Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Pogo und Bussis: „U need is love“ von Doris Uhlich

Streicheleinheiten führen bei „U need is love“ vom Ensemble Divers zur Verschmelzung der Körper. Rechts unten: die Wiener Choreo
Streicheleinheiten führen bei »U need is love« vom Ensemble Divers zur Verschmelzung der Körper. Rechts unten: die Wiener Choreografin Doris Uhlich, die mit ihren Arbeiten gerne provoziert.

Die international gefeierte Choreografin Doris Uhlich inszeniert mit dem Ensemble Divers in „U need is love“ eine Performance, die unter die Haut geht und nach Liebe sucht.

Küsse, feuchte Schmatzer. Der Klang lebendiger Lippen, so lieblich und sanft wie Vogelgezwitscher – und animierend. Als Zuschauer wird man unmittelbar hineingezogen, wenn die zehn Darsteller in Reih und Glied dastehen, nicht salutieren, aber mit Bussis um sich schießen. Unweigerlich fühlt man sich angesprochen, angeküsst. Die Mundwinkel zucken, man spürt: Der Mensch will Gesten auch erwidern, Verbindungen eingehen.

Doch Doris Uhlich ist noch nicht ganz zufrieden. Die österreichische Choreografin gilt als eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Die Wienerin provoziert auch mal gerne, etwa mit splitternackten Tänzern, die sie in einer Kirche auftreten ließ. Diesmal geht der Reiz eher unter die Haut – und trifft die Sinne. Wenn sich auf der Bühne im EinTanzHaus viele Körper streicheln und wieder abstoßen und der Mensch einmal auf das reduziert wird, was er im Kern ist: ein Kontakt suchendes Wesen. Dann hat das etwas Archaisches und Fundamentales, wie eine Warnung, die auch durch den kopflastigen Zuschauerkörper schießt.

„Ich will es intensiver, ich brauche eure Zähheit. Jetzt geht’s raus aus dem Schneckenhaus der Isolation, hinein in eine andere Sehnsucht!“, sagt Uhlich bei einer Probe. Nach einer Streicheleinheit an Umarmungen, wie einem Michelangelo-Gemälde entsprungen, schnappen plötzlich alle Darsteller mit ihren Händen zu, umschlingen den anderen wie bei einer Kuscheltherapie, stupsen sich, durchschreiten als Individuen den Raum und ernähren sich von Berührungen wie eine hungrige Fleischpflanze. „Du willst alle flatschen!“, ruft Uhlich.

Aus Anziehung wird Abwehr, aus Angriff plötzlich Verteidigung, aus Einsamkeit ein Schrei nach Liebe. Ein Menschenknäuel zerspringt plötzlich in Einzelteile, wie Moleküle schwirren die Darsteller zu neuen Verbindungen bereit durch den Raum. Auf Ausdruckstanz folgt wildes Pogo, eine Bildsituation ersetzt in der kurzweilig-erfrischenden Inszenierung die nächste. „Des hot mer g’follen“, sagt Uhlich in ihrem Wiener Schmäh.

Die international gefeierte Choreografin ist nicht das erste Mal in Mannheim. 2009 entwickelte sie für die Schillertage das feministische Heldinnenepos „Johannen. Eine Frauenmannschaft“. Seitdem hält die 47-Jährige Kontakt zu den Zeitraumexit-Gründerinnen Gabriele Oßwald und Wolfgang Sautermeister. „Wir haben bei manchen ihrer Stücke mitgewirkt“, verrät Oßwald. Das Trio aber eint noch etwas: die Leidenschaft, die Bühne für Menschen mit körperlicher Behinderung zu öffnen.

Nicht nur Kopf, auch Körper

Seit 2015 kooperiert das Zeitraumexit mit der Lebenshilfe Bad Dürkheim; 2023 wurde das Ensemble Divers gegründet, eine Zusammenarbeit aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Michael Black etwa arbeitet sonst als Chemiker bei der Südpfalz, Johannes Instinsky bei der Telefonzentrale der Lebenshilfe. Die Liebe – das ist für ihn auch die Liebe zur Welt, zum Leben, zu sich selbst. „Ich traue mir immer mehr zu, ich bin selbstständiger geworden und fahre sehr gerne Zug“, sagt er.

Sören Tjarks liebt seine Mutter, seine Schwester und andere besondere Menschen. „Ich bin froh, dass ich Onkel sein darf“, erklärt er. Am Schauspiel liebt er die Verbindung zu anderen. Im Stück kommen sich die Darsteller sehr nahe, es ist körperbetont und sinnlich, mehr Tanz als Schauspiel. „Aber es geht gar nicht um die erotische oder romantische Liebe. Es geht um Akzeptanz. Das Annehmen von Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit ist die Basis für menschliches Zusammenleben“, findet Oßwald. Der titelgebenden Beatles-Song „All You Need Is Love“ stehe für zeitlose, menschliche Fähigkeiten wie Mitleid, Nächstenliebe, Güte, Milde, Toleranz und Hilfsbereitschaft.

Mit Mareike Buchmann und Ricarda Walter kamen für die Performance professionelle Tänzerinnen hinzu. Als Gruppe setzte man sich gemeinsam mit der Liebe in all ihren Formen auseinander. „Wir sind als Wesen angewiesen auf dieses Gefühl“, sagt die frühere Leiterin des Zeitraumexit. Den ganzen Debatten um Krieg und gesellschaftlichen Schieflagen wolle man mal etwas Wesentliches entgegensetzen. „Der Mensch ist nicht nur Kopf, sondern auch Körper“, sagt Oßwald. Und schließlich auch Herz und Seele.

Termin

Die Tanzperformance „U need is love“ vom Ensemble Divers und Doris Uhlich feiert am Freitag, 28. November, um 20 Uhr im EinTanzHaus (G4 in Mannheim) Premiere. Am Samstag, 29. November, gibt es um 20 Uhr eine Aufführung mit Audiodeskription, ab 19 Uhr eine Tast- und Hörführung. Weitere Infos unter www.eintanzhaus.de

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