Mannheim
St. Hedwig-Ende: „Muss ein Krankenhaus Gewinn erwirtschaften?“
Herr Dr. Job, was macht die Magie einer Geburt aus?
Es ist ein Ereignis, das einen immer wieder fasziniert. Ich habe bestimmt annähernd 1000 Kaiserschnitte in meinem Leben gemacht. Irgendwann habe ich sie nicht mehr gezählt. Aber trotz aller Routine hatte ich jedes Mal Respekt vor einem Kaiserschnitt. Keine Angst, aber Respekt. Man ist einfach froh, wenn das Kind heil rauskommt und man die Wunde in der Gebärmutter ohne großen Blutverlust wieder zugenäht hat. Es ist immer wieder ein Adrenalinstoß.
Warum sind Sie Frauenarzt geworden – war es gewollt oder Zufall?
Zufall. Ich wollte eigentlich Landarzt oder Unfallchirurg werden. Dann habe ich aber als junger Arzt eine praktische Ärztin vertreten und mich für eine Facharztausbildung entschieden. Als Student im Stadtkrankenhaus Offenbach hat mir die Gynäkologie als Abteilung am besten gefallen. Damals war es schwierig, eine gute Stelle zu bekommen. In Offenbach ist mir eine angeboten worden. Und so bin ich zur Gyn gekommen.
Und wie waren die Stationen bis zur Hedwig-Klinik?
Elf Jahre Offenbach, fünf Jahre Worms, dann Mannheim. Ich war fünf Jahre lang Assistenzarzt, dann fast sechs Jahre lang Oberarzt, fünf Jahre lang leitender Oberarzt in Worms und dann war ich als Chef 20 Jahre lang in Mannheim. In Offenbach habe ich viel gelernt, es war eine große Abteilung mit 140 Betten, 2000 Geburten und 6000 Operationen im Jahr. Das Fachgebiet ist umfangreicher als man denkt. Es ist viel mehr als Krebsvorsorge, Schwangerschaft und Pille.
Woher kam Ihr Interesse?
Mich hat als Kind schon die Embryologie interessiert, die Entwicklung eines Menschen und auch die Geburt. Als ich studiert habe, war das Thema unter ferner liefen, aber mich hat es immer fasziniert. Wir lernen alles Mögliche, aber von der Geburtshilfe wissen die meisten ganz wenig. Die Hebammen waren in meiner Kindheit auf dem Dorf noch richtige Institutionen. Sie haben mir immer imponiert. Mein Bruder ist auch in einem Geburtshaus auf die Welt gekommen.
Was macht einen guten Frauenarzt aus?
Ganz wichtig ist Empathie für die Frauen, gerade in der Geburtshilfe sowie eine solide Aus- und Weiterbildung und permanente Fortbildung.
Wie viel seelsorgerisches Talent braucht es?
Das ist ganz klar notwendig. Die Betreuung von Risikoschwangeren oder von Krebspatientinnen geht nicht ohne. Aber das lernst du nicht im Studium, das kommt erst mit der Zeit. Es ist wichtig, in einer guten Abteilung zu sein und Vorbilder zu haben, Chefs und Oberärzte, die mit Problemen umgehen können und einem zeigen, wie das geht.
Hatte das hier in der Hedwig-Klinik mit den Schwestern im Haus eine ganz eigene Dimension?
Ein katholisches Haus mit Ordensschwestern war eine völlig neue und andere Welt für mich. Da war der Patient noch einmal mehr im Mittelpunkt, viel wichtiger als der Dienstplan, der Feierabend oder die Kaffeepause. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Der karitative Gedanke war sehr ausgeprägt.
Was ist über die Anfänge des Krankenhauses bekannt?
1928 sind die beiden Lanz-Villen im Quadrat A 2 umgebaut worden. Julia Lanz hatte verfügt, dass die Häuser nach ihrem Tod zu einem Entbindungsheim werden. Sie war sozial sehr engagiert. Es war früher, so weit ich weiß, in Mannheim so, dass es immer wieder mal vorkam, dass eins der jungen Mädchen, die in Stellung gingen, also junge Frauen vom Land, die hierher als Dienstmädchen kamen, schwanger wurden. Sie durften das nicht sagen, nach Hause konnten sie auch nicht. Und so ging das Dilemma los. Julia Lanz hat sich um diese jungen Frauen gekümmert. Das war ihr wohl ein Anliegen.
Das heißt, mit dem Ende der Hedwigs-Klinik als Geburtsklinik endet auch ein Kapitel Stadtgeschichte.
Ja, ein bisschen schon. Aus der Idee hat sich die Klinik entwickelt. Fast von Beginn an haben die Bühler Schwestern die Trägerschaft übernommen und sind bis 2017 geblieben.
