Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Migration: Schauspieler bieten Workshops für Schüler an

Das Nationaltheater in Mannheim.
Das Nationaltheater in Mannheim.

Sprache ist mehr als die Summe ihrer Wörter. Sprache ist auch Gestik, Mimik und Körperhaltung. Um Schüler mit Migrations- und Fluchterfahrung zu unterstützen, bietet das Mannheimer Nationaltheater (NTM) in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Türkischen Institut für Arbeit und Bildung (DTI) nonverbale Workshops an.

Bereits mit dem ab 2018 gezeigten und sehr erfolgreichen Liederabend „Istanbul“, bei dem die Migrationsgeschichte auf den Kopf gestellt wird, deutsche Gastarbeiter in die Türkei auswandern und versuchen, in der Fremde Fuß zu fassen, kam es zur Begegnung zwischen NTM und DTI. „Es gibt vielleicht nicht viele Schnittmengen, aber die Migration ist eine davon“, betont DTI-Geschäftsführer Franz Egle. Deshalb habe man nun eine Kooperation gestartet, zu der mehrere Projekte und Veranstaltungen gehören.

Theater als Spiegelbild der Gesellschaft

Den Kulturbegriff weiter fassen, aktiver Teil der Mannheimer Stadtgesellschaft sein: Das ist für den Schauspiel-Intendanten Christian Holtzhauer die Triebfeder für die vertiefende Zusammenarbeit mit dem 2012 gegründeten Migrations-Verein. „Theater ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt er und erinnert damit an den ersten Hausautor des Nationaltheaters, Friedrich Schiller. Im 18. Jahrhundert seien die Nationaltheater eine Plattform des entstehenden Bürgertums gewesen, die Bühne für eine eigene Ausdrucksform, um sich von den höfischen Konventionen zu befreien. „Aber Gesellschaft ist im ständigen Wandel, auch das Nationaltheater muss sich verändern und Deutschland als Einwanderungsland widerspiegeln“, betont der Intendant.

Oft keine Deutsch-Kenntnisse

Um die Verständigung über kulturelle Gruppen hinweg zu ermöglichen, bieten nun Mitglieder des Schauspielensembles nonverbale Workshops an. Konkret unterstützt werden zunächst Berufsschüler der Justus-von-Liebig-Schule. Allein in diesem Schuljahr haben sich dort fünf Klassen mit knapp 100 Schülern ohne Deutsch-Kenntnisse gebildet. Aktuell lernen die 14- bis 18-Jährigen aus Osteuropa und Afrika bereits über die digitale Plattform „MintiCity“ die wichtigsten Deutsch-Grundkenntnisse abseits des Schulunterrichts. „Aber Schauspielunterricht setzt anders an, durch die Verständigung ohne Worte lernen sie: Wie wirke ich im Raum, was kann ich mit meiner Körpersprache ausdrücken? Das schafft ein Selbstbewusstsein im doppelten Sinn“, so Holtzhauer. Letztlich solle diese emotionale Körpersicherheit die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei Bewerbungsgesprächen erhöhen.

Auch Mustafa Baklan, der Vorstandsvorsitzende des DTI, erinnert sich, wie er bei der Gründung eines türkischen Unternehmerverbands im Jahr 1995 zunächst eher die wirtschaftliche Perspektive im Blick hatte, dann aber schnell die Themen Bildung und Soziales mehr und mehr Raum einnahmen. Nun möchte das DTI auch die Brücke zur kulturellen Bildung schlagen. Am 30. Oktober 1961 wurde das Anwerbeabkommen zur Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland vereinbart. „Heute bilden Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte eine der größten ethnischen Minderheiten in Deutschland und die größte Gruppe in Mannheim“, weiß Baklan.

Migranten sollen von Erfahrungen berichten

Um die Rolle des türkischen Gastarbeiters aus vielen Richtungen zu beleuchten, wird das DTI aktiv an der Theaterproduktion mitwirken. Angedacht ist, dass Migranten im Vorfeld von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Ziel sei aber, Konflikte nicht auszuklammern und Verständnis auf beiden Seiten aufzubauen. „Es wird auch gezeigt, wie sich die türkische Migration auf die deutsche Gesellschaft auswirkt, welche neuen Ressourcen geschaffen wurden“, erklärt Sophie Kara-Ebner, die seit September 2019 als Referentin für Diversität am NTM tätig ist. Im Oktober 2021 soll das Stück aufgeführt werden – wenn sich die Ankunft türkischer Gastarbeiter zum 60. Mal jährt.

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