LudwigshafenZwischen Kult und Kontrolle: Warum Barbershops ins Visier der Behörden geraten
Lässig und maskulin: Eine gute Frisur gehört bei vielen jungen Männern zum Lifestyle.
Es sind Wohlfühlzonen für Männer, die sich vielerorts etabliert haben. Barbershops liegen nicht nur in Ludwigshafen voll im Trend. Doch unter ihnen sind schwarze Schafe.
Der klassische Herrenfriseur schien vor 20 Jahren noch ein Auslaufmodell zu sein. Doch er hat ein Comeback erlebt – und zwar in Form von Barbershops. An vielen Orten prägen sie das Bild in der Innenstadt. Das ist in Ludwigshafen nicht anders. Die Läden haben sich als Wohlfühlzonen für Männer längst etabliert und sind zu einer starken Konkurrenz für klassische Friseursalons geworden. Das ist die eine Seite, die andere: Barbershops bewegen sich nicht selten in rechtlichen Grauzonen.
„Barbershops schießen wie Pilze aus dem Boden. Viele Männer gehen da rein, weil es günstig ist. Die Preise beginnen oft bei zwölf Euro“, sagt Jochen Heck, Hauptgeschäftsführer der Friseur-Innung Vorderpfalz mit Sitz in Ludwigshafen. Solche Preis seien eigentlich nicht zu halten, meint er. Die rechtliche Einordnung vieler Barbershops sei zudem oft unklar. Heck erklärt, dass für eine reine Bartpflege keine Meisterqualifikation nötig sei. Klassische Friseurdienstleistungen wie Haarschnitte oder chemische Behandlungen unterliegen dagegen dem zulassungspflichtigen Friseurhandwerk. Um das anbieten zu dürfen, muss entweder der Inhaber oder ein angestellter Betriebsleiter mit Meisterbrief vor Ort sein.
Barbershop ohne Meister
Diese Vorschrift wurde einem Betrieb in der Ludwigshafen City vor wenigen Tagen zum Verhängnis. Die Gewerbeaufsicht der Stadt hat am 5. Februar die Räume und Zugänge eines Barbershops in der Ludwigshafener Innenstadt versiegelt. Kontrolleure trafen an diesem Tag einen Mann in dem Laden an, der einem Kunden die Haare schnitt. Einen Meisterbrief hatte er laut Stadt nicht, der Inhaber war nicht zugegen. Der Barbershop soll erst seit wenigen Tagen geöffnet gewesen sein. Und schon ist er wieder zu. Noch nicht einmal eine Gewerbeanmeldung soll vorgelegen haben. Laut Stadt ist das eine Ordnungswidrigkeit – es droht ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro.
Welche ist bloß die richtige Schere: In klassischen Friseursalons ist mehr als ein Rasierer mit Aufsätzen gefragt.
Der Betrieb hätte wie jeder andere Friseursalon auch in der sogenannten Handwerksrolle eingetragen sein müssen. In Ludwigshafen haben das nach Angaben der Handwerkskammer der Pfalz und der Stadt knapp 150 Friseursalons getan. Zum Vergleich: In Frankenthal sind es 46, in Speyer 48.
Wieviele Barbershops darunter sind, konnte eine Sprecherin nicht sagen, weil diese in den Statistiken nicht separat geführt würden. Auch die Stadt kann hierzu keine Zahlen nennen. Ein Sprecher teilte auf RHEINPFALZ-Anfrage mit: „Vom subjektiven Empfinden her mag die Anzahl der sogenannten Barbershops sprunghaft zugenommen haben. Allerdings gibt die Auswertungen des Gewerberegisters hierzu keine Gewissheit, da die Barbershops dort als Friseurgewerbe erfasst sind und daher keine zahlenmäßig ausschließliche Auswertung möglich ist.“ Ein Blick in die Akten liefert aber eine andere Zahl: Im noch jungen Jahr 2026 seien in Ludwigshafen bisher zwei Barbershops von den Behörden dichtgemacht worden.
Spezialeinheit des Zolls im Einsatz
Nicht nur die Städte haben einen Blick auf das Gewerbe. Barbershops stehen seit dem Jahreswechsel unter besonderer Beobachtung der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) – wie etwa das Bau- oder Gaststättengewerbe, wo traditionell auch viel kontrolliert wird. Die FKS ist eine Spezialeinheit des Zolls und spielt eine zentrale Rolle im Kampf gegen illegale Beschäftigung und Sozialleistungsbetrug in Deutschland. Die Barbierläden werden in der Statistik der FKS unter den Branchen Friseur- sowie Kosmetik- und Nägelsalons erfasst. Die Anzahl der Beanstandungen und eingeleiteten Ermittlungsverfahren sind hier vergleichsweise hoch, wie eine Sprecherin des Zolls mitteilte.
Häufig würden dort Arbeitskräfte bei Kontrollen angeben, nur „zu Besuch“ oder als „Praktikant“, „Schnupperarbeitskraft“ oder als „Probearbeiter“ den ersten Tag im Betrieb tätig zu sein. Selbst bei zweifelsfrei arbeitenden Personen würden sich regelmäßig Schwierigkeiten bei der Identifikation und der Anmeldung zur Sozialversicherung ergeben. Auch weil in diesen Läden häufig mit Bargeld bezahlt wird, sehen Ermittler ein erhöhtes Risiko für nicht angemeldete Beschäftigung oder Steuerhinterziehung.
Stilikonen als Vorbild
Stilikone David Beckham hat sicher nicht wenige junge Männer zur Bartpflege motiviert.
Das Geschäftsmodell trifft aber ungeachtet schwarzer Schafe den Zeitgeist. Der moderne Mann investiert wieder stärker in sein Äußeres. Bartpflege ist längst kein Nischenthema mehr, sondern Lifestyle. Prominente wie der ehemalige Fußballer und Stilikone David Beckham oder der erfolgreiche kanadische Rapper Drake haben den gepflegten Vollbart salonfähig gemacht. Social Media verstärkt diesen Trend: Auf Plattformen wie Instagram kursieren Millionen Bilder von exakt getrimmten Bärten. Und die stehen bei vielen jungen Männern für maskuline Lässigkeit.
Ein weiterer Faktor ist die Migrationsgeschichte vieler Barbershops. In deutschen Großstädten werden sie häufig von Unternehmern mit Wurzeln in der Türkei, dem Nahen Osten oder dem Balkan betrieben. Sie bringen Rasurtraditionen mit, die dort seit Jahrzehnten gepflegt werden. Der Barbershop wird so auch zu einem Ort kultureller Begegnung, wo über Fußball, Politik oder die neuesten Trends diskutiert wird.
Obermeisterin: „Ungleicher Wettbewerb“
Corinna Stock, Inhaberin eines Friseurladens in Frankenthal, verfolgt diese Entwicklung skeptisch. „Durch die Dumping-Preise entstehen ungleiche Wettbewerbsbedingungen“, kritisiert die Obermeisterin der Friseur-Innung Vorderpfalz. Wer ausbilde, Meister beschäftigte und Abgaben korrekt entrichte, könne mit solchen Niedrigpreiskonzepten nur schwer mithalten. Die Bezahlung sei im Vergleich zu anderen Meisterberufen ohnehin schlecht, was junge Leute abschrecke. Darüber hinaus moniert sie, dass nicht selten Standards bei der Hygiene nicht eingehalten würden. Das Spannungsverhältnis zwischen Trend und Regulierung dürfte das Friseur-Handwerk weiterhin prägen.