Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Barrierefrei Busfahren: „Der Bahnhof ist am schlimmsten“

Unüberwindbare Kante: Am Hauptbahnhof ist es Rollstuhlfahrern nicht möglich, den Bussteig selbstständig zu befahren.
Unüberwindbare Kante: Am Hauptbahnhof ist es Rollstuhlfahrern nicht möglich, den Bussteig selbstständig zu befahren.

Der Neustadter Hauptbahnhof ist Dreh- und Angelpunkt für alle Reisenden und Pendler. Rollstuhlfahrer bereitet der zentrale Verkehrsknoten jedoch zahlreiche Probleme.

Busfahren innerhalb von Neustadt ist für die meisten Fahrgäste kein Problem. Unter der Woche fährt meist alle halbe Stunde ein Bus, mit dem man aus jeder Richtung an den Hauptbahnhof, den zentralen Verkehrsknoten am Herzen der Weinstraße, gelangen kann. Schnell ist mit der Deutschen Bahn-App eine Busverbindung gefunden, und die Reise kann los gehen. Was so einfach klingt, ist aber nicht für jeden so einfach. Für Monika Merschilz und viele andere Menschen in Neustadt ist die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs mit Schwierigkeiten und einigen Vorbereitungen verbunden.

Merschilz leidet an der Krankheit Multiple Sklerose, kurz MS, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, die unter anderem mit Muskellähmungen einhergeht. Mittlerweile nutzt sie einen Rollstuhl. „Ein paar Mal im Monat bin ich auf den Bus angewiesen, um weitere Strecken zurückzulegen“, erklärt Merschilz, die selbst kein Auto mehr fahre, weil es ihr zu gefährlich sei. Für Menschen im Rollstuhl sei eine Busfahrt allerdings mit großen Problemen verbunden. Was sie damit meint, wird deutlich, als die RHEINPFALZ sie auf einer Probefahrt begleitet.

Lösungen nicht kompliziert

Die Reise fängt für Merschilz unweit von ihrer eigenen Wohnung an einer Bushaltestelle in der Spitalbachstraße an. Den Weg dorthin kennt sie gut und weiß, wie sie problemlos mit ihrem Rollstuhl von einem Bürgersteig auf den nächsten wechseln kann – das ist anderswo nicht immer der Fall. Und momentan auch nicht auf ihrer gewohnten Strecke, denn es finden Bauarbeiten in der Straße statt, sodass sie oft die Straßenseite wechseln muss. Was sich für viele einfach anhört, kann für Merschilz zu einer Herausforderung werden: „Man muss immer nach abgesenkten Bürgersteigen Ausschau halten.“ Dass man öfter danach suchen muss, ist sie schon gewohnt. Dabei sei eine barrierefreie Lösung in den allermeisten Fällen nicht sonderlich kompliziert: Eine einfache Rampe zum Bussteig würde ihr zum Beispiel schon reichen.

Der Bus kommt, und der Busfahrer reagiert sofort, als er Merschilz sieht. Möglichst genau vor ihr hält er an, steigt aus und klappt eine im Bus eingebaute Rampe aus, über die Merschilz mit dem Rollstuhl in den Bus gelangen kann. „Inzwischen passiert das ganz schnell. Bei älteren Bussen klemmen die Vorrichtungen manchmal, aber man kann sich nicht beschweren“, sagt Merschilz. Der Einstieg ist geschafft. Die Fahrt selbst sei für sie meist angenehm. Die Busfahrer seien immer nett zu ihr, und auch die Fahrgäste stünden direkt höflich auf, um ihr den für Rollstuhlfahrer vorgesehenen Platz in der Mitte des Busses freizumachen. „Schwierig wird es, wenn mehr als ein Rollstuhlfahrer mitfahren möchte. Das ist aus Platzgründen einfach nicht möglich.“

Auf Businsel gestrandet

Aber auch die Haltestelle für den Ausstieg muss Merschilz kennen. Viele neu gebaute Bussteige seien so an den Rändern abgeflacht, dass man sich leicht auf den Bürgersteig begeben könne. Doch gerade am Neustadter Hauptbahnhof als Verkehrsknoten sei das nicht so. „Der Bahnhof ist am schlimmsten. Ich vermeide es, hier auszusteigen“, sagt Merschilz. Warum das so ist, zeigt sich, als der Busfahrer an einem der Bussteige hält und für sie die Rampe ausklappen will. Er wird von Merschilz aufgehalten: „Wenn ich hier auf die ,Businsel’ fahre, komme ich nicht mehr von ihr herunter.“

Der Busfahrer muss weiter nach vorne, von der erhöhten Insel an die Straße fahren, um die Rollstuhlfahrerin aus dem Bus aussteigen zu lassen. Aber auch diese Lösung hat ihre Tücken, denn nun ist der Winkel der Rampe sehr steil. Deshalb muss Merschilz rückwärts über die Rampe aus dem Bus aussteigen, um nicht aus ihrem Rollstuhl zu fallen. „Ich frage mich, warum direkt an so einem zentralen Bahnhof keine abgeflachten Bussteige gebaut werden können.“ So muss Merschilz, während sie auf ihren Bus wartet, auf der Straße neben den erhöhten Bussteigen stehen – während ständig große Busse vorbeifahren.

Keine Weiterempfehlung

Auch das Personal im Nahverkehr ist verärgert über die Situation. „Rollstuhlfahrer sind Fahrgäste wie jeder andere auch. Meine Aufgabe als Busfahrer ist es, sie mitzunehmen, wenn sie eine gültige Fahrkarte haben“, sagt Ali Yücel Temizsoyoglu. Durch Bedingungen wie am Hauptbahnhof werde es allen Beteiligten unnötig schwer gemacht. Es müsse sich „dringend etwas ändern“.

Das findet auch Merschilz: „Ich würde mir zumindest Bushaltestellen und Businseln wünschen, auf die ich als Rollstuhlfahrerin fahren kann und von denen ich dann auch wieder herunterkomme.“ Momentan würde sie Rollstuhlfahrern nicht empfehlen, in Neustadt mit dem Bus zu fahren. „Wenn sich hier jemand nicht auskennt oder noch kein geübter Rollstuhlfahrer ist, kann es teilweise gefährlich oder einsam werden, wenn man auf einer ,Businsel’ feststeckt“, warnt sie.

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