Mannheim
Feuerwehr-Übungsschiff: Simulierte Unglücke aller Art
Das Attribut „europaweit einzigartig“ scheint in diesem Fall wohl wirklich nicht übertrieben. Dass ein normales, altgedientes Tankmotorschiff zu einer Übungsanlage für die Feuerwehr umgebaut wird, ist schon etwas sehr Besonderes. Noch außergewöhnlicher aber ist die Kooperation und Finanzierung, die grenzüberschreitend zwischen den französischen Départements Bas-Rhin und Haut-Rhin, den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und mithilfe von EU-Mitteln dieses Projekt ermöglicht hat. Weil die verwaltungstechnischen Zuständigkeiten im Nachbarland einfacher zu handhaben sind, steht das Trainingsschiff, das hierzulande als Mobile Übungsanlage Binnengewässer (MÜB) bezeichnet wird, seit der Inbetriebnahme im Jahr 2014 unter französischer Leitung. Es pendelt zwischen den Häfen Straßburg und Mannheim hin und her, wobei es die meiste Zeit des Jahres im Mühlauhafen vor Anker liegt, wie Ausbildungsleiter Thierry Romilly von der französischen Feuerwehr beim Ortsbesuch in Mannheim erzählt.
Auf insgesamt 1500 Quadratmetern Fläche sind auf dem umgebauten Tankmotorschiff verschiedene Übungsmöglichkeiten und Szenarien zum Training der Feuerwehrleute eingebaut worden. Vorhandene Rohre, Ventile und Behälter des Tankschiffs sind geblieben. Dazu gibt es Schulungs- und Geräteräume, Umkleiden und Duschen. Auf dem Vorderdeck geben Romilly und sein deutscher Kollege Simon Berger, Ausbildungsleiter der Feuerwehr Mannheim, den Besuchern gleich eine Kostprobe aus der gasbetriebenen Brandübungsanlage. Auf Knopfdruck steht plötzlich eine Bodenfläche in Flammen.
Übungsparcours unter Deck
Für eine zweite Übung schießt kurz darauf eine meterlange Stichflamme seitlich aus einem Rohr, wie bei einem Leck in einer Gasleitung. „Aufgabe der Wehrleute ist es, hier mit einer Wasserwand aus C-Rohren die Hitze abzuschirmen, damit ein Mann hin kann, um das Ventil zuzudrehen“, erläutert Berger. Austretendes und brennendes Gas würde man niemals löschen, sondern brennen lassen. Es sei noch gefährlicher, wenn das Gas unsichtbar austrete, ergänzt Romilly, der als Elsässer gut Deutsch spricht.
Ein ausgedehnter Übungsparcours befindet sich unter Deck des Schiffs. In völliger Dunkelheit wie bei starkem Rauch müssen die Wehrleute ausgestattet mit Atemschutz und einer 30 Kilogramm schweren Ausrüstung eine 65 Meter lange Strecke durch ein echtes Labyrinth überwinden. Der Weg führt durch Luken, über Leitern, Öffnungen in Gitterkäfigen bis in den Maschinenraum, wo eine 80 Kilogramm schwere Puppe „gerettet“ und ins Freie gebracht werden muss. Simuliert wird hier nicht nur die Situation in Schiffen, sondern auch in engen Wohnungen. „Die Übung unter Atemschutz ist enorm anspruchsvoll, der Körper überhitzt schnell. Die Teilnehmer kommen hier an ihre Grenzen und manche darüber hinaus“, betont Berger, dass diese Erfahrung in der Ausbildung wichtig ist.
BASF-Werkfeuerwehr war auch schon da
An weiteren Stationen im Schiff kann geübt werden, einen Menschen aus einem vier Meter tiefen Silo zu retten. Dass in der Situation „Mann über Bord“ ein Atemschutzgerät weiterhin funktioniert, wird in einem Wasserbecken demonstriert. Wie ein großer Stahlcontainer, wie er auch im Schwerlast-Verkehr üblich ist, trotz starker Schieflage geöffnet werden kann, kann an einem Übungscontainer an Deck erlernt werden. „Vor dem Öffnen muss zuerst die Stahltür gesichert werden. Sie hat ein solches Gewicht, dass, wenn sie aufklappt, jeder erschlagen wird, der da steht“, erläutert Berger. Trotz der Schräglage heißt es anschließend, ein 50-Kilogramm Fass aus dem Container herauszubringen.
„Wir gehen in der Grundausbildung unserer Wehrleute zwei bis vier Tage hierher und üben alle Szenarien“, sagt der Ausbildungsleiter der Mannheimer Feuerwehr. Auch die Ludwigshafener Berufsfeuerwehr wie auch die Werkfeuerwehr der BASF seien schon da gewesen, erzählt er. Das Übungsschiff kann tageweise gemietet werden. „Die MÜB ist das ganze Jahr über nahezu ausgebucht“, berichtet Romilly, der mit zwei französischen Kollegen alle Anlagen im Schiff in Schuss hält. Er kann die Ausbildung der Teams auch selbst leiten, wenn die Kundschaft das wünscht.