Neustadt Auf dem Weg zum Wunschberuf

Dass die Flucht aus Eritrea schwierig und gefährlich werden würde, war Misgane Kebede klar, als er 2012 die Grenze nach Äthiopien überschritt. Ein langer Weg durch die Wüste und über das Mittelmeer lag vor ihm. Womit er nicht gerechnet hatte: Dass Papiere, beziehungsweise nicht vorhandene Papiere, das Leben so unglaublich schwer machen können. Das erfuhr er erst, als er in Deutschland angelangt war und feststellte, dass er hier nicht einfach anfangen kann zu arbeiten. Inzwischen sind vier Jahre vergangen, und Kebede ist ein ganzes Stück weiter gekommen. Er spricht gut Deutsch und hat bei seiner Ausbildung zum Altenpfleger das zweite Lehrjahr angefangen. Wenn er über seine Arbeit spricht, lacht er. „Es gefällt mir“, sagt er. In seiner Heimat war der 26-Jährige Krankenpfleger, und auch hier hat er zunächst im Krankenhaus gearbeitet. Erst als Ein-Euro-Jobber, dann als FSJler. Seit einem Jahr ist er als Auszubildender im Altenheim St. Ulrich nun auf dem Weg zu einem richtigen Arbeitsplatz. Er ist einer von fünf Auszubildenden, vier von ihnen sind Migranten und sprachen zu Beginn der Ausbildung nur wenig Deutsch. „Wir investieren sehr viel Zeit, um den jungen Menschen beim Erlernen der Sprache zu helfen“, sagte Praxisanleiterin Sabine Schanz. Doch der Aufwand lohne sich. „Sie lernen sehr schnell.“ Wichtig für Kebede war außerdem, dass es ihm gelungen ist, aus seiner Heimat ein Stück Papier zu bekommen, das als Nachweis einer abgeschlossenen Schulausbildung anerkannt wurde. Einen Pass oder eine Geburtsurkunde kann er nicht vorlegen. Der Pass wurde ihm im Äthiopien abgenommen. Eine Geburtsurkunde? „Ich weiß nicht, ob es bei uns so etwas gibt“, sagt er. Und selbst wenn: Wenn sein Vater so etwas anfordern würde, würde er massive Probleme bekommen. Als Kebedes Freundin aus Eritrea nachkam, konnte er sie deshalb nur kirchlich heiraten. Standesamtlich ging nicht wegen der fehlenden Papiere. Und sein Sohn, der vor zwei Monaten hier zur Welt kam, hat nun den Nachnamen seiner Frau. „Das ist ganz schlimm für mich“, sagt Kebede. Nach eritreischem Brauch müsste der Kleine seinen Vornamen, also Misgane, als Nachnamen erhalten. Die Neustadter Behörden sehen das anders. Beispiel 2: „Ein Handwerkertyp“ In seiner Heimat Afghanistan hat Ali Husseini so gut wie gar nicht gelebt. Die Familie ist schon vor vielen Jahren geflohen, Husseini ist im Iran groß geworden. Doch die Flüchtlinge seien dort von allem ausgeschlossen, erzählt der 22-Jährige. Sogar von der Schule. Dass er sechs Jahre Schulunterricht erhielt, verdanke er einer Privatinitiative. In Deutschland kam er vor vier Jahren an. Nach einer Flucht über die Türkei, Griechenland und Italien landete er, versteckt in einem Lkw, in Frankfurt. Obwohl Husseini damals kein Wort Deutsch konnte, hat er inzwischen eine Ausbildungsstelle gefunden und das erste Jahr erfolgreich abgeschlossen. Er will Elektrotechniker für Energie- und Gebäudetechnik werden, der Beruf gefällt ihm. Manfred Germann, sein Lehrmeister, hat ihm eine Chance gegeben, als der Haardter Flüchtlingshelfer Hans-Peter Michel, ein guter Freund Germanns, auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle für Husseini war. „Ali hat zuerst zwei Wochen Praktikum bei uns gemacht“, erzählt Germann. „Da sieht man dann schon, ob einer ein Handwerkertyp ist.“ Die Monteure hielten den jungen Mann für ausbaufähig und Germann, Pfälzer durch und durch, beschloss: „Hopp, des mache mer.“ Sein Sieben-Mann-Betrieb ist inzwischen international. Mitarbeiter aus Polen, Weißrussland, England – und eben Afghanistan arbeiten bei ihm. „Deutsche bewerben sich kaum“, sagt Germann. Dass es mit Husseini so gut klappt, hänge damit zusammen, dass der junge Afghane lernwillig sei, und dass er Unterstützung von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern bekomme. Germann macht kein Hehl daraus, dass es ohne diese Unterstützung schwer geworden wäre. „Ich leite einen Betrieb, ich kann keine Nachhilfe geben“, macht er deutlich. Doch inzwischen sei er sicher, dass Husseini seine Ausbildung erfolgreich abschließen wird. Und der junge Mann hofft, dass er dauerhaft in Deutschland bleiben kann. „Frieden und Freiheit“: Das ist es, was er hier schätzt. Beispiel 3: „Möchte unbedingt Erzieherin werden“ Wafaa Othman will lernen. Gerade bereitet sie sich auf die Deutschprüfung auf dem Niveau B2 vor, damit sie sich endlich um einen Ausbildungsplatz bewerben kann. Erzieherin ist ihr Traumberuf. „Ich habe in Syrien Abitur gemacht und ein Jahr in einem Kindergarten gearbeitet“, erzählt die Mutter von drei Kindern. „Mein Schulabschluss gilt hier leider nur so viel wie die Mittlere Reife, aber ich möchte unbedingt Erzieherin lernen.“ Vor knapp zwei Jahren ist die kurdische Familie nach Neustadt gekommen. Hinter ihnen lag ein zerstörtes Zuhause in der syrischen Stadt Qamishli, eine nächtliche Flucht zu Fuß über die Grenze in den Irak und fünf Monate Wartezeit, bis sie nach Deutschland weiterfliehen konnten. Sie fanden ein neues Zuhause in der Gemeinschaftsunterkunft im Mandelring, und die kontaktfreudige Kurdin entdeckte für sich das Café Kontakt des Nachbarschaftsladen Haardt. „Hier kann ich Deutsche kennenlernen und Deutsch üben“, sagt Othman, die auch für die Hausaufgabenhilfe für ihre Kinder dankbar ist. Eine Anwohnerin aus dem Mandelring habe unlängst sogar das Angebot gemacht, der neuen Nachbarin im eigenen Pool das Schwimmen beizubringen. Fühlt sich Neustadt schon ein bisschen wie zu Hause an? Der neunjährige Sohn nickt begeistert. Er geht in die vierte Klasse und spricht gut Deutsch, seine beiden Schwestern besuchen das Leibniz-Gymnasium. Die Mutter allerdings zögert mit einer Antwort. „Man erkennt mich nicht unbedingt als Syrerin, weil ich kein Kopftuch trage, aber wenn ich Deutsch spreche, bekomme ich oft schroffe und ablehnende Reaktionen“, bedauert sie. Und natürlich prägt die Sorge um die in Syrien zurückgebliebenen Eltern ihr Leben. Diese sind momentan zwar nicht von Kampfhandlungen betroffen, aber der Brennstoff wird knapp und der Winter naht. Trotzdem will Othman positiv in die Zukunft blicken. „Die Kinder werden hier sehr gefördert und haben so viele Möglichkeiten“, sagt sie. „Und es ist kein Krieg hier.“