Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Russlanddeutsche: Der Krieg spaltet Familien

Irina Peter, Journalistin und Macherin eines Podcasts zu Geschichte und Lebensrealität der Russlanddeutschen.
Irina Peter, Journalistin und Macherin eines Podcasts zu Geschichte und Lebensrealität der Russlanddeutschen.

Viele Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion haben in den vergangenen Jahren ihre Herkunft wieder entdeckt und sich mit ihrer Geschichte beschäftigt. Jetzt führt Russland Krieg in der Ukraine – und der ist ein Stresstest für die Gemeinschaft.

Die Bilder aus dem Krieg, die kann sich Irina Peter nicht anschauen. Sie erträgt sie nicht, die Aufnahmen von Kinderkrebs-Stationen, die man wegen Granateinschlägen in Keller ausgelagert hat, von Krankenhäusern unter Raketenbeschuss, von Menschen, die sich in unzureichende Schutzeinrichtungen geflüchtet haben. „Ich kann das emotional nicht“, sagt Peter, Journalistin aus Mannheim, Russlanddeutsche, Großeltern aus der Ukraine.

Sie hört die Nachrichten im Radio, mehr geht nicht. Sie versucht am Telefon, Hilfe für Geflüchtete oder Flüchtende zu koordinieren. Und sie versucht Kontakt in die Ukraine zu halten. Peter war im vorigen Jahr Stadtschreiberin von Odessa, Hafenstadt am Schwarzen Meer. Und daneben versucht sie wohl immer noch, zu ergründen, was dieser Krieg, die russische Invasion der Ukraine, mit ihren Leuten anrichtet. Im Grunde geht da ein Riss durch die Gemeinschaft, sagt Peter: „Es gibt eine Kluft innerhalb der Familien.“

Etwa 3,5 Millionen Russischstämmige sind seit dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland eingewandert, etwa 2,5 Millionen davon als Spätaussiedler, also Menschen mit deutschen Wurzeln. Der Austausch-Begriff „Russlanddeutsche“ ist dabei eigentlich recht ungenau: Viele der Zuwanderer kamen seinerzeit aus Kasachstan nach Deutschland, dorther, wohin sie oder ihre Vorfahren im Stalinismus aus anderen Siedlungsgebieten deportiert wurden – als Deutsche unter Generalverdacht. Ein geweiteter Blick auf Migration ist auch ein Blick auf die eigene Geschichte: Unter der Zarin Katharina der Großen sind beispielsweise in der Schwarzmeerregion, Teil der heutigen Ukraine, viele deutsche Zuwanderer angesiedelt worden – und die Dörfer dort trugen Namen wie „Speier“, „Mannheim“ oder „Landau“.

Vielfache Migrationserfahrung

Die Menschen, die ab den 1990er-Jahren in Deutschland angekommen sind, hatten also vielfache Migrationserfahrung vorzuweisen. Und sie galten und gelten hierzulande häufig als Vorzeigemigranten, sagt Hans-Christian Petersen, der am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück eine Professur zum Themenfeld „Migration und Integration der Russlanddeutschen“ innehat.

Die Gruppe war „lange relativ unsichtbar“, erklärt Petersen, ihre Angehörigen waren häufig der deutschen Sprache mächtig, haben sich selbst als Teil einer deutschen Kulturgemeinschaft empfunden – und sie haben sich wohl eher selten beschwert. Ganz problemlos war die Integration nämlich keineswegs, so Petersen: Berufsabschlüsse sind oft nicht anerkannt worden, Rentenansprüche sind vergleichsweise gering – womit Altersarmut ein großes Thema bei der Gruppe ist. Und für die Geschichte der Spätaussiedler, für die hat sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft lange wohl kaum interessiert. Das beginnt sich zu ändern. „In den letzten Jahren wurde deutlich, dass die Gruppe heterogen ist“, sagt Petersen. Was ironischerweise auch der russischen Propaganda zu danken ist.

Im Jahr 2016 haben unter anderem russische Staatsmedien den Fall der angeblichen Entführung und Vergewaltigung der 13-jährigen russlanddeutschen Lisa F. durch „südländische“ Migranten verbreitet. Die Geschichte, schnell als unwahr entlarvt, hat trotzdem einige Demonstrationen Russlanddeutscher provoziert – und die Mehrheitsgesellschaft genötigt, genauer hinzuschauen. Die Gleichung „Russlanddeutscher = Putin-Versteher“ geht dabei nicht auf: In einer Umfrage von 2016 identifizierten sich laut Petersen gerade 17 Prozent der Russlanddeutschen mit der Putin’schen Außenpolitik. Immerhin hat die ganze Aufregung auch dazu beigetragen, dass Irina Peter ihre Wurzeln wiederentdeckt hat – weil sie irgendwann von der einseitigen Berichterstattung gerade in russischen Medien genervt war.

