Kirrweiler
Auf dem „Kunstpfad“ tut sich einiges
Seine urkundliche Ersterwähnung vor 825 Jahren feiert Kirrweiler in diesem Jahr. Aus diesem Anlass werden am Sonntag gleich drei neue Plastiken in kurzer Taktung hintereinander auf dem „Kunstpfad“ eingeweiht. Zwei davon entstehen direkt vor Ort. Ein Besuch im Labor der Kunst, das allerdings keineswegs so steril und abgeschirmt daherkommt, wie der Begriff suggeriert.
Beim Wetter scheiden sich die Geister
Beim Wetter scheiden sich bekanntermaßen die Geister: Geradezu ideal findet Wolfgang Buntrock die aktuellen Verhältnisse. Er stamme ja aus Hamburg und habe eher Probleme, wenn es zu warm und zu sonnig ist, sagt der Landschaftskünstler aus Neustadt am Rübenberge in Niedersachsen, der schon seit Anfang der vorigen Woche in der Nähe des Schlossweihers zwei seiner charakteristischen, aus mit Draht verbundenen Ästen, Zweigen und Wurzeln bestehenden Arbeiten zusammenbaut. Deutlich weniger angetan zeigt sich dagegen die Flechtkünstlerin Lore Wild, die zeitgleich zusammen mit ihrer französischen Kollegin Valérie Testu in der kleinen Parkanlage rechts des historischen Edelhofs am Gemeinschaftsprojekt „Entrelacés – Verflochten“ arbeitet.
Eher als april- denn als junihaft empfindet sie die häufigen Umschwünge, die auch immer wieder zu Pausen zwängen. Die könnten sie sich aber nicht leisten, sagt die gelernte Korbmacher-Meisterin aus Oberriexingen bei Stuttgart, denn sie liegen im Zeitplan zurück. Angereist sind sie und Testu, die ihr Atelier in Bouxurulles hat, einem 176-Einwohner-Dorf im Département Vosges, erst am Montag. Mit der Arbeit begonnen haben sie am Dienstag. Wenn das Wetter keinen Strich durch die Rechnung mache, sei der Fertigstellungstermin aber trotzdem zu halten, sagt sie. Allerdings kündigt die Wetter-App an diesem Morgen den nächsten Regenguss schon in einer Stunde an.
Ein bereits gut eingespieltes Team
Die beiden Korbflechterinnen wollen mit einer plastischen Gruppe mit vier spiralförmig ineinander verschränkten Strängen aus ungeschälter Weide die deutsch-französische Freundschaft feiern. Die Zahl Vier steht dabei für die vier Gemeinden in der Pfalz, im Elsass und Lothringen, die den Namen Kirrweiler tragen und locker miteinander jumeliert sind. Der grenzüberschreitende Aspekt drückt sich auch in der Farbe des Ausgangsmaterials aus: Testu benutzt Salix rubens, eine auch als „Belgische Rote“ bekannte Korb- und Bindeweide, die eine auffällige, rot-orangefarbene Rinde hat und in getrocknetem Zustand braun aussieht, Wild dagegen Salix purpurea, die im Endzustand einen Grauton aufweist. Letztere stammt von einem Weidenbauer aus dem südpfälzischen Neupotz.
Mit „Entrelacés – Verflochten“ entwickeln die beiden eine Idee weiter, die sie mit nur zwei Strängen bereits vor einigen Jahren bei einem Projekt in Polen realisiert haben. Kennengelernt haben sich Wild und Testu 2009 bei einem großen Korbmacher-Event in Vallabrègues in der Nähe von Avignon. Seitdem arbeiteten die beiden Künstlerinnen bereits bei vier Projekten in vier verschiedenen Ländern als Team, wie sie auf die Frage des Reporters hin gemeinsam rekonstruieren. Für die Kommunikation benutzen sie Französisch oder Englisch.
Wolfgang Buntrock ist dagegen als Solist vor Ort. Bei größeren Projekten bringt er schon auch mal Helfer mit, aber hier in der Grünzone des Kropsbachs nutzt er gerne die Chance zur Kontemplation. Als „Wesen“ oder auch „Kreaturen“ bezeichnet er seine beiden schon weit fortgeschrittenen Schöpfungen, die flüchtige Betrachter vielleicht als Pferde deuten könnten, was gut zu den Rössern auf der benachbarten Koppel passen würde – allerdings verweisen die zehn Beine des einen und die doch arg schmalen Köpfe bei beiden Objekten doch darauf, dass es hier auf zoologische Eindeutigkeit nicht ankommt.
„Ich suche ein Knie, und ich finde ein Knie“
Buntrock, der als Land-Artist weltweit unterwegs ist, arbeitet grundsätzlich mit Fundholz. Für sein Kirrweilerer Werk, für das er sich bereits spontan auf den Titel „Kirrweiler Dialog“ festgelegt hat, brachte er Strandgut mit, dass er im Winter beim Urlaub an der Flensburger Förde eingesammelt hat. Außerdem nutzt er Gehölzschnitt aus Kirrweiler, darunter als Besonderheit für ihn als Norddeutschen gerodete Weinstöcke. Von denen ist der Endsechziger ganz begeistert. Sie gäben durch die vielfältigen Formen, die dunkle Farbe und die raue Oberfläche ganz viel her, sagt er.
