Endlich Wochenende
Alle im Chor: Die Faszination SV Waldhof
Warum gehen Menschen zu einem Fußballspiel? „Weil sie nicht wissen, wie’s ausgeht.“ Wer das gewusst hat? Sepp Herberger natürlich, der Mann hinter dem Wunder von Bern. Im Mannheimer Carl-Benz-Stadion kommen zu den Heimspielen des SV Waldhof die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Zunächst einmal unterstützen den Verein jede Menge Ultras. Das sind fanatische, aber meist gewaltfreie Fans, die für ihre liebste Wochenendbeschäftigung stundenlang Choreografien einstudieren und gerne mit Pyrotechnik provozieren. Der Rest im Stadion will eigentlich nur eines: ein schönes Spiel und einen Sieg.
Einer von denen ist Lothar. Der lässt es sich in „guten wie in schlechten Zeiten“ nicht nehmen, beim Heimspiel Flagge zu zeigen. Er kämpft sich immer mit dem Auto über die Seckenheimer Landstraße bis zum Carl-Benz-Stadion durch. Die meisten Besucher kommen mit der Straßenbahn nach Neuostheim. Sammelplatz: das Rhein-Neckar-Fußballcenter. Hier wartet immer eine eingeschworene Clique in blau-schwarzen Trikots der „Buwe“ wie Erfolgstrainer Klaus Schlappner seine Jungs in den 80er-Jahren immer gerufen hat. Einer trägt die Nummer 7 von „Bührer“, ein anderer die 5 von „Sebert“. Namen von Helden des Klubs, die zusammen weit über 1000 Mal auf dem Platz gestanden und die Erste Liga aufgemischt haben. Das Tragen ihrer Rückennummern gilt als Zeichen höchster Verehrung. Trikots aus der neuen Kollektion für 65 Euro das Stück sieht man in diesem Kreis seltener.
Frühstücksbrett mit Vereinswappen
Das „Aufwärmbier“ ist schnell getrunken, es dürfen auch mal zwei sein. Es geht in Richtung 13 Uhr. Die Schlange vor dem Haupteingang wird länger. Taschenkontrolle, ein paar Stufen hinauf zum Ticketcheck und dann mal kurz einen Blick in den Fanshop riskieren. Merchandising zählt längst zu den unverzichtbaren Einnahmequellen. Pullis, Hoodies oder Schals in den Vereinsfarben gehen immer. Aber wer braucht schon kurz vor dem Anpfiff eine Bade-Ente mit Ball oder ein Frühstücksbrettchen mit Vereinswappen? „Pro Waldhof“, der offizielle Dachverband aller Fanclubs des Vereins, bietet gerade das preiswerte Sonder-T-Shirt „110 Jahre Otto Siffling“. Wieder so eine Verbeugung vor einem Helden aus glorreichen Zeiten.
Am Seitentor stimmt „Schreppi“, die Betreuerin der sogenannten Einlaufkinder, ihre Meute ein. Seit Jahren sorgt sie „fer umme“ dafür, dass Jugendfußballer aus der Region die Profi-Mannschaften in die Arena begleiten und den Zuschauern zuwinken. Ohne solche Freiwilligen sähe das blau-schwarze Traditionsprotokoll anders aus. Auch Marjan, der am Aufgang zum Tribünenblock Eintrittskarten prüft, zählt sozusagen zum Inventar. Der Senior mit den kecken Hütchen steht seit drei Jahrzehnten im Sommer wie im Winter an seinem festen Platz. Er hat Absturz und Auferstehung des Vereins schon mehrfach hautnah miterlebt.
Toilette eine Art Museum der Ultras
Wer vor Spielbeginn spürt, dass Bier seinen Weg aus dem Körper sucht, dem bleibt der Gang zu einem der stillen Örtchen nicht erspart. Die alten Toiletten sind mit Aufklebern „Rabauken Waldhof“, „Old Dirty Bastards“, „Underground Assis“ oder anderen mehr oder wenigen originellen Namen geschmückt – ein WC quasi als Museum für die Ultraszene. Nur das Urinal, das morgens rasch mit gelber Sanitärflüssigkeit übersprüht wird, riecht bald schon nicht mehr nach Sommerwiese.
Dann endlich: „Blau und schwarz, Hand in Hand“ dröhnt es aus den Stadionlautsprechern und der Kurve. Bald stimmt fast das gesamte Stadion in die Hymne des Sportvereins Waldhof 07 mit ein. Aufstehen ist Ehrensache. Unten auf dem Spielfeld warten die Mannschaften auf den Anpfiff. Noch rasch donnernder Applaus für die gewohnt aufwendige Choreografie. Die ganze Otto-Siffling-Tribüne, das Hoheitsgebiet der Ultras, erstrahlt wieder in den Vereinsfarben. Der Schiri pfeift, der Ball rollt, Nervenkitzel pur für alle, die mit dem Herzen dabei sind. Die ruhmreiche Geschichte des Vereins ist immer spürbar.
Der zwölfte Mann
„Einmal Waldhof, immer Waldhof“ skandieren die Anhänger gebetsmühlenartig. Ihre Energie ist ansteckend und bewundernswert. Denn dem Massenchor mit Vorsänger gehen weder Text noch Puste aus. Nur zur Halbzeit gönnt man sich eine kleine Pause. Die Stimmgewalt der Waldhof-Fans hat schon viele Gegner nervös gemacht. So knapp 8000 kommen zu den Heimspielen im Schnitt. Als „12. Mann“ helfen sie der Mannschaft über schwache Momente hinweg. Nun ist Lothar in seinem Element. Binnen Minuten taucht er ein in den lauten Wochenendspaß der glückseligen Menge, die ihren „Ess – Vau – Wee“ zum Sieg brüllen will. Funktioniert nicht immer, aber immer öfter.
Die Serie
Der Titel „Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist ja schon vergeben. Den für Mannheim zu beanspruchen, wäre wohl auch etwas zu dick aufgetragen. Aber: In der Stadt mit den Quadraten geht einiges. Was das sein kann, wollen wir in der Serie „Endlich Wochenende“ in bunten Geschichten erzählen.