Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung über Albert Speer: Das Ende vom Mythos des „guten Nazis“

Vor Journalisten: Albert Speer nach seiner Haftentlassung am 1. Oktober des Jahres 1966.
Vor Journalisten: Albert Speer nach seiner Haftentlassung am 1. Oktober des Jahres 1966.

Lange gelang es dem NS-Architekten Albert Speer, Historiker und die Öffentlichkeit in der jungen Bundesrepublik an der Nase herumzuführen. Anfang der 1980er-Jahre war es damit aber vorbei.

Künstler, Architekt, unpolitischer Technokrat – dieses Bild hat der in Mannheim geborene Albert Speer von sich selbst geschaffen. Einer, der von der Aura Hitlers verführt worden sei, aber „von scheußlichen Sachen nichts gewusst hat“, wie er in unzähligen Fernseh- und Zeitungsinterviews nach seiner Entlassung am 1. Oktober 1966 aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau immer wieder behauptete. „Man fühlte sich nur für seinen Sektor verantwortlich“. Auch dieses Zitat – wie die meisten von ihm in der dritten Person formuliert – ist belegt. Viele weitere Zitate sind in Videoinstallationen zu sehen. Phrasen und Entschuldigungen, mit denen Speer sein Verhalten im Nationalsozialismus über Jahre hinweg zu begründen versucht. All das ist zu erfahren bei der Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“, die bis einschließlich 31. Mai im Mannheimer Stadtarchiv Marchivum gezeigt wird.

„Speer war in Wahrheit ein Verbrecher“, sagt Alexander Schmidt, Kurator der vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg erarbeiteten Wanderausstellung. Der 1905 in Mannheim geborene Speer zählte zu Hitlers engsten Vertrauten, war erster Architekt des NS-Staates und verantwortlich für Großprojekte wie das Reichsparteitagsgebäude in Nürnberg und die Umgestaltung Berlins. Ab 1942 organisierte er als Rüstungsminister die Kriegswirtschaft, für die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus ganz Europa eingesetzt wurden. Im selben Jahr genehmigte er als Chef des Bauwesens persönlich die Vergrößerung des Lagers Auschwitz.

„Vor Gericht mehrfach gelogen“

„Speer hat sich nach Kriegsende intensiv auf den Nürnberger Prozess vorbereitet und vor Gericht mehrfach gelogen“, so Schmidt weiter. Dort nimmt sie ihren Anfang, die Speer-Legende vom scheinbar geläuterten Zeitzeugen des Nationalsozialismus. Von ihm selbst entworfen und nach seiner Haftentlassung erfolgreich weiterinszeniert, wie der Ausstellungsteil „Speer über Speer“ zeigt. Allenfalls dunkle Ahnungen habe er gehabt. „Ich frage mich heute, was ich hätte in meiner hohen Stellung nicht alles erfahren können, wenn ich gewollt hätte“, schreibt er 1953 aus dem Gefängnis an seine Tochter. Sein moralisches Versagen sieht er ausschließlich in seiner Gleichgültigkeit. Spricht in diesem Zusammenhang von Verantwortung, nicht aber von Schuld und gesteht die Beteiligung an Verbrechen nicht ein. Er verkauft allein im deutschsprachigen Raum 10.000 bis 15.000 Exemplare seiner Publikationen „Erinnerungen“ (1969) und „Spandauer Tagebücher“ (1975), an deren Manuskript der Verleger Wolf Jobst Siedler und der Publizist Joachim C. Fest, von 1973 bis 1993 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, inhaltlich und stilistisch mitwirken.

„Wer sich mit Speer beschäftigt, ist jedoch nicht auf dessen Erzählungen angewiesen“, sagt Schmidt mit Verweis auf eindeutig belegbare geschichtswissenschaftliche Fakten. Im dritten Teil der Ausstellung sitzen die Besucher daher an sogenannten Historiker-Schreibtischen Wissenschaftlern gegenüber, die dem Speer-Mythos auf der Spur sind und in kurzen Statements von ihren Forschungsergebnissen berichten.

Ein enger Mitarbeiter packt aus

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Frage, warum Speers Geschichten so lange bei so vielen Menschen Resonanz fanden. Denn bereitwillig und unkritisch folgten Historiker, Publizisten, aber auch die deutsche Öffentlichkeit der Erinnerungsmanipulation des „guten Nazis“ – nicht zuletzt, weil Speers Legenden und die Beteuerung des „Nichtwissens“ für viele eine Entlastung bot, die sich selbst dem Nationalsozialismus angedient hatten. Die Wende in der Speer-Betrachtung leitete Anfang der 1980er-Jahre der Berliner Historiker Matthias Schmidt ein. Rudolf Wolter, ein enger Mitarbeiter Speers, übergab Schmidt aus Verärgerung darüber, dass Speer sich in der Nachkriegszeit von Hitler distanzierte, Originalunterlagen. Diese belegen, dass Speer von der Judenverfolgung gewusst hatte. Eine bereinigte und somit gefälschte Chronik hatte dieser 1969 an das Bundesarchiv Koblenz übergeben. Speer starb 1981 und erlebte die Veröffentlichung von Schmidts Doktorarbeit „Albert Speer: Das Ende eines Mythos“ nicht mehr mit.

Noch Fragen?

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm mit Vorträgen, Filmen und Führungen sowie spezielle Vermittlungsangebote für Schulen. Mehr dazu unter www.marchivum.de. Regulär geöffnet ist die Ausstellung dienstags, donnerstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr, sowie mittwochs, 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet vier Euro, ermäßigt zwei Euro. Im Marchivum-Shop gibt es einen Ausstellungskatalog.

Der Blick der Wissenschaft auf Speer änderte sich erst in den 1980er-Jahren.
Der Blick der Wissenschaft auf Speer änderte sich erst in den 1980er-Jahren.
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