Annes Welt RHEINPFALZ Plus Artikel Anne Vogd empfiehlt Spieleabende als Rezept gegen Herbstblues – aber es gibt dabei Tücken

Gentrifizierung in der Schlossallee? Wer hier beim „Monopoly“-Spielen gegenüber seiner eigenen Gattin den eiskalten Kapitalisten
Gentrifizierung in der Schlossallee? Wer hier beim »Monopoly«-Spielen gegenüber seiner eigenen Gattin den eiskalten Kapitalisten herauskehrt, handelt sich eventuell ernste Eheprobleme ein.

Warum heißen Gesellschaftsspiele eigentlich Gesellschaftsspiele und nicht „Gemeinschaftszoff“? Beim Zocken gibt’s doch immer Zoff.

Wir spielten neulich „Sternenfahrer“, die Weltallvariante von „Die Siedler von Catan“. Noch bevor es losging, bestand die Aktivistin Wiebke darauf, politisch korrekt zu spielen und wollte erst mal klären, warum es „die Erde“ und „der Mond“ heißt, wo die Erde doch genauso wenig weiblich sei, wie der Mond männlich ... Michael, seines Zeichens Deutschlehrer, dozierte daraufhin irgendwas von grammatikalischem und biologischem Geschlecht, wollte dann aber selber wissen, warum Letztgenannter immer so blass ist. Meine Erklärung „weil er immer Nachtschichten schieben muss“, wurde nicht akzeptiert. „Lass dich doch hochschießen und frag ihn selbst“, antwortete ich beleidigt, worauf die „woke“ Wiebke sofort geklärt haben wollte, ob ein Raumschiff mit lauter Frauen als unbemannt gilt.

Zum Schluss heißt es: „Danke, ich finde alleine raus“

Lange Rede, gar kein Sinn: Die Nebenschauplätze führten uns, noch bevor wir richtig angefangen hatten, öfter auf Google als in ferne Galaxien. Dann endlich ging es los, und es dauerte keine zwei Minuten, bis der erste diesen ominösen Satz sagte, der jedem noch so ambitioniertem Spieler das Lächeln aus dem Gesicht jagt: „Lass uns mal kurz in die Regeln gucken“ – das „en garde“ eines Spieleabends. Nach fünf Minuten folgte das erste „So nicht – nicht mit mir“, nach zehn breitete sich der erste Glasinhalt über dem Spielbrett aus, nach 15 konstatierte Amelie: „Konnte ich ahnen, dass das Spielbrett dich am Kopf trifft“ und zum Schluss: „Danke, ich finde alleine raus“.

Ja und? Also ich finde ja, man ist nicht richtig bei der Sache, wenn nicht gebrüllt, geheult oder zumindest die Tür zugeknallt wird. Bei uns ist ein Spiel erst dann zu Ende, wenn die Polizei ein „Gastspiel“ gibt, weil ein Nachbar glaubt, es wäre häusliche Gewalt im Spiel. Als letzte Woche zwei Beamte in der Haustür standen, tönte genau in dem Moment aus dem Wohnzimmer: „Bist du blöd? Wenn die das Erz jetzt kriegt, hat die die Weltherrschaft“ ...

„Mensch ärgere dich nicht“ nehme ich wörtlich

Aber an mir liegt es nicht, wenn’s eskaliert: „Mensch ärgere dich nicht“ zum Beispiel nehme ich wörtlich. Ich ärgere lieber meinen Nebenmann. Beim letzten Tabu-Abend hatte ich „Romantik“ gezogen und schlug vor: „Das soll mein Mann erklären, dann haben wir alle was zu lachen.“ In der nächsten Runde zog ich „Filmstar“ und fragte: „Was bin ich in fünf Jahren?“ Mein Bruder: „dick und alt“. Meine Schwester: „noch zickiger“. Also, wenn beim Tabu nichts mehr tabu ist, hilft unter Geschwistern doch nur noch ein heilsames Handauflegen. Gut, es war ein schnelles Handauflegen. Okay, es war eine Kopfnuss.

Monopoly, das ist auch so eine Sache: Um 8 Uhr hatten wir angefangen. Um 9 Uhr ließ ich meinen Mann wissen: „Wenn Du die Schlossallee jetzt auch noch kaufst, kannst du gucken, wo du heute Abend was zu essen herkriegst.“ Er kaufte, gentrifizierte, und plötzlich standen überall fette Hotels. Eine kapitalistische Heimsuchung ist das doch, für die ich nicht bereit war, Miete zu zahlen. „Die haben doch alle zu – wegen Corona“, brüllte ich, worauf er zurückblökte: „Wir sind doch beide geimpft. Coropoly ist vorbei, was du daran erkennen kannst, dass es auf den Ereignisfeldern wieder mehr als nur Klopapier und Nudeln gibt – also her mit der Kohle.“ Eskalationsstufe 10 war erreicht.

Wenn die Polizei eh kommt, kann sie auch gleich die Pizza mitbringen

Mir blieb keine Wahl: Wie durch ein Wunder stellte sich immer wieder ein Bankirrtum zu meinen Gunsten ein … Daraufhin wurde es wieder laut. Er fing an zu „trumpen“. So nennt man das heute, wenn einer einfach mitten im Spiel aufhört und sich zum Sieger ausruft. Ich erklärte ihm daraufhin in Zimmerlautstärke, dass das weder in der Politik noch hier durchgeht. Wohlbemerkt, ich erklärte es in Zimmerlautstärke, also so laut, dass ich in allen Zimmern des Hauses zu hören war. Wie es ausging …?

Irgendwann haben wir dann den Nachbarn gebeten, dem Polizisten, den er gleich anruft, zu sagen, er möge doch bitte noch eine Familienpizza für uns vom Italiener um die Ecke mitbringen ...

DIE KOLUMNE

Die Deidesheimerin Anne Vogd stieg 2016 aus der Textilbranche aus und in die Comedy ein. In der Rubrik „Annes Welt“ veröffentlichen wir regelmäßig, was der 55-Jährigen durch den Kopf geht.

Unsere Kolumnistin Anne Vogd.
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