Neustadt „Alles durch die Bombe abgerissen“

Es war zwölf Tage, bevor die Amerikaner nach Deidesheim kamen, vor 70 Jahren, am 9. März 1945. Da forderte ein Fliegerangriff acht Todesopfer. Sechs Frauen und zwei Säuglinge starben, nachdem eine Bombe auf den südlichen Trakt des Bürgerhospitals gefallen war. Ein Teil des Gebäudes wurde komplett zerstört.
Das Bürgerhospital war seit 1943 auch notdürftige Entbindungsstation, außerdem seit Januar 1945 Ausweichstation des Neustadter Krankenhauses Hetzelstift. Gerade der Teil, in dem die Wöchnerinnen mit ihren Kindern lagen, wurde von der Bombenexplosion zertrümmert. „Der rechte Seitenflügel überm gewölbten Keller, wo die Wöchnerinnenabteilung und Operationszimmer waren, mit seiner ganzen Einrichtung ist alles durch die Bombe abgerissen.“ So steht es im Tagebuch der Niederbronner Schwestern, die seit 1909 eine Niederlassung im Bürgerhospital hatten und dort ihren Dienst taten. Es „lagen vier Wöchnerinnen in diesem Trakt. Drei dieser Wöchnerinnen kamen um, eine fiel vom zweiten Stockwerk in den Hof, kam aber mit dem Leben davon“. Das berichtet Heinrich Hartz, damals katholischer Seelsorger in Deidesheim, in seinem Pfarrgedenkbuch. Diese beiden schriftlichen Quellen gibt es von dem verheerenden Bombenabwurf. Berthold Schnabel hat sie neben einigen mündliche Aussagen von Zeitzeugen für seinen Bericht benutzt, der im April 1995 in den „Deidesheimer Heimatblättern“ zum Kriegsende in der heutigen Verbandsgemeinde Deidesheim erschienen ist. Die Namen der acht Bombenopfer sind auf einer Gedenktafel am Südtrakt des Bürgerhospitals festgehalten, die sich heute nur noch schwer entziffern lässt. Anna Berry aus Oppau mit ihrer zehn Tage alten Tochter Christa waren darunter sowie Luise Stamm aus Neustadt mit ihrer fünf Wochen alten Tochter Beryll und Karoline Brück aus Deidesheim. Die Spitalrentnerinnen Maria Nobis (90) und Christina Schwaab (84) verloren ebenfalls ihr Leben. Und schließlich hatte es die Ordensschwester Leonhardine Philomena Dellinger getroffen. Sie hatte gerade versucht, Wöchnerinnen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Ein entsetzlicher Tag auch für Emil Stamm. Er war der Chefarzt, der im Bürgerhospital die Patienten operierte: Seine Frau und sein Kind waren unter den Opfern. Zeitzeugen berichten, dass er verzweifelt mit Hilfe einiger Jugendlicher in den Trümmern nach seiner Frau gesucht habe. Er fand nichts von ihr – außer einem Schuh. Die Quellen sprechen von einem französischen Flugzeug, das die Bombe abgeworfen haben soll. Es liege aber nahe, dass es ein englischer Flieger war, meint Berthold Schnabel. Die Franzosen hatten damals keine bedeutende Luftwaffe und keine eigene Flugzeugproduktion. Das Bürgerhospital war auch nicht das eigentliche Ziel dieses Angriff. Denn in der Reithalle nicht weit weg befand sich eine Werkstatt, in der deutsche Militärwagen repariert wurden. Diesen hatte vermutlich der Angriff gegolten. Ein zweite Bombe hatte weniger Schaden angerichtet. Sie war zwischen dem Südbau und der Spitalkapelle in die Kanalisation gefallen und hatte die unterirdischen Kanalrohre zerstört. Die Kapelle blieb dadurch weitgehend verschont und wurde als Lager für die aus den Trümmern geholten noch brauchbaren Betten, Möbel und Kleider genutzt. Zum Wiederaufbau des zerstörten Hospitaltrakts kam es erst nach der Währungsreform im Jahr 1948. Vorher war vermutlich kein Material zu bekommen für den Wiederaufbau, sagt Berthold Schnabel. Emil Stamm hat im Jahr 1947 in Deidesheim Elisabeth Hofmann aus Eppstein geheiratet. Er war damals Chefchirurg am Krankenhaus in Zabern (Saverne) im Elsass. Wie Berthold Schnabel berichtet, stiftete er damals zum Andenken an seine verstorbene Frau Luise der Stadt Deidesheim 10.000 Reichsmark. Das Geld sollte zur Wiederinstandsetzung des Spitals verwendet und eine Gedenktafel mit den Namen der Bombenopfer angebracht werden. Im Jahr 1948 beschloss der Hospitalrat, jährlich am 9. März eine Messe lesen zu lassen. Eine weitere Seelenmesse bestellte die Oberin der im Spital tätigen Schwestern. Schnabel weiß, dass diese Messen zu Zeiten der Pfarrer Heinrich Hartz und Martin Nieder regelmäßig gehalten wurden. Dann scheinen sie in Vergessenheit geraten zu sein. Aber am 9. März 1995, 50 Jahre danach, fand wieder ein Gedenkgottesdienst statt. Und zum 70. Jahrestag dieses Bombenangriffs wird erneut mit einem Gottesdienst in der Spitalkirche der Opfer gedacht. (ff)