Mannheim
Vintage-Store in der Neckarstadt begeistert Sammler weltweit
Retro ist in Mode. Bei Kleidern ohnehin, aber auch mit Gegenständen aus der jüngeren Vergangenheit holen sich Nostalgiker ein Stück ihrer Jugend zurück – und oft auch hohe Qualität ins Haus. In der Mannheimer Neckarstadt-West gibt es mit „Conni Kern“ und dem „Goldladen“ gleich einen doppelten Second-Hand-Store. Für Vintage-Lampen und Designer-Möbel, Schallplatten und HiFi-Geräte fragen sogar Kunden aus Barcelona, Singapur oder New York an.
2019 eröffneten Conni Kern und Daniel Gold, die beide quasi um die Ecke leben, ihren Vintage-Laden in der Laurentiusstraße. „Von Anfang an zweigeteilt. Das ist nicht trennend, sondern verbindend“, sagt Kern, die Innenarchitektur studierte und schon immer ein Faible für Einrichtungen hegte, seitdem ihr als Kind ein paar dickere Wälzer aus dem elterlichen Regal in die Hände fielen: „Fritz Spannagel – der Möbelbau“ oder „Sembach/Leuthäuser/Gössel – Möbeldesign des 20. Jahrhunderts“ hießen ihre Bilderbücher. „Ich war fasziniert, wie alte Möbel so modern aussehen können, als kämen sie aus der Zukunft“, sagt sie über den Bauhaus-Look.
Eintauchen in vergangene Zeiten
Mit der Tante streifte sie über Flohmärkte und träumte früh vom eigenen Laden. Daniel Gold ging es ganz ähnlich. Schon lange sammelt er Platten, repariert Receiver und taucht gerne in Zeiten ein, die er selbst gar nicht erlebte. „Geräte aus den 70ern und 80ern hatten einen höheren Standard, dann kamen viele billige Plastikanlagen dazu“, sagt er. Gemeinsam bezogen sie einen Leerstand, der einmal Adler-Fanshop und ganz früher Weinstube war, wie sie beim Abkratzen der Farbschichten bemerkten.
Im Grunde ist nun der ganze Laden ein Fenster in eine Vergangenheit, die wieder auflebt. Old-Fidelity-Anlagen von Kenwood, Pioneer oder Marantz strahlen silbern. Die Receiver haben noch Alufronten und Holzgehäuse, haptische Knöpfe und Regler aus Metall, die richtig klicken und knacken. „Es ist wie bei allen Oldtimern, bei mechanischen Geräten lässt sich noch etwas machen“, erklärt Gold. Viele gut behandelte Anlagen gewinnen mit den Dekaden an Wert dazu, bei einem Grundig-Gerät aus den 90ern könne man dagegen froh sein, noch 50 Euro rauszuschlagen.
Fokus auf Design-Klassikern
Kern und Gold erhalten viele Anfragen und sind deutschlandweit unterwegs: Haushaltsauflösungen, Nachlässe, aber auch Menschen, die auswandern oder sich wohntechnisch verkleinern, wollen ihre hochwertigen Gegenstände in guten Händen wissen. „Mich interessieren immer beide Seiten der Geschichte. Wo kommen sie her, was haben sie für einen Hintergrund? Wo gehen sie hin, wie leben sie weiter? Ich möchte Vermittlerin sein“, sagt Kern, die ihren Fokus auf Design-Klassiker legt und für den Verkauf inzwischen Kunden in der ganzen Welt hat.
Ein Servierwagen namens „Hilton“ aus der kitschig-eleganten Memphis-Gruppe wird für den Transport nach Barcelona verpackt. Ein Schreibtisch des Industriedesigners Dieter Rams macht sich auf den Weg nach Westchina, ein 80er-Jahre-Sessel aus der Pfalz wurde nach Singapur geflogen, ein schwarzes Ledersofa von Cassina umarmt nun seine neuen Besitzer in Lagos, Portugal.
Originale von Fakes unterscheiden
„Gerade erst habe ich einen Bibendum-Sessel von Eileen Grey nach New York verkauft“, sagt Kern. Zwar werden die umhüllenden, bewusst an das Michelinmännchen erinnernden Sitzmöbel immer noch hergestellt. „Der Kunde aber wollte eine alte Produktion von den Vereinigten Werkstätten München“, erklärt Kern, die mit der Zeit zur Expertin wurde, Originale von Fakes schon an Labels oder Schrauben erkennt.
Die auffälligen Schlauchleuchten heißen übrigens „Boalum“, werden auch „Schlange des unendlichen Lichts“ genannt, wurden 1970 vom italienischen Designer Gianfranco Frattini entworfen und lassen sich beliebig zusammenstecken. Die Tulpenstühle sind das Vermächtnis des finnischen Architekten Eero Saarinen und besonders gefragt. „Manche Kunden erfüllen sich Wünsche und Träume, sie kaufen sich etwas, was sie sich damals nicht leisten konnten. Oder sie bereuen einen Verkauf, einen Verlust, weil etwas kaputt gegangen ist“, erklärt Gold.
Die „Nintendophase“ nennt er diesen nostalgischen Rückkauf, das Zurückholen einer Erinnerung. Auch Studenten halten im Laden Ausschau. Manche stöbern nach Platten und stoßen auf ein cooles Designobjekt, um ihrer Ikea-Einrichtung einen individuellen Touch zu geben. Kern und Gold beraten dann gerne. „Wir haben ein Herz für Dinge, wir mögen es, die Schönheit im Detail zu sehen und das Handwerk und Know-how vergangener Generationen wertzuschätzen“, betont Kern.