Mein Sommerhit
Älter werden, stärker sein: „Wavin’ Flag“ von K’naan war der Song der Fußball-WM 2010 in Südafrika
Eigentlich war der Titel des kanadisch-somalischen Musikers, 1978 als Kaynaan Cabdi Warsame in der somalischen Hauptstadt Mogadischu geboren, der Sommerhit der Fußball-WM 2010 in Südafrika. Ein Revival erlebte er, zumindest in meinem Musikunterricht am Neustadter Leibniz-Gymnasium, als ich 2014 bei der darauffolgenden WM die Fußball-Lieder der jüngsten Vergangenheit als aktuellen Motivationsschub in die Stunde einbaute. Neben dem Song der „Sportfreunde Stiller“, der sich auf frühere Erfolge der deutschen Elf bezieht, war „Wavin’ Flag“ der absolute Spitzenreiter der Schüler. Viel Rhythmik zum Mitmachen, eine eingängige Melodie zum Mitsingen, alles passend zur euphorischen Stimmung, mit der man hierzulande unsere Nationalmannschaft damals begleitete. Oberflächlich betrachtet.
Das Lied ist eingängig – und tiefgründiger, als man denkt
Denn auch wenn ein großer Getränkekonzern das Lied zum Hit der vorherigen WM erhoben hatte, namhafte Bands den Song coverten, das Publikum gerne mitgrölte, geht die Textaussage viel tiefer. Als Dreizehnjähriger musste K’naan mit seinen Eltern seine somalische Heimat verlassen, als dort 1991 der Bürgerkrieg ausbrach. Man fand ein neues Zuhause in Kanada, wo er sich später als Musiker etablierte. Im Lied „Wavin’ Flag“ verkündet er jungen Flüchtlingen Mut: „When I get older I will be stronger“ und „Then it goes back“. Diese Textzeilen unter dem Motto der wehenden Flagge signalisieren den Wunsch auf Frieden in Somalia, die Hoffnung auf Rückkehr, um etwas Entscheidendes zu bewirken: Freiheit schaffen, sich von den Armeen befreien und das Schlachten beenden, Nahrung für die leidende Bevölkerung sichern.
So mitreißend der Refrain eingangs für die Schülerinnen und Schüler war, um so berührter nahmen sie die Kernaussage des Liedes auf. Die Zeile „Wenn ich älter bin, werde ich stärker sein“ bekam eine ganz neue Dimension. Im Nachhinein betrachtet, kam die fächerübergreifende Sensibilisierung hinsichtlich der Flüchtlingswelle ab 2015 zum richtigen Zeitpunkt.
Der Song spielte für die Familie Zimmermann auch privat eine große Rolle
Der Song prägte uns gleichermaßen privat. „Wavin Flags“ stand für uns in der Familie damals als Symbol des Abschiednehmens und der Ferne. Unsere 15-jährige Tochter Anna begab sich auf einen einjährigen Rotary-Schüleraustausch nach Brasilien. Gerade erst hatte die deutsche Fahne als Zeichen des Sieges in Brasiliens Stadien geweht, ging Annas Reise direkt ins Zentrum des Halbfinales, nach Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais. Das Loslassen ist für Eltern eine große Sache. Aber dann ist es ausgerechnet noch Brasilien - gerade nach dem 7:1-Sieg der Deutschen über das Austragungsland der WM! Wie würde sie dort aufgenommen?
Alle Befürchtungen erwiesen sich aber als unbegründet: Man feierte die Deutschen, weil sie das ungeliebte Nachbarland Argentinien im Endspiel besiegt hatten. Die liebevolle Aufnahme in allen Gastfamilien bestätigte Anna bei unseren Skype-Meetings. Diese fanden meist in den späten Abendstunden oder nachts statt, die Zeitverschiebung um sechs Stunden berücksichtigend. Viele Fotos von glücklichen Momenten beruhigten unsere Gemüter – von Schule und Freizeit, von Ausflügen nach São Paulo, Rio de Janeiro oder in den tropischen Regenwald. Im Hintergrund auf Gruppenbildern: die farbenfrohe Landesflagge mit grünem Hintergrund und blauem Erdball auf gelber Raute. Die brasilianische Fahne brachte Anna dann auch nach ihrem zwölfmonatigen Austausch mit nach Hause. Ebenso Lebenserfahrung und Reife, passend zur Liedzeile „When I get older I will be stronger“. Und „Then it goes back“ – das war sehr beglückend für alle.
Die Serie
Manche Songs gehen einem ein Leben lang nicht mehr aus dem Ohr – vor allem solche, die sich mit einem besonderen Erlebnis verknüpfen. In unserer kleinen Sommerserie erzählen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der RHEINPFALZ von ihren persönlichen Sommerhits.