Mannheim
Spaziergang im Riesen-Rohr
842 Kilometer lang ist das Kanalisationsnetz in der Stadt Mannheim. Das ist ziemlich genau die Entfernung München – Lübeck. Zu seinen wichtigsten Elementen gehören sechs Düker, unterirdische Rohrleitungen unterhalb von Fließgewässern wie dem Neckar, die die Stadtteile miteinander verbinden. Der Düker an der Diffenébrücke zur Friesenheimer Insel ist dabei der größte in der Stadt. Für seine anstehende Sanierung nimmt die Stadt nun rund zwei Millionen Euro in die Hand.
20 Meter unter der Oberfläche und acht Meter unterhalb der Sohle des Altrheins stellt dieser Riesen-Düker über eine Länge von 242 Metern die Kanalverbindung in den Mannheimer Norden her. Die Größe der beiden baugleichen Stahlbetonröhren des Dükers an der Diffenébrücke mit einem Innendurchmesser von 2,20 Metern bringt eine seltene Besonderheit mit sich. Eine von ihnen ist begehbar. Die Regenwasserröhre kann bei Starkregen volllaufen und dabei 1000 Kubikmeter Wasser aufnehmen. In der zweiten Röhre wird das Schmutzwasser transportiert. In zwei Kunststoffleitungen von 60 und 70 Zentimetern Durchmesser im Innern wird es nach Norden zur Kläranlage bei Sandhofen gepumpt. In die Unterwelt geht es nur mit Sicherheitsausrüstung – Helm und Handschuhe sind ebenso Pflicht wie ein dünner Overall, der die Kleidung vor Verschmutzung schützt.
Glitschige letzte Meter
Über unzählige Treppenstufen führt der Weg zunächst bis in 17 Meter Tiefe. Auf den letzten Metern einer glitschigen Metallleiter sind Röhren-Spaziergänger mit einem Haltegurt gesichert. In der großen Dükerröhre unten angekommen, sorgen Taschenlampen für eine spärliche Beleuchtung. Auf dem Boden stehen Pfützen mit Schmutzwasser und Matsch. Der Geruch ist muffig, aber erträglich. Die Röhre sei zuvor gelüftet worden, heißt es. An einer Seite der 30 Zentimeter dicken Betonröhre sind in kurzen Abständen Eisenhalterungen für die beiden Kunststoffrohre mit dem Schmutzwasser angebracht.
„Der Düker wurde 1972 gebaut. Die Kunststoffleitungen haben mit fast 50 Jahren ihre angenommene Lebensdauer längst erreicht“, erläutert Hartmut Schulz, der bei der Stadtentwässerung für das Kanalsystem zuständig ist. Aktueller Anlass für die Erneuerung seien feine Risse in den Kunststoffrohren, die bei routinemäßigen Kontrollen entdeckt worden sind. Neben den Kunststoffleitungen werden auch ihre alten eisernen Halterungen gleich miterneuert. Nur in kurze Teilstücke zerschnitten sei es möglich gewesen, die beiden maroden Leitungen abzubauen und hinauszuschaffen. Auch die neuen Kunststoffleitungen könnten nur stückweise heruntergebracht werden. An Ort und Stelle werden sie dann miteinander verschweißt, wie der Kanal-Experte erläutert. „Man fühlt sich hier wie in einem U-Boot. Wenn ein Schiff durch den Altrhein hier darüber hinwegfährt, ist das so laut, dass man glaubt, es rammt gleich die Röhre“, erzählt Schulz.
Probleme im Kanalnetz
Ab September soll die Montage der neuen Leitungen durch Fachfirmen beginnen. Bis Januar sollen die Arbeiten beendet sein. Glücklich wieder oben im Tageslicht angekommen, informiert Alexander Mauritz, Leiter des Eigenbetriebs Stadtentwässerung, über die Leistungen und die Probleme des Mannheimer Kanalnetzes. Sorgen bereiten die zunehmend mit dem Abwasser entsorgten Plastikabfälle und Fette, die eine dicke Schicht auf dem Abwasser bilden können. Sie führen mitunter zu Verstopfungen und können erst in der Kläranlage bei Sandhofen ausgefiltert und entfernt werden. „Wir kommen dort auf 800 Tonnen Fette im Jahr“, sagt Mauritz. Besonders schlimm seien große Putzlappen, sie seien der Tod für die Pumpen. Eine ähnliche Wirkung haben Reinigungstücher, die sich nicht wie andere Hygienepapiere im Wasser auflösen. Sie haben daher in der Toilette nichts verloren.