Neustadt
Authentischer US-Blues aus Bavaria: Dr. Will & The Wizards im Socu
Einer der besten Songs, den Dr. Will & The Wizards am Samstag im Garten des Neustadter Kulturtreffpunkts Socu gespielt haben, heißt „Steam Machine“. Als echte Dampfmaschine voller Energie erweist sich die Band dabei auch selber. Das Quartett zeigt sich in Bestform, sprüht über vor Spielfreude und fühlt sich – Zitat Dr. Will – „in dieser herrlichen Location“ sichtlich wohl. Dr. Will, bürgerlich Willi Hampel, ist in der Szene als schriller Typ bekannt. Ohne Zylinder sieht man den Münchener nie. Den hat er mit einer Art roten Federboa verziert und um den Hals trägt er ein Etwas, das Karl May in seinen Wildwest-Büchern wohl als Bärenzahnkette beschreiben würde.
Im Rockabilly-Style
Seine Mitstreiter stehen dem Sänger, Stehschlagzeuger und Waschbrettspieler in puncto Outfit in nichts nach. Alle haben die Fingernägel schwarz lackiert, Gitarrist und Sänger Sashmo Bibergeil trägt Hut und ärmellose Jacke, die mit einem Totenkopf verziert ist, Bassist Jürgen Reiter hat seine Haare kerzengerade nach oben toupiert und sich am Rockabilly-Style orientiert. Banjo-, Gitarren- und Mandolinenspieler Uli Kümpfel schießt mit einem schwarzen Rock, der bis zum Boden reicht, rotem Hemd und elegantem Jackett den Vogel ab. Die ergrauten Haare hat er zu einem Zopf zusammengebunden.
Mit dem in Berlin geborenen Saschmo Bibergeil weist die ansonsten rein bayerische Band sogar einen waschechten „Preißn“ in ihren Reihen auf, der zwar – wie er abseits der Bühne erzählt – von seinen Kollegen wegen seiner Herkunft öfters gehänselt wird, sich ansonsten aber nichts Schöneres vorstellen könne, als Wizard-Gitarrist zu sein. Mit dem „Railroad-Worksong“ aus dem 2015er-Album „Cuffs Off“ (ausgezeichnet mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik) geht die Band entspannt an ihre Arbeit und lässt „Penthouse Pauper“ folgen, um Dr. Wills Stimme auf Betriebstemperatur zu bringen.
Gitarre aus Cornflakes-Box
Schon beim nächsten Stück „Ain’t No Worry“ ist es dann soweit: Hampel singt die aus tausenden von Bluesnummern wohlbekannten Zeilen „I woke up this morning, my Baby was gone“, als hätte er vorher Reißnägel gegurgelt, während Saschmo Bibergeil dazu sein Können auf einer speziellen Gitarre demonstriert, deren Korpus aus einer blechernen Cornflakespackung besteht. Uli Kümpfel zieht im Anschluss mit einem Banjo-Solo zu „Doctor’s Order“ die Aufmerksamkeit auf sich. „Sally Bones“ wurde von Bassist Jürgen Reiter geschrieben, der zusammen mit Sashmo Bibergeil sogar ein Nebenprojekt gleichen Namens bildet. Stolz präsentiert der Musiker die Rückseite seines Upright-Basses auf dem der Schriftzug „Sally Bones“ in großen Lettern prangt.
Auf sein tolles Äußeres reduziert
Der Gitarrist Bibergeil darf sich zum Robert-Johnson-Klassiker „Im A Steady Rollin’ Man“ auch als Sänger präsentieren und erhält dafür viel Beifall von den Konzertbesuchern, die es sich im ganzen Socu-Garten verteilt gemütlich gemacht haben und die zum lauen Sommerabend passende Musik genießen. Bibergeil ist außerdem mit Dr. Will zusammen Komponist des Titels „Dapper Dude“, der, wie Will in seiner Anmoderation selbstbewusst auf sich und seinen Revuekörper zeigend erklärt, von einem gut aussehenden Typen erzählt, der von seinen Mitmenschen leider allzu oft nur auf sein tolles Äußeres reduziert wird – Stichwort #HeToo.
Mitbringsel aus den USA
Willi Hampel hat seine Vorliebe für Blues von einer Reise in den Süden der USA mitgebracht. Es ist ihm gelungen, die Stilart komplett zu verinnerlichen. Wenn er spricht, kann er seinen bayerischen Dialekt nicht verleugnen, wenn er dagegen englisch singt, glaubt man kaum, dass er aus München stammt. Seine whiskygetränkte Stimme – oder kommt die eher vom Gerstensaftgenuss? – ist nur mit einem vergleichbar: Tom Waits. Logischerweise darf ein Stück von ihm nicht fehlen. Will hat sich dafür „Temptation“ ausgesucht. Dass die Band im Grunde ihres Herzens nicht nur dem Blues, sondern auch dessen Baby, dem Rock’n’Roll, zugeneigt sind, beweisen sie mit der letzten Zugabe, einer mitreißenden Version von Bill Haleys „See You Later, Alligator“.