Neustadt Über die eigenen Wünsche und die der andern

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Eine alte Lebensweisheit sagt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem Andern zu!“ Generationen von Kindern sind schon damit aufgewachsen. Ich vermute mal, dieser Satz war dazu gedacht, einen Menschen zum besseren Handeln zu bewegen oder sich zu schämen für gemeines und schädigendes Verhalten. Vielleicht hoffte man, die Wortwahl würde ein wenig Einfühlungsvermögen möglich machen, in das Leid und die Gefühle des Anderen. Würde ihm zeigen, wie es ist, wenn einem etwas getan wird, was einem schadet. Die neueren psychologischen Erkenntnisse zerstören diese Hoffnung. Einfühlung in das, was schlimme Handlungen für uns selbst oder andere bewirken, gelingt auf diese Weise eher schlecht. Denn die Wendungen: „nicht“ und „keinem“ werden vom menschlichen Gefühl abgelehnt. Mut machen, das eigene Verhalten noch mal zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern ist mit dieser Formulierung schwer zu erreichen. Was ist dann mit dem Satz? Ist er, obwohl doch Wahrheit darin steckt, unbrauchbar? Demnächst werden wir in Edenkoben einen Jugend-Gottesdienst feiern. Da wird es um den fast gleichen Vers aus der Bibel gehen. „Alles nun was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ Dieser Vers sagt nur auf den ersten, oberflächlichen Blick das Gleiche. Denn er ist, so meine ich, ist psychologisch viel schlüssiger und wirkungsvoller, obwohl mehr als 2000 Jahre alt. Der erste Satz („nicht tun“, „nicht wollt“) fordert uns auf, an schlechte, an traurige Dinge zu denken. Wir werden beschämt und darauf hingewiesen, wie schlecht wir sind oder sein können. Das ist sehr unangenehm und deshalb umgehen wir Menschen lieber das Nachdenken darüber. Der Bibelvers aus dem Matthäusevangelium geht von einer anderen Vorstellung aus. Wir können uns richtig angenehm hineinversetzen, wie es ist und wie gut es tut, wenn mir jemand freundlich begegnet, mir Gutes tut. Wie es ist, wenn er oder sie mich freundlich und respektvoll anspricht. Wie es ist, wenn ich ernst genommen werde mit dem, was ich tue und sage. Bei diesem Gedanken kann man schon mal ein paar Minuten aushalten. Wenn ich mir vorstelle, wie angenehm das ist, bekomme ich neuen Mut, als Mensch so zu handeln, wie ich es gerne um mich herum erleben würde. In einer angenehmen Weise neue Dinge zu hören, macht nachweislich mehr Freude und Mut, mich in mich selbst und meine Mitmenschen einzufühlen. Im Jugend-Gottesdienst wollen wir versuchen, von dieser psychologischen Erkenntnis zu profitieren. Deshalb ist die Lutherbibel vielleicht hilfreicher als alte Lebensweisheiten: „Alles nun was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ Die Autorin Christa Rieger teilt sich mit ihrem Mann die Gemeindediakonstelle in Hambach und sie sind gemeinsam zuständig für die Familienarbeit im Dekanat Neustadt.

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