„Ich suche ein Knie, und ich finde ein Knie“, beschreibt der Künstler ganz generell seine Vorgehensweise. „Dann zeigt mir der Stock, wie er eingearbeitet werden will.“ Dabei sind aber auch „Holzwege“ nicht ausgeschlossen. Am Vortag zum Beispiel habe er viel Arbeitszeit und Draht „verballert“, nur um dann festzustellen, dass das Ergebnis nicht überzeugte. Vom Zeitplan her sehe es trotzdem sehr gut für ihn aus. Zum Schluss werde er sicher sogar noch Zeit für kleinere Korrekturen und Verbesserungen haben. Das sei dann wie das letzte Zipp-Zipp beim Friseur.
„Alle sagen hallo, man fühlt sich willkommen“
Ein Faktor, den man bei Vor-Ort-Aktionen in der Pfalz immer einberechnen muss, ist die Kommunikationsfreude der Einheimischen. Die finden sowohl Wild und Testu als auch Buntrock, die aus anderen Regionen anderes gewohnt sind, jedoch ausgesprochen erfrischend. „Alle sagen hallo, man fühlt sich willkommen“, bringt es Lore Wild auf den Punkt. Wolfgang Buntrock berichtet, dass er von Anwohnern sogar zum Essen eingeladen worden sei, ein Angebot, dass er gerne angenommen habe.
Ein Thema, das bei den Gesprächen mit den Passanten immer wieder zur Sprache kommt, ist natürlich die Vergänglichkeit dieser Kunst aus Naturmaterialien. Der Landschaftskünstler aus der Nähe von Hannover gibt sich da ganz pragmatisch: Falls etwas abbreche, sei der örtliche Bauhof ausdrücklich ermächtigt, reparierend zu Werke zu gehen. Auch Lore Wild betont, dass „Entrelacés – Verflochten“ nicht für die Ewigkeit gedacht sei: „Die Farben werden ziemlich schnell verschwinden, vermutlich schon in diesem Sommer. Die Strukturen bleiben ziemlich lange bestehen.“
Veränderung ist ein Teil des Lebens
Auch für Herbert Pauser, den Kopf des 2018 in St. Martin gestarteten „Kunstpfade“-Projekts, ist der Vanitas-Aspekt kein Problem – im Gegenteil: „Ich halte nicht so viel von Denkmälern. Die überholen sich ja auch sehr schnell“, sagt er. Im übrigen werde man den Kunstwerken natürlich schon auch eine gewisse Pflege angedeihen lassen. Und schließlich sei Veränderung ja ein Teil des Lebens. Auch die Gemeindepartnerschaft, die mit „Entrelacés – Verflochten“ gefeiert wird, ist inzwischen ein bisschen eingeschlafen. Ein Kontakt zu den französischen Kommunen ließ sich im Vorfeld nicht herstellen. Das Kirrweiler im Nordpfälzer Bergland musste wegen einer eigenen Veranstaltung passen. Zum im Herbst geplanten deutsch-französischen Bauernmarkt will man aber alle ins Boot holen. „Bis dahin kriegen wir das hin“, zeigt sich Pauser zuversichtlich.
Eingeweiht wird am Sonntag auch noch eine dritte Plastik: „Kaleidoscopic Harmony“ von Steffie Pedersen aus Edelstahlstäben mit farbig umwickelten Fäden, die ihren Standort westlich des Schlossweihers, aber noch vor der Autobahn inmitten der Rebzeilen haben soll. Sie soll jedoch erst am Freitag und naturgemäß schon fertig zusammen mit der Künstlerin aus Dänemark anreisen. An unserem Besuchstag zwei Tage zuvor hält die Wetter-App derweil leider, was sie „versprochen“ hat. Kurz nach 11 Uhr ergießt sich ein Platzregen mit Graupel über dem Reporter, der dummerweise per Fahrrad unterwegs war. Selbst für den robusten Wolfgang Buntrock dürfte diese Flut zu viel gewesen sein.
Noch Fragen?
Die Teilnahme an den Vernissagen am Sonntag, 14. Juni, ist gebührenfrei, es wird aber um Anmeldung unter www.anmeldung.kunstpfade.de gebeten. Der Eröffnungsreigen startet um 11 Uhr am Edelhof mit „Entrelacés – Verflochten“, wird fortgeführt um 12 Uhr am Kropsbach-Grünzug mit „Kirrweiler Dialog“ (und einem Mittagsbuffet) und endet um 14 Uhr westlich des Schlossweihers mit „Kaleidoscopic Harmony“. Für die musikalische Umrahmung mit einem Mix aus Jazz, Weltmusik und Improvisation sorgen der in Ludwigshafen lebende französische Akkordeonist Laurent Leroi, Schlagzeuger Erwin Ditzner und die Bläser-Brüder Bernhard und Roland Vanecek. Weitere Informationen zu den Künstler(inne)n gibt es unter www.lorewild.de, www.tressage-vannerie.fr und www.wolfgang-buntrock.de.