Können Sie sich an die erste Geburt in der Hedwig-Klinik erinnern?
Ja, das kann ich. Das war Silvester 1995/1996. Da kam gleich ein Kind. Der damalige Assistent hat die Nacht im Haus verbracht. Ich bin morgens dazu gekommen, da war das Kind schon da. Danach war drei, vier Tage lang keine Geburt. Es ging damals zäh los. Es war schwierig. Es herrschte Skepsis in der Stadt, wie das mit dem neuen Arzt wird. Im ersten Jahr hatten wir nur 409 Geburten. Im zweiten Jahr waren es dann aber schon 675.
Sie haben sich das Vertrauen der Mannheimer also erst erarbeiten müssen.
Ja, das hat zwei, drei Jahre gedauert. Aber das war klar. Es ist damals auch die Vorgabe vom Träger gewesen, der darauf eingestellt war, dass es dauert, bis es läuft. 1999, im vierten Jahr, waren es schon über 1000 Geburten im Jahr.
Faszinierend auf der einen Seite, wie gefährlich ist eine Geburt auf der anderen Seite?
Die Geburt sei wahrscheinlich der gefährlichste Moment im Leben eines Menschen, soll ein alter weiser Gynäkologe einmal gesagt haben. Das Wort gefährlich verwenden wir aber nicht so gerne in der Medizin. Denn es schreckt ab. Alles ist gefährlich. Man kann auch beim Überqueren der Straße von einem Auto überfahren werden. Wichtig ist, die Geburtshilfe im historischen Kontext zu sehen. Als sich Ignaz Semmelweis in Wien um 1848 mit den hygienischen Gegebenheiten rund um Geburten befasst hat, war ein erster wichtiger Schritt getan, denn damals starb noch jede zehnte Frau im Kindbett. Heute haben wir die niedrigste Mütter- und auch die niedrigste Säuglingssterblichkeit, die wir je hatten.
Aber eine Garantie auf eine erfolgreiche Geburt gibt es nicht.
Es kommt auch heute noch vor, dass eine Mutter oder ein Kind bei der Geburt stirbt, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr viel geringer als noch vor einigen Jahrzehnten. Es hat sich hier vieles verbessert. Trotzdem müssen wir immer bestrebt sein, die Versorgung noch weiter zu verbessern.
Wie haben sich die jungen Eltern in den Jahren Ihrer Tätigkeit entwickelt?
Als ich 1980 angefangen habe in der Geburtshilfe, war ich ein junger Kerl und die meisten Frauen in meinem Alter und teils älter. Es war ein anderer Bezug zur Geburt da. Es gab viele Wunschkinder, aber es gab schon immer Kinder, die waren überhaupt nicht gewünscht. Einschneidend war, dass auch wir in der Klinik früher nach der Freigabe des Paragrafen 218, das war 1977/78, Schwangerschaftsabbrüche hatten. Damals gab es viele derartige Eingriffe. Und trotzdem gab es auch Kinder, die nicht willkommen waren. Man musste lernen, auch diese Frauen zu begleiten.
Spielt rund um den Geburtsvorgang eine Rolle, dass es Kuckuckskinder gibt?
Das ist in der Geburtshilfe eigentlich kein Thema, eher später im sozialen Umfeld. Es wird nur dann zu einem Problem, wenn eine weiße Mutter ein Mischlingsbaby bekommt und der Partner nicht als Kindsvater in Frage kommt. Das habe ich zweimal erlebt. Das ist dann schon eine schwierige Situation. Vor allem, wenn der Partner bei der Geburt dabei ist und die vorausgegangene Beziehung nicht bekannt war.
Was ist besonders rührend an der Geburtshilfe?
Wenn bei einer Frau jahrelang der Kinderwunsch bestanden hat und das Kind dann endlich da ist, das ist schon ein besonders schönes Erlebnis. Auch bei Zwillingsgeburten sind wir erleichtert, wenn alles gut gegangen ist.
Um Kaiserschnitte ranken sich viele Mythen. Ist das berechtigt?
Es gibt unendlich viele Studien, die zum Teil sicher sehr gut sind, teilweise aber auch nicht. Aber wissenschaftlich ist es sicher so, dass eine Kaiserschnittrate von rund 15 Prozent gerechtfertigt ist, um die Risiken für Mutter und Kind zu minimieren, aber wesentlich höhere Kaiserschnittraten sind weder für die Mutter noch für das Kind besser.
Was heißt das konkret?
Es gibt geburtsunmögliche Lagen, Frühgeburtlichkeit, es gibt Geburten, bei denen die Gefahr besteht, dass die Gebärmutter reißt. Es gibt medizinische Gründe für etwa zehn bis 15 Prozent, aber nicht 50 Prozent und mehr. Das sind Wunschkaiserschnitte aus den verschiedensten Gründen, die aber nicht medizinisch begründet sind.
