Neustadt
Abitur: Was kommt nach dem Ernst des Lebens?
Erst früh raus, dann weit weg
Einen ziemlich ungewöhnlichen Nebenjob hat Jan Ramstetter, Abiturient des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums, ergattert. Während andere kellnern oder am Fließband stehen, nimmt der 18-Jährige Bodenproben für die Firma IBES. Die Stelle hat er über einen Aushang in der Schule gefunden. Und muss dafür – je nach Entfernung des Einsatzorts – auch gerne einmal um 6 Uhr vor Ort sein.
Das fällt leichter, wenn man ein Ziel vor Augen hat. In diesem Fall drei Monate Kanada „work and travel“ (auf Deutsch: arbeiten und reisen). „Je mehr zusammenkommt, desto weniger work und mehr travel“, meint Ramstetter mit einem Augenzwinkern. Und wie viel Arbeit war das Abitur? „Es war nicht komplett stressig, aber auch nicht unbedingt gemütlich“, resümiert er.
Insgesamt blickt Ramstetter auf die Schulzeit mit gemischten Gefühlen zurück. „Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt“, erzählt er. „Aber es ist auch traurig, dass der Freundeskreis sich jetzt unweigerlich etwas verlieren wird.“ Den Unterricht wird er hingegen weniger vermissen. Viel zu oft habe man dort einfach nur die Zeit abgesessen, wenn auch nicht in jedem Fach. Was Spaß gemacht hat, beeinflusst jetzt die Studienwahl. „Die Einblicke im Informatikunterricht fand ich sehr spannend“, erzählt der 18-Jährige. Deshalb würde er ab Herbst gern Wirtschaftsinformatik studieren. Daneben sind Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen in der engeren Auswahl. „Mir ist wichtig, dass ich mit meinem Studium gute Zukunftsaussichten habe“, so Ramstetter.
Auf keinen Fall Bali
Sarah Engelmann, Absolventin des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, blickt ähnlich wie Ramstetter auf die Zeit der Abiturprüfungen zurück. „Die Vorbereitung war recht gut, deshalb war alles relativ entspannt“, erzählt sie. Gut genug, dass sie jetzt ein Medizinstudium ins Auge fassen kann. Um die Chancen zu erhöhen, will sie trotzdem vorher noch den Medizinertest ablegen. Das Studium sei schon immer ihr Traum gewesen, meint die 18-Jährige. Schon während der Schulzeit war sie deswegen Praktikantin am Uniklinikum in Heidelberg.
Wenn der Test geschafft ist, geht es gemeinsam mit ihrem Freund nach Osteuropa. Dafür haben sich die beiden ein Interrail-Ticket gekauft: „Damit hat man eine große Freiheit und kann viele Orte entdecken.“ Großartige Erfahrungen sammeln und neue Leute kennenlernen will Engelmann ebenso in Südostostasien, das nächste Reiseziel für vier Wochen. Dorthin begleitet sie ihre Freundin Nina Schröter. Die 19-Jährige hat ebenfalls am „Käthe“ ihre Abiturprüfung abgelegt. Zusammen wollen sie entweder nach Thailand oder Vietnam fliegen. Ein anderes beliebtes Reiseziel in der Region, die Insel Bali in Indonesien, soll es auf keinen Fall sein. „Da reisen wirklich sehr viele Leute hin, deshalb ist es dort vermutlich zu voll“, erklärt Schröter die Entscheidung.
Die Schule und das Reiseziel sind nicht die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden Freundinnen. Sie eint zudem der Wunsch, Medizin zu studieren. Deshalb planen sie vor dem Urlaub eine Unistädte-Tour. Ansehen wollen sie sich unter anderem Münster, Aachen und Würzburg. Für Schröter kommen aber auch noch andere Studiengänge, wie internationales Management, in Frage: „Reine Betriebswirtschaftslehre will ich nicht studieren, aber vielleicht etwas in die Richtung mit ein bisschen mehr Abwechslung.“ Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden: Anstatt mit dem Zug fährt Schröter mit dem Van in Urlaub. Mit einigen Freunden plant sie vor dem gemeinsamen Trip nach Südostasien eine Tour durch Frankreich.
Auf die Schul– und Abiturzeit blicken beide gerne zurück. Vor allem, weil nach der Pandemie alles wieder in gewohnter Weise stattfinden konnte. So gab es nach zwei Jahren Pause wieder Mottowoche und Abistreich. „Wir sind einfach froh, dass alle gemeinsam feiern konnten“, so Engelmann.
Interrail, „Big Apple“, Wien
Auch Victoria Solbach vom Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium hat ein Interrail-Ticket ergattert. Und dafür nicht einmal etwas bezahlt, denn die 18-jährige hat über das Programm „DiscoverEU“ die Lotterie gewonnen. Dadurch kann sie 30 Tage gratis durch die EU reisen. In ihrem Fall nach Portugal, das erste Mal ganz auf sich allein gestellt Urlaub machen. Die Wahl fiel der Abiturientin nicht schwer: „Portugal ist schön warm, da braucht man nicht so viel zu packen.“ Um die Reise zu finanzieren, arbeitet sie in der „Genießerlounge“ der Sektkellerei Schloss Wachenheim.
Im besten Fall soll dabei noch etwas übrig bleiben für ein weiteres Unterfangen. Solbach will an der Universität in Boston/USA einen Kurs Projektmanagement absolvieren. Sollte das Geld nicht reichen, ist das allerdings auch kein Problem. Denn die 18-Jährige ist Amerikanerin und kann deshalb in den Staaten arbeiten. Die Wahl fiel auf Boston, weil die Stadt in der Nähe von New York liegt, von wo Solbachs Familie stammt.
Der Kurs dient aber nicht nur als Gelegenheit, mit ihren Wurzeln in Kontakt zu kommen, sondern auch als Vorbereitung aufs Studium. Das möchte die Abiturientin an der Wirtschaftsuniversität Wien absolvieren. Im Juli hat sie dort ein Auswahlexamen für den Studiengang Wirtschafts– und Sozialwissenschaften: „Mich interessieren Themen aus der Betriebs– und Volkswirtschaftslehre, und der Bachelor deckt viele Bereiche ab.“
Auch Solbach blickt mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf die Schulzeit zurück. „Es ist spannend zu sehen, was man jetzt macht, ohne feste Strukturen“, meint die 18-Jährige. „Aber ich werde meine Freunde natürlich vermissen – und vielleicht sogar ein paar Lehrer.“