Geschichten aus der Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel 60 Jahre Bundesliga: Ludwigshafener Schiedsrichter „Männer der ersten Stunde “

Schiedsrichter Edgar Deuschel (Mitte), hier in der Saison 1966/1967 vor dem Spiel des TSV 1860 München gegen den FC Schalke 04,
Schiedsrichter Edgar Deuschel (Mitte), hier in der Saison 1966/1967 vor dem Spiel des TSV 1860 München gegen den FC Schalke 04, verhängte 1963 den ersten Platzverweis der Bundesliga-Geschichte.

Die Fußball-Bundesliga wird 60 Jahre alt. Als 1963 der offizielle Startschuss für den Profifußball in Deutschland fiel, waren drei Ludwigshafener als „Männer der ersten Stunde“ dabei.

Die Schiedsrichter Helmut Fritz (geboren 1923) und Oswald Fritz (1925) aus Oggersheim und der Mundenheimer Edgar Deuschel (1920) leiteten in den ersten Spieljahren des Fußball-Oberhauses insgesamt 154 Spiele der deutschen Elitekicker und waren auch international im Einsatz. Jeweils in sieben Bundesliga-Spielzeiten bis zur Saison 1969/1970 waren Helmut Fritz (64 Spiele) und Oswald Fritz (36) mit ihrer Pfeife dabei. Auf 53 Einsätze in sechs Jahren kam bis 1969 Edgar Deuschel.

Als das bundesweit renommierte Trio seine Laufbahn beendete, scharrte mit dem Oggersheimer Heinz Quindeau (80 Spiele) und Wolfgang Dittmer (31) bereits die nächste erfolgreiche Ludwigshafener Schiedsrichter-Generation mit den Hufen. Dazwischen hatte auch der Gartenstädter Josef Hager drei Bundesligaeinsätze. Und dann muss man auch den heute in Weisenheim/Sand wohnenden Ellerstadter BASF-Pensionär Werner Föckler (Jahrgang 1945) in diesen Kreis einbeziehen: Der spätere Schiri-Chef des Südwestens und DFB-Funktionär hatte schließlich 127 Bundesliga- und 104 Zweitligaspiele in den Beinen, dazu sieben Länderspiele und zehn Europapokaleinsätze, als er 1992 nach zwölf Jahren auf höchster Ebene die Pfeife an den Nagel hängte. Nach seiner aktiven Laufbahn gab er seine reichen nationalen und internationalen Erfahrungen vor allem an den pfälzischen Nachwuchs weiter.

Einst einfache Regeln

In den Anfangsjahren der Fußball-Bundesliga waren Schiedsrichter-Einsätze noch vergleichsweise „einfach“: Komplizierte Regeln wie die Einwechslungen von Ersatzspielern oder eine Einrichtung wie den „Keller von Köln“ gab es noch nicht. Umso mehr fielen andere „Aktionen“ der Schiedsrichter auf – etwa bei Platzverweisen. Und da blieb ganz besonders ein Ludwigshafener im Gedächtnis der deutschen Fußballwelt.

Der zuletzt in der Gartenstadt wohnende ehemalige Torhüter Edgar Deuschel, der bei der Spvgg Mundenheim wegen seines oft eigenwilligen Auftretens den Spitznamen „Lassihn“ (das bedeutete „lass mir den Ball“) bekam, schrieb in vier seiner insgesamt 53 Bundesligaauftritte Sportgeschichte. Der unerschrockene damalige Mitarbeiter der Ludwigshafener Stadtverwaltung verteilte an die gelegentlich deshalb völlig verdutzten Spieler in vier Spielzeiten fünf Platzverweise und hatte dabei auch keine Scheu, „Fußball-Denkmäler“ vorzeitig in die Kabine zu schicken.

Deuschels Premieren

Den allerersten Platzverweis der Bundesliga-Geschichte verhängte – wer schon – Edgar Deuschel am 14. September 1963 im Spiel zwischen MSV Duisburg und Hertha BSC Berlin (1:3) gegen den Meidericher Helmut Rahn. Der war immerhin einer der „Helden von Bern“, der 1954 mit seinem Treffer zum 3:2-Sieg für Deutschland gegen Ungarn für den deutschen Weltmeistertitel gesorgt hatte. Eine Spielzeit später – am 3. April 1965 – traf Deuschels Bannstrahl nach 25 Minuten im Spiel 1860 München gegen 1. FC Köln (2:3) den achtmaligen Nationalspieler, 409-maligen Bundesligaprofi und späteren Weltmeister (1974) Wolfgang Overath.

Zwei Jahre danach folgte erneut eine „Premiere“ von Deuschel: Er schickte im Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg (2:2) nach 28 Minuten den Franken-Torhüter Roland Wabra als ersten Keeper der Bundesliga-Geschichte vorzeitig zum Duschen – und obendrein in derselben Minute auch noch dessen Kontrahenten, den Rheinländer Waldemar Gerhardt.

Auch international dabei

Seine Schlagfertigkeit war am 30. Oktober 1968 wohl die eigentliche Ursache für Deuschels fünften verhängten, eher kuriosen Bundesliga-Platzverweis im Spiel zwischen dem Hamburger SV und 1860 München (2:0). Als der elfmalige Nationalspieler und 224-malige Bundesligaprofi Gert „Charly“ Dörfel, ligaweit bekannt wegen seiner selbstbewusst-ironischen Art, nach einem harmlosen Foul auf die wohl eher rhetorische Frage von Deuschel nach seinem Namen keck „Meier“ antwortete, schickte ihn der Schiedsrichter vom Platz: „Den Spieler Meier gibt es nicht auf meiner Spielerliste.“ Deuschel hatte trotz seiner rigiden Art der Regelauslegung bei den DFB-Verantwortlichen einen Stein im Brett. Sie schlugen ihn für die Fifa-Liste der Unparteiischen vor. Und so kam es, dass der Mundenheimer auch international gefragt war und unter anderem das Europapokalspiel am 11. September 1966 zwischen Aris Saloniki und Juventus Turin (0:2) leitete.

Die Fritz-Schiedsrichter

Die beiden Oggersheimer „Fritz-Schiedsrichter“ ließen es im Gegensatz zu dem Mundenheimer Deuschel bei ihren 101 Bundesligaeinsätzen erheblich unaufgeregter zugehen. Lediglich Oswald Fritz verhängte am 25. Mai 1967 in der Begegnung Eintracht Frankfurt gegen Borussia Dortmund (3:3) einen Platzverweis, als er den Hessen Peter Blusch in der 44. Minute vorzeitig unter die Dusche beorderte. Sie schrieben als „Männer der ersten Stunde“ dennoch Fußball-Geschichte und gehören in eine Reihe mit den anderen bundesweit geachteten „Frühstartern“ wie den Mannheimer Kurt Tschenscher (125 Bundesligaspiele), den Hamburger Gerhard Schulenburg (105) oder den Stuttgarter Rudolf Kreitlein, der wegen seines zivilen Berufs „das tapfere Schneiderlein“ genannt wurde.

Die Vertreter der damals renommierten Ludwigshafener „Schiedsrichter-Schule“ waren vor 1963 oft auch bei Spielen um die deutsche Meisterschaft, Amateurmeisterschaft oder den DFB-Pokal im Einsatz.

x