Stichwort Babykorb, womit wir wieder bei Julia Lanz und ihrem Herz für Frauen in Notlagen sind.
Den Babykorb hat es an der Klinik seit Ende 2002 gegeben. Und das hatte seinen Grund. Denn in Mannheim war zuvor ein Kind in einem Park in einem Busch einfach abgelegt worden. Dann hat bei uns das Telefon geklingelt. Es haben sich Frauenverbände gemeldet, die wissen wollten, warum wir keine Babyklappe in der Stadt haben. Wir haben uns als Klinik damals deshalb entschieden, eine Babyklappe einzurichten. Das war nicht ganz einfach, es musste ja alles juristisch auf einwandfreien Füßen stehen.
Im Schnitt ist seitdem ja ungefähr einmal im Jahr ein Kind bei der Klinik abgegeben worden. War es eine gute Entscheidung?
Ich denke schon. An das erste kann ich mich noch besonders gut erinnern. Es kam wenige Monate nach Einrichtung des Babykorbs. Es war unglaublich. Als das Kind da war, wurde es sofort kinderärztlich versorgt, dann ganz oft von den Schwestern und Hebammen herumgetragen. Alle haben sich rührend gekümmert. Es war ein Junge, der in eine gute Familie gekommen ist.
Die Frauen haben die Möglichkeit, ihren Entschluss, das Kind abzugeben, innerhalb von drei Monaten zu revidieren. Haben Sie das erlebt?
Nein. Bei dem ersten Fall war es beispielsweise aber auch so, dass wir wirklich gar nichts wussten. Da hätte jeder kommen und sagen können, das ist mein Kind. Mittlerweile kann eine Mutter aber auch eine Nachricht für das Kind hinterlassen, die ihm am 18. Geburtstag übermittelt wird.
Und wie verhält es sich mit anonymen Geburten?
Die kommen vor, aber auch sehr selten. Es sind sehr spezielle Fälle. Und auch da denke ich, dass es für die Frauen ein Segen gewesen ist. Ich glaube, dass es die Pflicht jeder Gyn- Abteilung ist, einer Frau in Not zu helfen. Dazu sind sie ja auch da. Frauen sind eben anders als Männer, weil sie es sind, die schwanger werden und ein Kind auf die Welt bringen. Deshalb gibt es da auch ganz andere Probleme. Dafür sollte man offen sein und man darf sie nicht wegschicken. Unsere medizinischen Vorväter haben es auch noch viel öfter erlebt, dass Frauen nach versuchten Schwangerschaftsabbrüchen fast verblutet oder gar gestorben sind. Solche Erlebnisse verändern die Sicht auf diese Problematik erheblich.
Was hat die Atmosphäre der Hedwig-Klinik ausgemacht?
Ich bin damals mit offenen Armen empfangen worden und hatte das Glück, dass ich mir meine ärztlichen Mitarbeiter selbst aussuchen konnte. Ich hatte damals ein tolles Team. Alle haben mitgezogen – Hebammen, Schwestern und Ärzte. Es ging einfach um die Frage: Schafft es die Abteilung oder nicht? Wir haben es geschafft. Auch dank der Schwestern. Sie waren die Klinik. Sie waren ihre Seele. Es waren zwar nicht mehr so viele Ordensschwestern auf Station, als ich kam. Aber die, die da waren um Oberin Regina, haben alle im Haus mitgezogen und motiviert mit ihrer Menschlichkeit und Wärme. Sie haben für ihren Beruf gelebt. Ihr Zuhause war die Klinik, gleichzeitig der Konvent ihre Familie. Man hat sich gekümmert auch um die vielen unterschiedlichen Belange. Die Schwester Oberin war für mich eine Beraterin, die immer ein offenes Ohr und auch Zeit hatte. Das tut einem Chefarzt ganz gut.
Da muss die Nachricht von der Klinikschließung schmerzen.
Ja, sicher. Natürlich muss ein Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten und soll keine Verluste schreiben. Aber es ist schade, dass eine solche Klinik, die in Mannheim sicher ein Alleinstellungsmerkmal hat, geschlossen wird. Zudem muss grundsätzlich die Frage erlaubt sein, ob ein Krankenhaus, ich denke jetzt auch an die Diskussion über angeblich unwirtschaftliche Kinderkliniken, denn unbedingt Gewinn erwirtschaften muss, der dann beispielsweise in eine AG fließt und ausgeschüttet wird. Aber das ist ein weiteres Thema. Die Frage ist: Was ist es uns wert?