Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Arbeitskreis Asyl Neustadt zahlungsunfähig und bald ohne Vorstand

Immer wieder befasst sich der Neustadter Arbeitskreis Asyl, den es bereits seit 35 Jahren gibt, mit Familienzusammenführungen.
Immer wieder befasst sich der Neustadter Arbeitskreis Asyl, den es bereits seit 35 Jahren gibt, mit Familienzusammenführungen. Foto: picture alliance / Patrick Pleul

Der Arbeitskreis Asyl in Neustadt hat zu kämpfen. Nicht nur fehlt das Geld – der Verein hat sich selbst als zahlungsunfähig erklärt. Auch der Vorstand löst sich auf, die Suche nach Nachfolgern läuft. Die Noch-Vorsitzende Ulrike Gauglitz schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Frau Gauglitz, die große Flüchtlingswelle ist vorüber, es kommen mittlerweile weit weniger Geflüchtete nach Neustadt als in den Jahren zuvor. Was hat der Arbeitskreis Asyl nun noch zu tun?

Wir haben recht viel zu tun. Unsere Sprechstunden sind gut besucht. Bei der rechtlichen Beratung haben sich die Schwerpunkte geändert. Ging es vor einigen Jahren hauptsächlich darum, gegen ablehnende Bescheide vorzugehen, sie den Geflüchteten zu erklären und Rechtsbeistand zu organisieren, stehen jetzt alternative Bleiberechtsmöglichkeiten im Mittelpunkt. Das sind zum Beispiel Ausbildungs- und Beschäftigungsduldungen oder der Erhalt einer Aufenthaltserlaubnis für gut integrierte Jugendliche und Erwachsene. Und für manche Migranten ist schon eine Niederlassungserlaubnis möglich, alles verbunden mit komplizierten und komplexen Regelungen. Auch die Beschaffung von Dokumenten bereitet immer größere Schwierigkeiten: Geburtsurkunden, Pässe, Dokumente für eine geplante Eheschließung. Jedes Land hat andere rechtliche Voraussetzungen. Auch bei Familienzusammenführungen helfen wir noch, und es gibt einen kostenlosen Deutschkurs für Fortgeschrittene. Stark in den Vordergrund getreten sind Berufs- und Ausbildungsberatung und Arbeitsvermittlung. Wir machen auch Schuldnerberatung. Hilfe beim Ausfüllen von Formularen ist nach wie vor nötig, aber das Anmelden von Kindern in Kita und Schule sowie das Begleiten zum Arzt haben sich stark reduziert, da die meisten Flüchtlinge mittlerweile ganz gut Deutsch können. Wie sieht es mit der Wohnungssuche aus?
Wohnraum ist und bleibt ein großes Thema. Wir haben wunderbar integrierte Familien, etwa eine syrische Familie, von der drei Kinder das Gymnasium besuchen, ein Kind ist in der Grundschule. Die Eltern arbeiten beide und suchen verzweifelt eine größere Wohnung. Bei den Maklern heißt es oft „Nein, die Wohnung ist schon weg“, aber im Internet steht die Anzeige hinterher immer noch. Manche Hausbesitzer wollen einfach keine Flüchtlinge als Mieter, was schade ist. Nach der großen Welle der Hilfsbereitschaft stießen viele Flüchtlinge immer wieder auf Ablehnung. Wie ist die aktuelle Stimmung in Neustadt aus Ihrer Sicht?
Mal abgesehen von der ablehnenden Haltung mancher Hausbesitzer gegenüber Flüchtlingen bin ich erstaunt, dass ich bislang kein einziges Mal eine offene Anfeindung erlebt habe – weder gegen uns vom Arbeitskreis noch gegen Flüchtlinge. Manchmal berichtet ein Flüchtling, dass er in der Ausbildung gemobbt wird, aber ansonsten herrscht hier keine feindliche Stimmung. Das liegt sicher auch an den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung wie Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer und Marion Walz, Leiterin des Sozialamts, die dem Thema Migration mit viel Empathie begegnen. Außerdem trägt der reaktivierte Runde Tisch Asyl dazu bei, dass in Neustadt vieles stimmig ist. Wie finanziert sich der Arbeitskreis?
Vor allem über Spenden. Aber genau darin liegt eine unserer zwei großen Nöte. Zu Beginn hatten wir genug Geld und konnten in vielen Situationen helfen. Wir haben Darlehen in Notsituationen vergeben, auch Rechtsanwaltskosten haben wir anteilig gezahlt, teilweise auch Studiengebühren. Wer als Flüchtling nur geduldet ist, hat meistens kein Anrecht auf einen Deutschkurs und muss ihn selbst zahlen. Die Gebühren haben wir ganz oder teilweise übernommen. Die Zeiten sind aber leider vorbei. Wir haben uns mittlerweile eine Ausgabensperre auferlegt. Das heißt, wir müssen von Fall zu Fall entscheiden, wem wir etwas geben. Das ist bitter und führt bei dem einen oder anderen zu Unverständnis. Die Lage ist prekär. Wie kam es dazu?
