Mannheim
„Zuschauer sind verunsichert“: Intendant Holtzhauer zum Start der Schillertage
Herr Holtzhauer, freuen Sie sich auf die Schillertage?
Ja, ich freue mich. Aber es fühlt sich sehr anders an als vor zwei Jahren, da bis zum letzten Moment sehr viel zu tun sein wird. Die Feinplanung wird uns bis zum Start beschäftigen.
Was daran liegt, dass das Festival eigentlich rein digital stattfinden sollte und nun doch Live-Aufführungen möglich sind?
Die äußeren Parameter haben sich in den vergangenen Wochen immer wieder verschoben. Zuerst hieß es gar keine Zuschauer, dann draußen bis zu 100, dann auch drinnen bis 100 und schließlich draußen sogar bis 750. Wir belassen es trotzdem bei maximal 100, weil wir Abstandsregeln einhalten müssen und ein Sicherheitskonzept entwickelt haben, das wir nicht beliebig umwerfen können. Das ist schon Stress, aber wir profitieren ja auch davon.
Sie haben nicht darüber nachgedacht, zu sagen: Wir haben jetzt fürs Internet geplant und belassen es dabei?
Nein. Wenn Live-Veranstaltungen möglich sind, müssen wir Live-Veranstaltungen anbieten. Natürlich haben wir im Vorfeld alle Optionen geprüft: eine komplette Absage, eine Verschiebung in den Herbst. Aber jetzt bin ich froh, dass wir zu den Ersten gehören, die wieder Live-Kultur nach Mannheim bringen. Als öffentliches Theater sehe ich uns geradezu in der Pflicht, das zu tun. Es werden schließlich auch erst einmal die letzten Schillertage in und vor dem Haus sein, bevor es generalsaniert wird.
Eine der Säulen der Schillertage war neben den experimentellen Formaten, dem Blick ins Ausland und den Partys immer, dass den Zuschauerinnen und Zuschauern in Mannheim Gastspiele großer Häuser präsentiert wurden, die sie sonst größtenteils nicht gesehen hätten. Nun zeigen Sie drei Streams aus Hamburg, Berlin und Weimar, die nicht im Mannheimer Theater gefilmt werden. „Maria Stuart“ vom Deutschen Theater Berlin steht kostenlos in der Mediathek von 3Sat zur Verfügung. Haben Sie keinen Zweifel an diesem Konzept?
Natürlich haben wir uns lange mit der Frage beschäftigt, ob wir abgefilmtes Theater anbieten sollen. Aber wir wollten die Aufführungen ja live zeigen, weil sie exemplarisch für die Auseinandersetzung mit Schiller sind. Von daher ist es richtig, sie zu streamen. Und die meisten Projekte sind ja exklusiv für uns entwickelt worden.
Welche?
Unsere Eigenproduktionen „Jungfrau von Orleans“ oder die Uraufführung „Wounds Are Forever“ von Sivan Ben Yishai. Oder die Koproduktionen mit Häusern der freien Szene: „Niemandsland“ im Eintanzhaus, „Made of Mannheim“ im Theaterhaus G7 und „Knochenarbeit“ bei Zeitraum-Exit. Diese Aufführungen sind als echte Kooperationen auf Augenhöhe entstanden. Die internationalen Gastspiele, die wir streamen, sind mir besonders wichtig. Es sind fast alles Ur- und deutsche Erstaufführungen. Schiller wird ja im Ausland fast kaum noch gespielt. Also haben wir Arbeiten gesucht, die sich inhaltlich zu Schiller ins Verhältnis setzen lassen. Da gibt es viel zu entdecken.
Warum fehlt es Schiller im Ausland an Rezeption?
Vielleicht, weil er neben Heinrich von Kleist der deutscheste aller Theaterdichter ist. Seine Stärke ist seine Sprache, und die lässt sich eben nicht so einfach übersetzen. In Deutschland gehört Schiller zum kulturellen Erbe. Mit seiner Idee von der„Schaubühne als moralische Anstalt“ prägt er unser Theaterverständnis bis heute – im Positiven wie im Negativen.
Für mich liest sich das Programm der Schillertage als Antwort auf den Vorwurf, das deutsche Stadttheater sei ein weißer, männlicher und elitärer Ort. Es gibt Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus Indien und Afrika, es gibt Arbeiten zur weiblichen Selbstbestimmung, zu sexueller Gewalt.
Ich bin davon überzeugt, dass in einer derart vielfältigen Gesellschaft wie in Mannheim auch das Theater divers, vielschichtig und multiperspektivisch sein muss. Seit Beginn meiner Intendanz haben wir festgelegt, dass mindestens die Hälfte aller Inszenierungen von Frauen stammen muss. Das ist in Deutschland noch immer die Ausnahme, abereigentlich gar kein Problem. Es gibt genügend Künstlerinnen, die etwas zu sagen haben. Die meisten unserer Autoren haben eine familiäre Migrationsgeschichte, einige der Regisseure ebenfalls, und auch unser Ensemble ist diverser als früher.
Bedeutet das auch ein diverseres Publikum?
Nicht automatisch. Das sind längere Prozesse. Mit der Produktion „Istanbul“ haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen erreichen, die uns bisher noch nicht auf ihrer inneren Landkarte hatten. Das funktioniert aber nur, wenn wir ein Thema aufgreifen, das die Menschen aufgrund ihrer eigenen Biografie auch erreicht. Durch die mehr als ein Jahr dauernde Corona-Pause wurden wir allerdings in vielen Bemühungen zurückgeworfen.
Wie sind denn die Reaktionen aus dem Publikum – eher „Wir haben euch vermisst“ oder eher „Es ging auch ganz gut ohne Theater“?
Als wir bekannt gegeben haben, dass wir wieder spielen, sind uns die Tickets nicht gerade aus den Händen gerissen worden. Ich schiebe das auf eine allgemeine Erschöpfung. Im ersten Lockdown habe ich das „Wir vermissen euch“ viel häufiger gehört. Nach dem zweiten Lockdown sind die Zuschauer viel stärker verunsichert. Manche fühlen sich bei einem Besuch vielleicht noch etwas unwohl, andere haben keine Lust, sich jedes Mal testen zu lassen. Wir müssen jetzt erstmal in Vorleistung gehen und überhaupt wieder etwas anbieten. Dann werden die Leute schon kommen. Ich bin sicher, dass wir in naher Zukunft einen regelrechten Boom bei Live-Veranstaltungen erleben werden.
Würden Sie uns noch einen Einblick in Ihre kuratorische Arbeit geben? Die lief vermutlich ganz anders ab als sonst?
Normalerweise versuche ich alle Produktionen live zu sehen, die zu uns kommen, und die eingeladenen Künstler persönlich kennenzulernen. Seit eineinhalb Jahren gibt es keine Festivals, überall waren die Theater geschlossen, ins Ausland konnte ich auch nicht reisen. Bei der Sichtung von Videos bekommt man keinen Eindruck, wie das Publikum reagiert. Das macht die Auswahl schwerer. Andererseits habe ich meine Netzwerke aus früheren Jahren als Festivalleiter aktiviert und eine intensive Phase der Kommunikation erlebt.
Vor zwei Jahren hieß das Festivalmotto „Fieber“. Geradezu prophetisch …
(Lacht.)
Im Netz
www.schillertage.de