Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Der erste DJ

Lebt seit 1993 in Mannheim: Bijan Blum mit seinem Spitzmischling Rusty.
Lebt seit 1993 in Mannheim: Bijan Blum mit seinem Spitzmischling Rusty.

Viele DJs sind heute große Stars, man denke nur an David Guetta oder Calvin Harris. Der Name Bijan Blum ist vielen heute nicht mehr geläufig. Dabei hat der aus Köln stammende und seit Jahrzehnten in Mannheim lebende Blum der Szene in ihren Anfängen seinen Stempel aufgedrückt. Den Grund dafür, dass er dennoch nicht berühmt geworden ist, glaubt er zu kennen.

Er war Resident-DJ in der populären Diskothek „Dorian Gray“ im Frankfurter Flughafen, arbeitete als Model in Mailand und stand unter anderem mit Komödiant Karl Dall vor der Kamera. Bijan Blum hat in seinem Leben viel erlebt: Rauschende Partys, endlos lange Nächte, legendäre Clubs. Zwischenzeitlich wurde er auch mal für Tod erklärt. Heute lebt der 66-Jährige in Mannheim, und genießt als einer der ersten DJs seine Rente. Doch noch immer juckt es den Discjockey im Ruhestand in den Fingern.

Beim Who-is-Who der deutschen DJ-Szene taucht sein Name kaum auf. Dabei war Bijan Blum ein Vorreiter, der bereits in den 1970er-Jahren hinter den drehenden Plattentellern stand. Aufgewachsen ist er in Köln, dort legte er bereits als 15-Jähriger in der Studentendisco „Das Ding“ auf. Die Diskotheken sind damals noch von Soul und Funk geprägt, und der junge Teenie mit den begabten Mix-Händen macht sich in der aufblühenden Kölner und Düsseldorfer Clubszene schnell einen Namen. Irgendwann trifft er auf Gerd Schüler. Der ehemalige Rennfahrer und Unternehmer ist mit seinem Geschäftspartner Michael Presinger und Tom Esselborn – damals wie heute Inhaber des Mannheimer „Tiffany“ – auf Stippvisite in der Domstadt. Man sucht einen Light-Jockey. Und trifft auf Blum. Doch statt nach Mannheim geht es nach Frankfurt.

Acht Jahre wie im Traum

In Mainhattan setzt eine dem New Yorker „Studio 54“ nachempfundene Großraumdisco am Flughafen neue Maßstäbe: Das „Dorian Gray“, mit sagenhaftem Soundsystem, Nebelmaschinen und psychedelischen Lichteffekten. Alles neu und einzigartig zu der Zeit. Bijan Blum ist es vergönnt, am 28. November 1978 bei der Eröffnung als erster die Nadel auf den Plattenteller setzen zu dürfen.

Der charismatische DJ mit der schwarzen Haarpracht wird fester Resident des „Gray“. Bei den schrillen Nächten mit bunten Szene-Vögeln, hübschen Tänzerinnen und Prominenten wie Franz Beckenbauer, Nastassja Kinski, Roger Moore oder Josef Neckermann gibt er am Pult den Takt vor. Manchmal arbeitet der damals 24-Jährige sieben Nächte die Woche. Von 20 Uhr am Abend bis um 8 Uhr am Morgen greift er in die Plattenkiste. „Danach kann man nicht einfach ins Bett gehen und abschalten“, sagt Blum heute. Acht Jahre vergehen wie im Traum, aber ohne richtigen Schlaf.

Wegbereiter für andere DJs

Blum merkt, wie er ausbrennt. 1986 gönnt er sich eine Pause vom DJ-Dasein. Der Zufall spielt ihm in die Karten. Am Strand in Ibiza lernt er einen Videoproduzenten kennen. Ein Türöffner: Blum arbeitet als Model in Mailand und Paris, spielt als Laiendarsteller an der Seite von Uschi Glas oder Karl Dall und wirkt in einem britischen Krimi mit. „Ich habe mitgenommen, was geht. Für mich war es einfach nur Spaß. Heute muss ich sagen, ich hätte einen Manager gebraucht, der Strukturen schafft. Erst das eine, dann das andere.“

Aber dann hätte Blum vielleicht auch viel verpasst. 1989 heuert er im ikonischen Nachtclub „Le Palace“ in Paris an, erlebt spektakuläre Laser-Shows und die aufstrebende House-Music. In Deutschland macht sich gerade der ehemalige Dorian-Gray-Kollege und zehn Jahre jüngere Sven Väth als Techno-Papst einen Namen. Die Love-Parade sorgt für Ekstase, ganz Deutschland ist in den 90ern im bunten Rave-Fieber. Blum ist für viele Wegbereiter und Weichensteller, für den großen DJ-Erfolg aber vielleicht einfach etwas zu früh geboren, glaubt er heute. Was er am Mixen liebt? Wenn es von einer Platte ohne Umschweife aufs andere Vinyl geht. Blum: „Schlagartig, aber harmonisch. Ein harter Cut.“

Schon für tot geglaubt

Schnitt: Mannheim, Herbst 2020. Das jahrzehntelange Clubleben ist dem älteren Herren gar nicht anzusehen. Bijan Blum sitzt in einem gutbürgerlichen Restaurant. Mit hellgrüner Steppjacke, rostfarbenem Sweater und seinem schneeweißen Spitzmischling Rusty an der Seite. Die schwarze Haarpracht von einst ist einer Glatze gewichen. „Der Lack ist ab, aber das Maschinchen läuft noch“, sagt er mit spitzbübischem Grinsen. Seit 1993 lebt er nun schon in der Quadratestadt. Dort hat er gelernt, dass das Leben nicht immer im Vierviertel-Takt mit 120 Beats pro Minute gefeiert werden muss. Mittlerweile arbeitet er für eine Hausverwaltung, und lebt von der Rente. „Ja, das geht wirklich“, sagt er augenzwinkernd.

Und er verrät, dass er zwischendurch für tot geglaubt wurde, weil er sich in mancher Club-Szene schon länger nicht hat blicken lassen. Als er sich 2011 bei Facebook anmeldet, stellen Party-Freunde von einst erstaunt fest, dass es ihn noch gibt. Tatsächlich wirkt der 66-Jährige quicklebendig, jung geblieben, aber auch gesetzt. Das ganze Auf und Ab der Club- und Discowelt hat er schließlich hautnah miterlebt, am eigenen Leib gespürt. „Die 80er- und 90er-Jahre waren eine unglaubliche Zeit, ein Lebensgefühl. Ich glaube nicht, dass so etwas noch mal kommt“, sagt er.

„Besessen von der Musik“

Noch immer legt er in Clubs auf. Heute mit CDs statt Vinyl. „Die Leute sagen, was will der alte Mann da? Dann sind sie baff, wenn ich mein Tech-House spiele“, sagt er. Und wer so mit ihm plaudert, der spürt: Blum hat sich etwas Jugendliches erhalten, seinen persönlichen Dorian Gray. Im Roman von Oscar Wilde erlangt der Held ewige Jugend. Und auch der vergessen geglaubte DJ-Pionier hat sich ein inneres Kind bewahrt. Aber er hat auch gelernt, behutsam damit umzugehen. Blum: „Es gibt ein Feuer in mir, das immer wieder auflodert. Es ist verrückt, welche Energie ich für mein Alter habe. Es liegt wohl daran, dass ich besessen bin von der Musik.“

Tonangebend: Bijan Blum 1978 im Frankfurter „Dorian Gray“.
Tonangebend: Bijan Blum 1978 im Frankfurter »Dorian Gray«.
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