Neustadt Auf Tuchfühlung

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Hassloch. Als „Exilpfälzer aus dem Schwoweländle“ bezeichnet sich der in Deidesheim geborene, aber im Großraum Stuttgart lebende Patrick Siben gern - ein Wiedersehen mit der alten Heimat gibt es jetzt bei der Neujahrstournee seiner „Stuttgarter Saloniker“, die am Sonntag auf Einladung des Kulturvereins „Ältestes Haus“ mit einem Konzert in der Aula des Hannah-Arendt-Gymnasiums in Haßloch startete.

Der Salon des Bürgertums war im 19. Jahrhundert Treffpunkt für Gespräche über Kunst, Kultur und „Gott und die Welt“. Auch musiziert wurde. Da die „Stuttgarter Saloniker“ an diese Tradition anknüpfen, sucht auch ihr Kapellmeister Siben den Smalltalk mit dem Publikum und wirbt für eine „naturbelassene Musik“ ohne Verstärker und Mikrofon. Temporeich eingestimmt mit „Wien bleibt Wien“ von Johann Schrammel betört kurz darauf der Schmelz der Violinen mit dem ersten Geiger Walter Töws in Ausschnitten aus der Operette „Die Fledermaus“ die Gäste. Den Komponisten Johann Strauß Sohn nennt Siben den Star der damaligen Jugend, die in Scharen dem „verruchten“ Walzer frönte, bei dem man so eng auf Tuchfühlung gehen konnte, dass die Älteren „nicht wieder gut zu machenden Schaden“ befürchteten. Mit Strauß im Mittelpunkt darf natürlich auch der „Kaiserwalzer“ in Originalfassung für Salonorchester nicht fehlen, zu dem vor dem geistigen Auge dank Sibens anschaulicher Erzählungen nun füllige Herren schnaufend ihre Runden mit anmutigen Damen drehen. Hier hat das Cello von Vache Bagratuni einen besonders gefühlvollen Einsatz, ebenso sehnsüchtig zart wie melodisch schwungvoll. Gioachino Rossinis Freiheitsoper über Wilhelm Tell schließt sich an mit einem „Sampler“, der die Ursprungskomposition zackig zusammengefasst. Noch klappt des Kapellmeisters Blick vom Piano aus als Aufforderung zum Mitklatschen nur bedingt. Doch Siben wäre nicht Siben, wenn er da nicht dran bliebe. Wingertgeschichten des Winzersohnes, Erklärungen zu gehobenen Notenschätzen und andere Anekdoten bringen das Publikum immer wieder zum Schmunzeln und mit der Reise zum Jazz löst sich die Stimmung komplett. Die teilweise stürmisch musikalischen Rhythmuswechsel und der „Stomp“ nach Jelly Roll Morton sorgen für Begeisterungsrufe. „Limehouse Blues“ von Philip Braham, der „Entertainer“, ein Ragtime von Scott Joplin, und der auch aus der Werbung bekannte amerikanische Marsch „Stars and Stripes forever“ von John Philip Sousa sind weitere Stücke mit Kultcharakter. Immer wieder treten einzelne der zwölf Musiker neben dem Kapellmeister in den Vordergrund, so Isabell Bludau an der Querflöte, Trompeter Ralph Himmler oder der flockig geniale Schlagzeuger Michael Aures. Zur „Petersburger Schlittenfahrt“ dürfen die Gäste Glöckchen im Trab-Rhythmus schütteln. Wirkt ein durch den Raum galoppierender Siben auch etwas überzogen und erntet den ein oder anderen befremdeten Blick, so war das temperamentvolle Spiel der Saloniker doch eine Freude. Zum Ende des Neujahrskonzerts spielen die Musiker traditionell den Radetzky-Marsch als Zugabe – warum eigentlich? Vielleicht, weil er einfach gut ankommt und man seinen Schwung dann gleich mit ins neue Jahr nehmen kann. Da die Begeisterung so groß wird, sorgt er dieses Mal noch für eine weitere Zugabe für den Nachhauseweg.

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