Neustadt „Alles alter Käse“

Die Ludwigshafener CDU steht hinter Altkanzler Helmut Kohl. Das prominenteste Parteimitglied steht derzeit in der Kritik. Es geht um abfällige Zitate über ehemalige Weggefährten.
(84) will heute auf der Frankfurter Buchmesse seinen Erinnerungsband „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“ vorstellen. Ein anderes Kohl-Buch, das ebenfalls diese Woche erscheint, sorgt derzeit allerdings für mehr Wirbel. Darin stehen Auszüge aus vertraulichen Gesprächen, die der Publizist Heribert Schwan mit dem Altkanzler 2001/02 geführt hat. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat am Montag vorab Zitate Kohls veröffentlicht. Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm sei ein „Verräter“, Angela Merkel habe „keine Ahnung“ – der Altkanzler soll bei den Gesprächen für seine Memoiren mit ehemaligen Weggefährten abgerechnet haben. Um die Tonbänder, auf denen die vertraulichen Gespräche aufgezeichnet wurden, tobt ein juristischer Streit zwischen Kohl und seinem ehemaligen Ghostwriter. Bei der Ludwigshafener Union wird momentan über das umstrittene Skandalbuch diskutiert. Der CDU-Kreisverband steht geschlossen hinter seinem prominentesten Mitglied. „Das hat Helmut Kohl nicht verdient“, sagt Oberbürgermeisterin Eva Lohse und verweist auf die Verdienste des „Kanzlers der Deutschen Einheit“. „Helmut Kohl genießt in unserem Kreisverband eine hohe Wertschätzung. Wir stehen zu ihm und hoffen, dass diese Debatte bald zu Ende ist“, sagt CDU-Vorsitzender Ernst Merkel. Zu den bekanntgewordenen Beleidigungen Kohls will er sich nicht äußern. „Kein Kommentar“, sagt auch Berthold Messemer. Der große alte Mann der Ludwigshafener CDU ist ein langjähriger Weggefährte Kohls, war auch bei dessen Hochzeit mit seiner ersten Ehefrau Hannelore dabei. Und der Ex-CDU-Kreisvorsitzende im früheren Landkreis Ludwigshafen, Michael Elster, sagt mit Blick auf den Streit um die Tonbänder: „Ich äußere mich nicht zu einem offenen rechtlichen Verfahren.“ Hinter vorgehaltener Hand sprechen hiesige CDU-Politiker jedoch Klartext. „Das ist unser Helle, wie er leibt und lebt“, sagt einer, der Kohl noch bei seinen Wahlkämpfen unterstützt hat, zu den Kohl zugeschriebenen Äußerungen. Dass der Altkanzler auf ehemalige Weggefährten wie Heiner Geißler oder Norbert Blüm nicht gut zu sprechen sei, sei ja kein Geheimnis. Von einer „unschönen Sache“ spricht ein anderer Christdemokrat, der ebenfalls seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Zu seiner aktiven Zeit habe Kohl andere Politiker in vertrauter Runde auch schon mal mit derben Worten bedacht, sagt ein anderer Parteifreund. Kohl habe im Zorn öfter Kraftausdrücke benutzt. Man müsse sehen, wann er die jetzt veröffentlichten Äußerungen getätigt habe. 2001/02 sei Kohl nach der Parteispendenaffäre, die ihn den CDU-Ehrenvorsitz gekostet habe, sehr verbittert gewesen. Die jetzt publizierten Äußerungen seien „alter Käse“. Was von Kohl bleibe, sei seine historische Rolle bei der deutschen Einheit. Einer der wenigen Ludwigshafener CDU-Politiker, die sich offen äußern, ist Carlo Saxl. „Es macht doch keinen Sinn, diese alten Dinge aufzuwärmen. Es tut mir leid, dass es jetzt so eine Debatte gibt“, sagt der Friesenheimer, der Kohl gut kennt. Der Rechtsstreit um die Tonbänder und das Buch schadeten Kohl und der CDU. Die jetzt veröffentlichen Schmähungen seien teils schon heftig, aber Kohl habe eben seinen eigenen Kopf, sei auch ein Egozentriker gewesen, der sich nicht gerne habe reinreden lassen. Der Altkanzler habe sich jedoch in vertraulichen Gesprächen geäußert, meint Saxl. Der gefeuerte Biograf Schwan begehe mit der Veröffentlichung einen Tabubruch und wolle damit offensichtlich Geld verdienen. Saxl gibt ferner zu bedenken: „Das ist alles Vergangenheit und hat mit dem jetzigen Kohl nichts mehr zu tun – das ist ein alter, kranker Mann.“