Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Abschluss des Hambacher Musikfests: Hochmusikalische Heiterkeit

Ein ungewöhnliches Festkonzert erlebte das Publikum im Neustadter Saalbau.
Ein ungewöhnliches Festkonzert erlebte das Publikum im Neustadter Saalbau.

Beim Festkonzert des 29. Hambacher Musikfests im Saalbau sind viele Jubiläen gefeiert worden.

Juan Crisóstomo de Arriaga starb 1826, zehn Tage vor seinem 20. Geburtstag, an Tuberkulose. Sein 1. Streichquartett d-Moll hatte er bereits im Alter von 17 Jahren vollendet. Mögen Vergleiche wie „spanischer Mozart“ seinem Genie nicht ganz gerecht werden, überzeugt doch vom ersten Ton an die Balance zwischen seiner stilistischen Reife und der Eloquenz seiner Ausdrucksmittel. Auf dem Fundament der Wiener Klassik errichtet, klingt das Werk „spanisch“ allenfalls in einer Handvoll Terzparallelen und in seinem Pendant zum Siciliano im Finale.

Der innig webende, ebenso stilprägende wie verfeinernde Schmelz des Mandelring Quartetts breitete sich in alle Register und Timbres aus – etwa in einem atemberaubenden Solo der Viola, die den Diskant von der Primgeige übernahm und wie eine Lupe projizierte. Gegen Ende führte, ebenso intensiv, das Cello vor dem Akkordteppich der Oberstimmen. Bei allem Effekt beeindruckte die Interpretation durch ihren Ernst und ihre Genauigkeit in bestechenden Details. So schimmerten etwa die Oktaven der beiden Violinen so glasklar, als tönten sie aus einem einzigen Korpus.

Kontrast brachten Benjamin Brittens „Lachrymae, Reflections on a Song of Dowland“ op. 48 für Viola und Klavier – durch die Todesdaten beider Komponisten (1976 und 1626) wurde auf ein „doppeltes“ Jubiläum angespielt. Komponiert 1950, beansprucht das Werk heute einen festen Platz im Repertoire. Das Zitat erscheint am Ende einer Folge introvertierter Studien, die wie Landschaftsbilder unter sensiblen Witterungen anmuten. Im feinfühligen Zusammenspiel dieses „Lontanos“ gelang es Mandelring-Bratscher Andreas Willwohl und Oliver Triendl am Klavier, die Form bis auf ihre intimsten Kapillaren zu entbeinen.

Ein Kosmos aus Licht und Feuer

Vor der ersten Pause folgte das Quintett für Harfe und Streichquartett c-Moll des dieses Jahr 250-jährigen E. T. A. Hoffmann mit Sivan Magen und dem Mandelring Quartett – ein solides Genrestück in drei Sätzen, komponiert 1807. Wie ein barocker Lüster ornamentiert die Harfe die Struktur, durchwirkt sie mit vollhändigen Akkorden, Albertibässen und Arpeggien. Das Streichquartett hält sich eher zurück, die Melodik hält sich ihrerseits in tonikalen Grenzen, und die eigentümlichen Schlüsse mit angehängten Codas betonen die feierliche, beinahe antidramatische Prämisse.

Gemeinsam mit Sebastian Schmidt an der Violine eröffnete Magen den zweiten Teil des Abends mit der umso originelleren „Suite populaire espagnole“ des in diesem Jahr 150-jährigen Manuel de Falla. Ähnlich wie Brittens „Lachrymae“ reduziert die „Suite“ ihre Sprache auf das Nötigste, das der Meister in eliptischen Gedanken umrundet und in seinen Strukturen zu einer derartigen Elementarwelt verselbstständigt, dass man Parallelen zum Skandinavier Sibelius feststellt. Vom „Nachtmusik“-Ambiente des zweiten Satzes bis zu vollblütigem „Tarab“ und irisierenden Flageoletts zauberte das Duo einen Kosmos aus Licht und schwelendem Feuer. Den symphonischen Höhepunkt lieferte das Mandelring Quartett gemeinsam mit Laura Ruiz Ferreres: Carl Maria von Webers Klarinettenquintett B-Dur op. 34. In umwerfend schwungvoller und temporeicher Interpretation übte das zwischen 1811 und 1815 komponierte Meisterwerk selbst inmitten des derartig ungewöhnlichen Festkonzerts einen eigenen Liebreiz aus – witzig auf jeden Fall, vor allem im Streichersatz, dazu brillant und schwerelos im diffizilen Solopart.

„Surprise“-Konzert als Höhepunkt

Das Alleinstellungsmerkmal „Surprise“ hing noch eine knappe Stunde als „dritte Hälfte“ voller Gags über das Programm hinaus. Fesselnd spielten Nanette Schmidt und Oliver Triendl den „Spanischen Tanz“ aus de Fallas „La vida breve“ (in einer Bearbeitung von Fritz Kreisler). Dazu traten die anderen Gäste des Musikfests nacheinander auf die Bühne: Primin Grehl (Flöte) im Duo mit Laura Ruiz Ferreres in Heitor Villa-Lobos’ „Choros No. 2“, mit Triendl im Presto aus Francis Poulencs Flötensonate und mit Bernhard Schmidt am Cello in Villa-Lobos „Jet Whistle“, Jörge Becker mit Sivan Magen in einer Bearbeitung von Maurice Ravels „Pièce en forme de Habanera“ und mit Triendl in Harry James’ tollkühnem „Concerto for Trumpet“, schließlich Laura Ruiz Ferreres mit Jens Veeser (Kontrabass) in Morton Goulds „Benny’s Gig“. Zu einer Fassung der „Lullaby“ aus George Gershwins „Three Preludes“ mit Posaune (Henning Wiegräbe) saß überraschend Sebastian Schmidt an den Tasten und vollführte gleich auch noch mit Oliver Triendl zu vier Händen Debussys berühmten Cake Walk, den er auf Grund des heute strittigen Originaltitels in „Les deux maigres“ umtaufte.

Das so heitere wie hochmusikalische Spektakel endete schließlich mit Edward Elgars „Salut d’Amour“ für Streichquintett und dem Mittelsatz aus Mozarts Konzert für Flöte und Harfe mit einem weiteren Rollentausch: Oliver Triendl war, mit einer Violine bestückt, zum Streichersatz übergelaufen.

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