beim New York City Ballett zu sehen. Streng neoklassisch und doch elektrisiert tanzten acht junge Körper mit stupender Musikalität zu Barockklängen von Heinrich Ignaz Franz von Biber und Antonio Vivaldi. Alte Musik, frisch serviert: federnde Sprünge, elegante Hebungen, klare Linien – ein tänzerischer Dialog von Formstrenge und Spiellust.
Klamauk mit Konzept
Es folgte das humorvolle „Ballet 102“ von Eric Gaulthier. Ein Pas de deux nach Zahlen, dirigiert von einer Stimme aus dem Off, die klassische Posen durchnummeriert und entzaubert. Himmels-Hebung auf 100, bei Nr. 70 sind Romeo und Julia tot, und zwischendurch flattert ein Schwan durchs Bild. Klamauk mit Konzept, respektlos liebevoll – Elzé Sadauskaité und Mark Sims zeigten dem ehrwürdigen Ballettvokabular augenzwinkernd den Mittelfinger. Das Publikum ging begeistert mit.
Jazzig-vintage wurde es mit „The New 45“ von Richard Siegal. Alte Single-Schallplatten mit 45 Umdrehungen knisterten und rauschten, während Musik von Benny Goodman, Clark Terry, Harry Belafonte und Oscar Petterson den Raum füllte. Zu diesem warmen Sound tanzten Olja Aleksic, Benedetto Fenni, Apolline Hartz und Ata Naci Aktas swingend, verspielt und mit jener lässigen Präzision, die alten Jazz nicht imitiert, sondern atmet.
Fließend, virtuos, hochaktuell
Mit „Intuition Blast“ von Ralf Jaroschinski kam Schwanensee als Neun-Minuten-Essenz auf die Bühne: Tschaikowski eingedampft, die Schwäne verbannt, dafür zwei Businessmänner in Hemd und Schlips. Klassische Linien verschränken sich mit Contemporary und münden in Streetstyle. Anspielungsreich und mit Humor machten Joe Bratko-Dickson und Mark Sims die doppelte Prinzenrolle zum urbanen Battle – fließend, virtuos, hochaktuell. Jubel brandete auf.
Zum Finale versammelte „Devil’s Kitchen“ von Marco Goecke (Hannover) das gesamte Ensemble. Zu Pink Floyds „Wish You Were Here“ brodelte eine düstere, hochkonzentrierte Gruppendynamik: maschinenhaft mechanistische Bewegungen, nervöse Hände, im fahlen Oberlicht pulsierende Körper, herausgespieene Worte, züngelnde Zungen, hier und da ein stummer oder lauter Schrei. Unter dräuenden Nebelschwaden wurde das Publikum Zeuge eines dystopischen Dramas. Alle in Teufels Küche oder wo ist die Hölle? Im Individuum, im Gegenüber, im Kollektiv? Die im uniformen Gothik-Look gewandete Company (Kostüme: Susanne Stehle) entfaltete einen kollektiven Sog zwischen Kontrolle und Kontrollverlust – intensiv, hypnotisch, kompromisslos. Das riss das Publikum von den Stühlen. Jubel und minutenlanger Applaus belohnten die Tänzerinnen und Tänzer.
Im Abschluss-Gastspiel der Junioren zeigte sich die Zukunft des Tanzes. Eine neue Produktion – über Shakespeare, Liebes- und Geschlechter-Chaos – sei bereits in Vorbereitung, verriet der künstlerische Leiter Ivan Liska. Sie dem Neustadter Publikum vorzuenthalten wäre nach „Rasant wie brisant“ schlichtweg frevelhaft