Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kreativer Kampf gegen Kippen

Rund 7000 Schadstoffe sind in Zigarettenkippen.
Rund 7000 Schadstoffe sind in Zigarettenkippen.

Rund 71 Milliarden Zigarettenstummel werden in Deutschland jährlich geraucht, fast 80 Prozent davon landen in der Umwelt. Der Mannheimer Verein Peer 23 möchte deshalb sensibilisieren – und die Glimmstängelreste in etwas Brauchbares verwandeln.

Auf der Friesenheimer Insel in Mannheim hat der sonst für Partys und Musik-Events bekannte Verein Peer 23 inzwischen eine Sammelstelle eingerichtet. Kneipen, Clubs und Restaurants, aber auch Kulturhäuser, Hotels und Betriebe können sie mit ihrem Rauchermüll ansteuern. Dieser wird schließlich recycelt und etwa zu Aschenbechern oder sogar Strom.

Bunt und sehr alternativ wirkt das einstige Industriegelände am Bonadieshafen. Mit Surfbrettern, Liegestühlen und einer schrägen, mit ein paar ausgedienten Regenschirmen überspannten Bretterbude – als hätten Pippi Langstrumpf und Doctor Snuggles gemeinsam Hand angelegt. Viele Künstler haben sich schon auf dem Areal der ehemaligen Sackfabrik verewigt. Seit 2013 hat das „Peer 23“ hier seine Adresse. Ein Kunstraum, der sozial und kreativ tätigen Menschen unkompliziert Ateliers, Werkstätten und Seminarräume bereitstellt. Nun haben sich auch zwei blaue Tonnen hinzugesellt. Das Kippen-Recycling sieht im Kontrast erstmal unspektakulär aus, ist aber Teil eines stetig wachsenden Umwelt-Projekts.

Eigentlich giftiger Sondermüll

Seit 2018 macht sich der in Köln beheimatete Verein TobaCycle für eine bewusste Zigarettenentsorgung stark. Teilnehmende Unternehmen werden mit Behältern ausgestattet, separieren darin ihre Raucherreste und bringen sie zu Annahmestellen. Dann werden die Kippen zu einem Granulat recycelt, aus dem kleine To-Go-Aschenbecher oder Eimer für das Sammelsystem gefertigt werden. „Man versucht einen Kreislauf zu generieren“, sagt Melanie Holstein von „Peer 23“ – und verweist auf die Probleme, die im verbleibenden Filter jeder gerauchten Zigarette stecken. 197 Millionen Nikotinstängel werden in Deutschland täglich konsumiert. Rund 7000 Schadstoffe sind in den Kippen enthalten, darunter toxische Substanzen wie Kohlenmonoxid, Blausäure, Stickoxide oder Mikroplastik, welche auch Kläranlagen nicht vollständig reinigen können. „Eigentlich sind sie als giftiger Sondermüll einzustufen“, betont Holstein.

Als ehrenamtliche Helferin beim Kulturtragfestival wurde sie auf die Kölner Initiative aufmerksam. „Bei Konzerten im Schlosspark haben wir ihre Taschenaschenbecher angeboten und eine Säule für die Zigarettenstummel am Ausgang platziert“, erzählt Holstein. Früher selbst Raucherin, erkannte sie mehr und mehr, wie der Zigarettenkonsum nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern auch der Umwelt schadet, und setzte sich zunehmend kritischer mit den langsam verrottenden Kippen auseinander, die auf dem Bürgersteig, im Gestrüpp oder in der Kanalisation landen.

Sammelstelle auch in Ludwigshafen

Und da die Surfrider Baden/Pfalz – ein Verein, der sich für die Sauberkeit der Flüsse und Gewässer einsetzt – ausgerechnet im Peer 23 ihren Stammtisch haben, kam Holstein auf die Idee, die erste öffentliche Tobacycle-Sammelstelle in der Region einzurichten. „Hier im Peer haben wir Platz. Wir sind dafür bekannt, aus Müll etwas Sinnvolles zu machen, ressourcensparend und kreativ zu arbeiten. Es ist der richtige Ort“, betont die engagierte junge Frau.

Die Raucherkneipe Vigo 36 sowie das Freizeitzentrum Alter in der Neckarstadt wurden bereits mit Zehn-Liter-Eimern ausgestattet. Diese werden nun mit dem Raucherabfall gefüllt, und landen schließlich in den blauen Tonnen beim Peer 23, die Platz für bis zu 120.000 Kippen haben. Nach zwei Qualitäten wird jedoch unterschieden: Trockene, sozusagen sauber gesammelte Stummel, die für das Kreislaufsystem recycelt werden. Und die B-Ware, durchnässte, in Bierflaschen schwimmende oder vom Boden aufgelesene Filter, die zumindest in Biogas- oder Restmüllverbrennungsanlagen in Strom und Wärme umgewandelt werden.

„Letztlich geht es um ein Sensibilisieren. Das Recyceln ist ein cooles Randprodukt, das primäre Ziel aber ist es, die Kippen aus der Umwelt zu verbannen“, sagt Holstein – und hofft, dass die Idee einer bewussten Zigarettenentsorgung weiter Kreise zieht. In Ludwigshafen hat bereits eine Kfz-Werkstatt ihre eigene Sammelstelle eingerichtet. Auch die öffentlichen Aschenbecher in der Mannheimer City oder an Bahnhöfen und Haltestellen könnten letztlich zur Wiederverwertung gelangen. „Einfach ausdrücken und liegen lassen ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagt Holstein. Doch das war es im Grunde noch nie.

Kontakt

Nicht nur Unternehmen und Einrichtungen, auch Privatpersonen können sich der Initiative anschließen, ihre Zigarettenstummel sammeln und auf der Friesenheimer Insel entsorgen. Weitere Infos gibt es unter www.tobacycle.com sowie auf www.peer23.de.

Melanie Holstein hat im Peer 23 eine Sammelstelle für Zigarettenstummel eingerichtet.
Melanie Holstein hat im Peer 23 eine Sammelstelle für Zigarettenstummel eingerichtet.
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