Neustadt / Maikammer
Ökumenische Sozialstation Neustadt: Ein halbes Jahrhundert Pflege und Wandel
50 Jahre alt ist die Ökumenische Sozialstation Neustadt geworden, der runde Geburtstag wurde in Maikammer gefeiert. Die Einrichtung, die 1975 gegründet wurde, hat seitdem eine bedeutende Rolle in der Pflege von Kranken und alten Menschen in der Region übernommen. Doch die Zukunft bringt neue Herausforderungen.
Zu Beginn der 1970er-Jahre wurden ältere und kranke Menschen traditionell von ihren Familien gepflegt, unterstützt von „Schwestern“, das heißt Diakonissen und Ordensschwestern. Diese arbeiteten oft unentgeltlich. Doch mit der Zeit nahm die Zahl der Ordens- und Diakonissenschwestern ab, und die bestehenden Vereine hatten nicht die finanziellen Mittel, um Pflegekräfte zu bezahlen. Um die Pflege in Rheinland-Pfalz sicherzustellen, initiierte der damalige Sozialminister Heiner Geißler (CDU) die Gründung von Sozialstationen.
Bemerkenswert: die ökumenische Ausrichtung
„Vater“ dieser Idee war Geißler selbst, wie Ingo Röthlingshöfer, ehemaliger Sozialdezernent und Bürgermeister von Neustadt, in seiner Festrede erinnerte. „Vater“ der Sozialstation in Neustadt war Georg Jungmann (CDU), Röthlingshöfers Vorgänger. Besonders bemerkenswert war die ökumenische Ausrichtung der Einrichtung, die zur damaligen Zeit keineswegs selbstverständlich war. Röthlingshöfer würdigte dies als eine „Großtat“.
Die Sozialstation wurde am Donnerstag, 15. Mai 1975, als Verein gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten 23 Krankenpflegevereine sowie 21 katholische und 14 evangelische Kirchengemeinden. Die Aufgabe der Sozialstation war von Anfang an klar definiert: „Die Versorgung der Bevölkerung auf dem Gebiet der Kranken-, Alten- sowie Haus- und Familienpflege“. Olaf Kleinschmidt, der Vorsitzende des Vereins, betonte: „Der Verein legt die Richtung fest“. Heute gehören dem Verein 13 evangelische und vier katholische Kirchengemeinden mit insgesamt etwa 46.000 Mitgliedern sowie 18 Krankenpflegevereine mit rund 3.000 Mitgliedern an.
Gründung nicht ohne Probleme
Anfangs betreute die Sozialstation die Stadt Neustadt sowie die Verbandsgemeinden Lambrecht und Maikammer. Doch die Gründung war nicht ohne Schwierigkeiten. Vor allem in der Verbandsgemeinde Lambrecht gab es Bedenken, die zu intensiven Diskussionen führten. Erst als Forderungen, wie etwa eine Außenstelle in Lambrecht und ein Sitz im Vorstand, erfüllt wurden, traten die Kirchengemeinden und Krankenpflegevereine der Sozialstation bei. 2022 kamen die Gemeinden Deidesheim, Haßloch, Niederkirchen und Ruppertsberg hinzu.
„Völlig unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ideen aus unterschiedlichen Welten zusammengewürfelt“, beschrieb Röthlingshöfer die Herausforderungen bei der Gründung der Sozialstation. Er hob die Verdienste von Margret Lichtenberger hervor, die bis 1988 als Geschäftsführerin der Sozialstation tätig war und ihm zufolge maßgeblich dazu beitrug, die Einrichtung zu einer funktionierenden Einheit zu machen. Moderator Michael Landgraf würdigte die Sozialstation als „eine große Solidargemeinschaft“.
Die Arbeit verändert sich
Die Anfangsjahre waren geprägt von Herausforderungen, wie Heide Kehr, langjährige Pflegedienstleiterin, berichtete: „Es war anstrengend, aufregend und schön“. Für viele Schwestern war es schwierig, sich an Dienst- und Pflegepläne zu gewöhnen. Gleichzeitig gab es aber auch Vorteile, wie Luigi Hohenegger, Geschäftsführer bis 2016, schilderte: Damals hatte die Sozialstation eine Monopolstellung, und für die Verwaltung reichte eine halbe Stelle aus.
Im Laufe der Jahre hat sich die Arbeit der Pflegekräfte stark verändert, was die Mitarbeiter der Sozialstation in drei Spielszenen verdeutlichten. Sie stellten Pflegesituationen aus den Jahren 1975, 2000 und 2025 nach. Eine Konstante blieb jedoch: „Die Pflegekräfte kommen den Menschen unheimlich nah“, so Röthlingshöfer.
Das Angebot der Sozialstation hat sich deutlich erweitert. Neben der klassischen Pflege gehören mittlerweile Nachbarschaftshilfe, Mobiler Sozialer Dienst, hauswirtschaftliche Dienste, ambulante Hilfezentren, Beratung, Essen auf Rädern und Tagespflege dazu. Wie Geschäftsführerin Natalja Arndt berichtete, begann die Sozialstation 1975 mit 30 Mitarbeitern. Heute sind es 107 Mitarbeiter, die monatlich bis zu 500 Kunden betreuen und 300 Beratungen durchführen.
Trotz der positiven Entwicklung gibt es Herausforderungen. Albrecht Bähr, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Ökumenischen Sozialstationen, kritisierte die derzeitige Struktur der Einrichtungen: „Die derzeitige Struktur der Sozialstationen trägt nicht mehr so, wie sie sollte.“ Er forderte eine stärkere Unterstützung durch die Kommunen, da die Finanzierung der Sozialstationen zu großen Teilen durch Kirchengemeinden, Vereine und Zuschüsse von Land und Gemeinden erfolgt. Allerdings seien die Beiträge der Kirchengemeinden im Vergleich zu anderen Sozialstationen sehr niedrig, so Kleinschmidt.
Die Maikammerer Verbandsbürgermeisterin Gabriele Flach (CDU) hob die Bedeutung der Sozialstation hervor: „Sie erfüllt eine Aufgabe der Daseinsfürsorge“. Herausforderungen wie der demografische Wandel, Fachkräftemangel und Versorgungslücken im ländlichen Raum müssten jedoch bewältigt werden. Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU) betonte, wie wichtig es sei, die Sozialstationen ausreichend durch die Pflegeversicherung zu finanzieren. Röthlingshöfer unterstrich zudem, dass gute Pflege „menschenwürdig sein und Zeit für den Menschen haben“ müsse. Aktuell stünden zwei Verwaltungsminuten einer einzigen Pflegeminute gegenüber – ein Missverhältnis, das dringend korrigiert werden müsse.