Neustadt An Tagen wie diesen

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Deidesheim. Ich und Singen? Das geht gar nicht, so wenig wie ich eine Melodie halten kann. Und doch war ich Feuer und Flamme am Mittwochabend bei der Pfälzer „Choraoke“-Premiere in der Deidesheimer Casino-Lounge. Und es hat Spaß gemacht, riesigen sogar.

„Zammesinge“ nennt sich die Veranstaltung, die der Neustadter Musiker und Konzertveranstalter Rainer Klundt zusammen mit dem Speyrer DJ und Sänger Pitt Volk aus der Taufe gehoben hat. Der dritte im Bunde ist Frank Apfel, der aus dem Medien- und Marketingbereich kommt und die zündende Idee hatte. Denn wo gibt es noch eine Gelegenheit, gemeinsam zu singen ohne die Festlegung auf einen Chor, bei dem dann natürlich auch das Ziel verfolgt wird, „richtig“ zu singen? Apfel erzählt von seiner Idee, die in Norddeutschland unter den Namen „Rudelsingen“ oder „Frau Höpker bittet zum Gesang“ schon länger etabliert ist und verweist auf Zeiten, als man noch mit der ganzen Familie die Hitparade hörte, sich Autogrammadressen notierte und manchmal eben auch mitsang. Viele Lieder sind mit schönen Erinnerungen verbunden und diese wieder ans Licht zu holen, sei auch eine Aufgabe des gemeinsamen Karaoke-Singens. Wie funktioniert das genau? Auf einer Leinwand werden die Song-Texte von „Abba“ bis Zappa in großer Schrift gezeigt, so dass jeder sie lesen kann. Klundt begleitet am Klavier und/oder Halbplaybackeinspielungen geben die Melodie vor. Anders als beim „Einzel-Karaoke“ steht kein Sänger im Mittelpunkt, der Hauptdarsteller ist das gesamte Publikum, das aus Spaß und Freude einfach singt, singt, singt … Drei Sets à acht Songs verbunden mit je einer viertelstündigen Pause haben sich bei der nicht-öffentlichen Vorpremiere im März mit rund 60 geladenen Gästen bewährt. So nach und nach trudeln sie ein, die Sängerinnen und Sänger des heutigen Abends, suchen sich ein Plätzchen in der schummrig-gemütlichen Bar, dann ein Weinschorle, und man ist gespannt. Viele der Gäste waren bei der Vorpremiere da, und es hat ihnen so gut gefallen, dass sie Freundinnen animierten, mitzukommen. Andere lasen in der Zeitung davon. So wie Viktoria (50). Nein, sie habe mit Singen sonst nichts am Hut, nur mal im Auto oder in der Badewanne, sagt sie. Und weist auf ein weiteres Problem hin: Meistens kenne man außer dem Refrain wenig vom Text, und so sei es doch schön, mal zu lesen, um was es in dem Lied wirklich geht. Männer sind deutlich in der Unterzahl an diesem Abend. Ja, er habe einen ausliegenden Flyer mitgenommen, und da er auch privat in einem Chor singe, habe er keine Hemmung gehabt, sagt einer, der es gewagt hat. Vorne tut sich mittlerweile was, da werden Mikrophone gerichtet und erste Klaviertöne zeugen davon, dass es gleich losgeht. Pitt Volk macht noch kleine Aufwärmübungen mit dem Publikum, das die aber gar nicht nötig zu haben scheint, und dann ist plötzlich Liebe in der Luft: „Love is in the air“. Und von wegen, die Leute trauen sich nicht. Sofort wird eingestimmt, mitgeschunkelt, mitgewippt, gar mitgetanzt. Und beim Udo-Jürgens-Schlager „Ich war noch niemals in New York“ gibt es dann kein Halten mehr. Auf „Country Road“, eine herrliche Ballade, folgen „Rote Lippen soll man küssen“ und „Ring of Fire“. Und ich, die ich doch des Singens nicht mächtig bin? Schon nach den ersten Takten war ich gefangen, konnte gar nicht anders, als mit einstimmen in „Tage wie diese“ und natürlich Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“. „Je ne regrette rien“ von Edith Piaf beschließt einen Abend, der richtig Laune machte und den Alltag für ein paar Stunden lang vergessen ließ. Und auf der Fahrt nach Hause ertappe ich mich, wie ich vor mich hinsumme: „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“. Sicher komme ich wieder, wenn es am Mittwoch, 20. Mai, um 20 Uhr wieder heißt: Hopp auf zum „Zammesinge“. Mal sehen, was dann für Songs an der Reihe sind. Das Publikum durfte am Ende Wunschzettel abgeben, die das Set des nächsten Mals beeinflussen. Auch Motto-Abende seien in Planung, sagen die Veranstalter, genau wie eine Website. Jetzt stehen die Infos noch auf der Seite von Klundts Agentur „Palatino Concerts“ oder auf Facebook. So alle vier bis sechs Wochen dürfe man sich jetzt auf ein wechselndes Repertoire freuen, auch solle „Zammesinge“ auch in anderen Städten wie Mannheim, Landau, Speyer, Bad Dürkheim oder Karlsruhe etabliert werden.

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