Die Spenden werden weniger, da das Thema Flüchtlingshilfe für viele nicht mehr so aktuell ist. Dann haben wir Geld an Flüchtlinge verliehen und nicht mehr zurückbekommen. Außerdem haben wir seit 2018 die Zusage von der Stadt, jedes Jahr eine feste Summe zu bekommen. Die kam 2019 aber nicht. Im aktuellen Etat ist eine Unterstützung zwar vorgesehen, aber ob die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, die den Haushalt genehmigen muss, das akzeptiert, wissen wir nicht. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt?
Es gab schon auch mal Probleme und Meinungsverschiedenheiten, aber wie ich bereits erwähnte, läuft das jetzt größtenteils reibungslos. Was auch damit zusammenhängt, dass wir uns inzwischen alle kennen, auch vom Runden Tisch her. Sie sprachen von zwei großen Nöten. Was ist die andere?
Wir haben ein großes personelles Problem. An ehrenamtlichen Helfern fehlt es nicht, deren Engagement dauert an. Aber unser Vorstand löst sich auf. Meine Co-Vorsitzende ist vorvergangenen Winter aus persönlichen Gründen zurückgetreten, ebenso wird unsere Dritte im Bunde aus beruflichen Gründen aufhören. Ich kann die Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr leisten. Ich hoffe, im Hintergrund als Beraterin tätig sein zu können und ab und an eine Veranstaltung zu organisieren, denn das ist einfach mein Ding. Zur Mitgliederversammlung im April stehen wir aber ohne Vorstand da. Wir sind verzweifelt auf der Suche nach Nachfolgern. Was muss man denn als Vorstandsmitglied mitbringen?
Es wäre hilfreich, schon Erfahrung in der Flüchtlingshilfe zu haben oder gut vernetzt zu sein. Ein bisschen Organisationstalent wäre natürlich gut und vor Leuten reden zu können. Und was man noch nicht weiß, kann man lernen. Man lernt auch ganz viel von den Flüchtlingen. Das Klima im Arbeitskreis ist jedenfalls sehr angenehm. Viele Flüchtlingshelfer sind die nettesten Neustadter, die ich kennengelernt habe. Es ist nicht so unheimlich viel Arbeit, vor allem, wenn wir wieder eine Doppelspitze zustande bringen würden mit einem Stellvertreter. Dazu kommen auch noch drei Beisitzer und ein Kassenwart, die wahrscheinlich alle weitermachen. Den Arbeitskreis Asyl gibt es in diesem Jahr bereits seit 35 Jahren. Wie hat sich im Lauf der Zeit die Arbeit mit Flüchtlingen verändert?
Begonnen hat es mit einem Empfangscafé, wo sich vor allem die sogenannten Boatpeople aus Vietnam getroffen haben. Dann kamen Nachhilfe und Sprachunterricht und die Übernahme von Patenschaften einzelner Flüchtlingsfamilien hinzu und später ein Integrationsbüro in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Turenne-Kaserne. Die zweite Welle kam mit den Geflüchteten vom Balkan und dann ab 2014 aus Syrien, Afghanistan, Somalia, Eritrea. Würden Sie sagen, dass die Flüchtlinge, die schon länger hier sind, gut integriert sind?
Soweit man sie lässt und sie selbst wollen, ja. Arbeit können viele finden. Einige halfen uns auch zwischenzeitlich als Dolmetscher aus und sind jetzt im Studium oder haben einen Beruf. Solche Erfolgsgeschichten beleben und bestätigen. Es gibt natürlich vereinzelt schwarze Schafe, die sich nicht integrieren wollen und meinen, das Jobcenter zahlt schon. Oder Männer, die ihre Frauen nicht arbeiten lassen wollen. Pflegen Sie den Kontakt zu früheren „Fällen“?
Ja, und man sieht sich ja auch ab und an in der Stadt. Da fällt einem dann schon mal jemand um den Hals. Es kommen auch immer wieder Flüchtlinge zu uns, die zwar schon eine Arbeitsstelle haben, aber dennoch weiter beraten werden wollen. Die sehen uns weiterhin als Anlaufstelle und wissen, montags und donnerstags haben wir Sprechstunde. Und das soll auch so bleiben.

Spendenkonto

Wer den Arbeitskreis Asyl finanziell unterstützen möchte, kann Geld auf das Konto mit der IBAN DE35 5465 1240 1000 4592 38 überweisen.

Die pensionierte Lehrerin Ulrike Gauglitz engagiert sich seit 2012 beim Arbeitskreis Asyl in Neustadt.
Die pensionierte Lehrerin Ulrike Gauglitz engagiert sich seit 2012 beim Arbeitskreis Asyl in Neustadt. Foto: Back
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