Mannheim
Vegetarisches Restaurant „Heller’s“: Lebenswerk in Gefahr
„Wir sind ein gastronomischer Großbetrieb mit 800 Quadratmetern Restaurantfläche innen und im Außenbereich. Vor Corona haben hier am Tag 700 Gäste gegessen. Das ist eine Riesenzahl für ein vegetarisches Restaurant“, sagt Gründer und Geschäftsführer Wolfgang Heller nicht ohne Stolz. Für den Erfolg hat er eine einfache Erklärung: „Bei uns spielt Qualität die Hauptrolle. Unser Essen ist nicht nur vegetarisch und 100 Prozent Bio, sondern auch vollwertig.“
Das Gemüse werde aufwendig zubereitet und nicht gekocht, sondern nur kurz im Dampf gegart. Dadurch bleiben nicht nur die Nährstoffe, sondern auch mehr vom Geschmack erhalten, erläutert Betriebsleiter Ivo Markl-Fernandes. „Weißer Zucker, weißes Mehl und alle Fertigprodukte sind bei uns tabu“, betont der 77-jährige Heller. Jeden Tag gebe es andere warme Gerichte. Daher kämen Stammgäste jeden Tag zum Mittagessen. Und das Restaurant habe bis auf zwei Ausnahmen an allen 365 Tagen im Jahr geöffnet. Zu den Kunden zählten dabei nicht nur Vegetarier oder Veganer. „90 Prozent unserer Gäste sind Flexitarier“, hat Heller in vielen Unterhaltungen herausgefunden. Also Leute, die gelegentlich durchaus mal Fisch und Fleisch essen. Aber dies nur in Maßen tun wollen. Der typische „Heller’s“-Kunde ist nicht mehr ganz jung, darunter sind viele Frauen. Es kommen Geschäftsleute und Angestellte in ihrer Mittagspause. Dazu Leute, die zum Einkaufsbummel nach Mannheim kommen. „Einkaufen in der City und essen bei Heller’s war ein Paket für viele, auch von weit außerhalb“, weiß der Firmengründer, der selbst in Maxdorf wohnt.
Dann kommt der Einschnitt
Alles lief gut. Bis Corona für einen harten Einschnitt sorgte. Nach der erzwungenen Schließung am 23. März ist das Restaurant seit 18. Mai wieder geöffnet. Die Geschäftsleitung hat alle Corona-Vorgaben erfüllt und alles Mögliche verändert. So ist die Selbstbedienung am Salat- und Vorspeisenbüfett aufgegeben, wo jeder Gast dieselben Schöpflöffel benutzt hat. Hier bedient jetzt Thekenpersonal. Auch Tabletts und Besteck nimmt nicht mehr jeder selbst in die Hand. Eine Registrierung am Eingang und Hände desinfizieren ist ebenso Kundenpflicht wie Maskentragen bis zum Tisch. Das Personal ist mit Trennscheiben und Masken geschützt. Ohnehin nicht eng bestuhlt, wurden noch einige Tische für mehr Abstand herausgenommen.
„Leider kommen im Moment mit 300 Menschen pro Tag nur 40 Prozent der Kunden wie vorher“, klagt Heller. Nur sehr langsam nehme es zu. Einige ältere Kunden seien vielleicht noch ängstlich. Bei anderen mangele es wegen Homeoffice oder Kinderbetreuung an der Gelegenheit. Vor allem gebe es weniger Leute, die zum Einkaufsbummel in die City kommen, meint der Geschäftsführer.
Bisher seien alle 60 Voll- und Teilzeitmitarbeiter gehalten und niemandem gekündigt worden. Es habe Kurzarbeitergeld gegeben, aufgestockt mit einem freiwilligen Firmen-Bonus. „Mit 300 Gästen am Tag sind wir jedoch nicht rentabel, das funktioniert wirtschaftlich nicht auf die Dauer“, betont der Firmengründer. Die Mittel aus der Soforthilfe im März waren gut. Jetzt hoffe er auf die angekündigte Überbrückungshilfe des Bundes, um den Betrieb und die Mitarbeiter weiter zu halten. „Es wird noch Monate dauern, bis die Vor-Corona-Verhältnisse wieder erreicht werden. Wenn überhaupt“, meint Heller. Der 77-Jährige sieht sein Lebenswerk in Gefahr.
Zur Sache:
Als Wolfgang Heller 1987 sein vegetarisches Restaurant gründete, war er einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Seitdem habe er sechs bis sieben Millionen Gäste bewirtet, schätzt der 77-Jährige. Dass er in Mannheim eröffnet hat, war Zufall. Sein Vorbild sei ein vegetarisches Restaurant in Stuttgart gewesen, dessen Konzept er übernommen habe. Ein Vermieter aus Mannheim hatte gerade Räume angeboten. Wie Heller erzählt, ist er 1955 aus Brandenburg in den Westen geflüchtet. Als gelernter Exportkaufmann hat er mit Bio- und Vollwertprodukten gehandelt. Später den ersten Bio-Supermarkt in Wiesbaden eröffnet. Aus Überzeugung sei er selbst irgendwann zum Vegetarier geworden. Den Trend zur veganen Ernährung sieht Heller durchaus skeptisch: „Nur gut, wenn es vollwertig gemacht wird, sonst droht Mangelernährung.“