„Steppenkinder“-Podcast

Peter erstellt zusammen mit dem Kulturreferenten Edwin Warkentin eine Podcast-Reihe mit dem Titel „Steppenkinder“ – und die beschäftigt sich, zwischen Familiengeschichten und wissenschaftlicher Aufarbeitung, eben mit der Geschichte der Russlanddeutschen. Es gibt laut Petersen nicht wenige Aussiedler, die in den letzten Jahren ihre eigenen Wurzeln wiederentdeckt haben – nachdem man lange eher dazu geneigt habe, „die eigene Herkunft wegzuschieben“, meint Peter. Und jetzt gibt es Krieg in der Ukraine und erste Berichte über Pöbeleien gegen Russlanddeutsche. Da stellt sich die Frage, ob der Prozess der neuen Emanzipation und Selbstfindung davon berührt wird. „Total“, sagt Peter.

Der Schaden kommt schleichend. „Die Gruppe, die russisches Staatsfernsehen schaut, ist seit Jahren auf diesen Krieg vorbereitet worden“, sagt Peter. Seit 2013, den demokratischen Protesten auf dem Maidan-Platz in Kiew, fahren die russischen Staatsmedien ihrer Beobachtung nach ein rüdes, anti-ukrainisches Programm, Gift, das den Zusehern über Jahre in die Ohren und Augen geträufelt wurde. Bei einem Teil, wenn wohl auch nur einem kleinen, scheint jenes Gift zu wirken: Peters eigene Cousinen unterstützen den Putin-Kurs, sie klingt selbst ein wenig fassungslos, als sie darüber spricht.

Ursachenforschung ist da nicht ganz einfach. Nicht nur russische Propaganda spielt wohl eine Rolle, vielleicht identifiziert sich ein Teil der Russlanddeutschen auch mit der Putin’schen Motivation für den Einmarsch in der Ukraine: Dessen Krieg sei wohl von einem „tiefen Gefühl der Demütigung“ inspiriert, meint Peter – und jene Befindlichkeit finde sich eben auch bei manchen Russlanddeutschen.

„Sowjetmenschen“ gehen nicht auf die Straße

Ganz reingucken kann man allerdings nie. Jutta Schumacher vom „Freundeskreis Speyer – Kursk“ hat versucht, in der Domstadt einen Protest von Russlanddeutschen gegen den Krieg zu organisieren – und ist damit ins Leere gelaufen. „Die wollten nicht an die Öffentlichkeit treten“, sagt sie. Sie hat seit 30 Jahren Kontakt zu einer befreundeten russischen Familie – und deren Mitglieder verteidigen inzwischen vehement den Putin-Kurs, bezeichnen die Berichterstattung in den westlichen Medien als einseitig und verfälschend. „Ich verstehe den Wechsel nicht“, sagt Schumacher.

Die Zurückhaltung älterer Russlanddeutscher bei öffentlichen Kundgebungen kann Peter nachvollziehen: „Das sind ja Sowjetmenschen“, sagt sie, „die gehen nicht auf die Straße“ – gerade als Deutsche in der Sowjetunion im überlebenswichtigen Wegducken geübt. Und was die innerrussische Zustimmung zu Putin betrifft, da rät sie zur Vorsicht. „Die Zustimmung ist halt auch nicht freiheitlich“, sagt sie – sondern findet unter dem wachen Auge eines Repressionsapparats statt. „Mir tun die Russen genauso leid wie die Ukrainer“, sagt sie.

Sie hält den Kontakt nach Odessa, veröffentlicht Stimmen aus der bis Freitag nicht belagerten Stadt auch in einem Blog (www.stadtschreiberin-odessa.de). „Die Menschen sind angespannt“, sagt sie, „manche meiner Freunde sind um Jahre gealtert.“ Etwa ein Drittel der Bewohner hat die Stadt laut Peter bereits verlassen, zurück bleiben die, die kämpfen wollen oder nicht weg können, Freunde mit alten, bettlägerigen Eltern beispielsweise.

Das, was da passiert – es ist Stress auch für die Russlanddeutsche Gemeinschaft. Nachhaltig spalten wird es sie laut Peter nicht. „Ich kenne wahnsinnig viele Russlanddeutsche, die viel helfen“, sagt sie. Sie selbst hat bereits einen „Steppenkinder“-Podcast zum Krieg erstellt, nächste Woche wird einer zum russischen Propagandaapparat erscheinen.

Das neue Interesse von Spätaussiedlern an ihrer eigenen Geschichte, es wird nicht abreißen, meint sie – und an der gelungenen Integration Russlanddeutscher wird sich ihrer Meinung nach ohnehin wenig ändern. „Ich glaube, wir sind immer noch die Superintegrierten“, sagt sie, „die Strebermigranten.“ Beim letzten Ausdruck würde sie unter normalen Umständen vielleicht durchs Telefon grinsen. Nach Grinsen ist ihr aber gerade wohl nicht zumute.

Demonstrationszug in Mannheim gegen den Krieg in der Ukraine am vergangenen Wochenende.
Demonstrationszug in Mannheim gegen den Krieg in der Ukraine am vergangenen Wochenende.
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