Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Zum 90. Geburtstag: Ausstellung von Gerd Reutter im Herschelbad

„Kein Ausweg“ ist 2020 entstanden und eines der letzten von Hunderten Kunstwerken, die Gerd Reutter in 30 Jahren geschaffen hat.
»Kein Ausweg« ist 2020 entstanden und eines der letzten von Hunderten Kunstwerken, die Gerd Reutter in 30 Jahren geschaffen hat.

Der Mannheimer Verein Industrietempel ist bekannt für Kunstaktionen an besonderen Orten. Eines seiner Gründungsmitglieder, der Bildhauer Gerd Reutter, feiert am 14. Juli seinen 90. Geburtstag. Er wird mit einer Ausstellung an einem Mannheimer Ort gewürdigt, der eine ganz besondere Ausstrahlung hat.

Die Frage, wann die Kunst in sein Leben kam: Eigentlich ist sie ganz falsch gestellt. Denn die Kunst, da ist sich Gerd Reutter sicher, die war nie weg. Die spielte immer eine Rolle. Schon in seiner Familiengeschichte: Sein Onkel, der nie kennengelernte Bruder seiner Mutter, war der brasilianische Maler Oscar Boeira. Sein eigener großer Bruder Paul, heute 94, besuchte in Nürnberg die Kunstakademie und wurde Maler. Und vielleicht, wenn man daran glaubt, war es auch Schicksal, dass Gerd Reutter seine Ehefrau Marianne ausgerechnet bei einer Fahrt ins Museum kennenlernte. Der Mannheimer Kunstverein hatte sie organisiert, 1954, Ziel war eine Ausstellung in Wiesbaden, die die Büste der Nofretete zeigte. Wenige Jahre später ist sie nach Berlin zurückgekehrt.

Der Spätberufene

„Kunst hat mich immer interessiert“, sagt Reutter. Bis er selbst mit der bildhauerischen Arbeit begann, sollte es aber bis nach seinem 60. Geburtstag dauern. Geboren 1931 in Rastatt als Sohn eines deutschen Vaters und einer brasilianischen Mutter, wuchsen Gerd Reutter und seine beiden Geschwister in der fränkischen Kleinstadt Neustadt an der Aisch auf. 1945 war er 14 Jahre alt, verließ das Gymnasium und absolvierte drei Jahre lang eine Malerlehre. Von da aus ging es ins schwäbische Kirchheim/Teck, mit dem Fahrrad in die Schweiz und nach Paris. Bei einem Zwischenstopp in Mannheim 1953 fiel ihm auf, wie kaputt die Stadt war. „Hier gibt es Arbeit“, dachte er und blieb und fand Arbeit bei einem kleinen Malerbetrieb. Die Zwiebeltürmchen der Jesuitenkirche wetterfest gestrichen zu haben – man kann das vielleicht als seine erste künstlerische Arbeit begreifen.

Kunstbegeisterte Familie

In den nächsten drei Jahrzehnten widmeten Marianne und Gerd Reutter ihre Energie allerdings erst einmal der Familie – sie wurden Eltern von drei Söhnen – und dem Betrieb von zwei Lebensmittelgeschäften in der Seckenheimer Straße unweit ihres eigenen Hauses. Um 5 Uhr aufstehen, um 6 Uhr im Laden sein – so ging das 30 Jahre lang. Die Kunst fand in der Freizeit statt. „Wir haben jede Ausstellung in der Kunsthalle besucht und gehen seit 60 Jahren ins Nationaltheater“, erzählt Gerd Reutter. „Und zu jedem Hochzeitstag haben wir Reisen unternommen und viele europäische Museen gesehen.“

Der Impuls, selbst bildhauerisch aktiv zu werden, kam aber erst 1991, als er in den Ruhestand ging. Schon zwei Jahre vorher hatte das Ehepaar Reutter zusammen mit dem Sohn Thomas und einigen Mitstreitern den Verein Industrietempel gegründet, der seitdem kontinuierlich mit ungewöhnlichen, spannenden und schrägen Kunstaktionen an besonderen Orten in Mannheim und Umgebung von sich reden macht. „Mein Sohn und ich hatten damals an der Volkshochschule einen Computerkurs besucht“, erinnert sich Reutter an diese Zeit. „Ich blätterte das Programm durch und bin bei Keramik hängengeblieben.“ Dieser Moment gab praktisch den Startschuss für Gerd Reutters Leben als Künstler: Er belegte einen Kurs in nichtfigürlicher Keramik beim Darmstadter Bildhauer Klaus Lehmann und fuhr fortan die nächsten drei, vier Jahre lang jeden Mittwoch mit dem Fahrrad nach Neckarau, um immer besser zu werden und seinen eigenen Stil zu finden.

Arbeiten der ersten Jahre, darunter viele überdimensional große Ton- und Bronzeskulpturen, waren schon 1994 in einer Ausstellung in einem historischen Gewölbekeller in den B-Quadraten zu sehen. Damals lernte er den jungen SPD-Politiker Peter Kurz kennen. Der heutige Oberbürgermeister der Stadt Mannheim hat zugesagt, bei der Ausstellungseröffnung am 19. Juni im Herschelbad zu sprechen. Johan Holten, der Direktor der Kunsthalle, soll die Einführung halten. Deren langjähriger stellvertretende Direktor und Kurator Jochen Kronjäger ist es, den Reutter als seinen „Mentor“ bezeichnet und der ihm schon bei einem ersten Besuch vor fast 30 Jahren bescheinigte: „Das ist gut, was Sie da machen.“

Monumentales und Filigranes

Seitdem ist vieles entstanden: kleine und große, monumentale und filigrane Skulpturen, die sich mit allen möglichen Aspekten der menschlichen Existenz befassen. Eine der letzten Arbeiten, 2020 aus Ton und Stahl geschaffen, heißt „Kein Ausweg“. Er werde wahrscheinlich nicht mehr bildhauerisch arbeiten, und die Ausstellung werde vermutlich seine letzte sein, sagt Reutter. Die Kunst aber, die immer in seinem Leben war, die wird ihn weiter umgeben: Das Erdgeschoss ihres Hauses, das früher eine Gaststätte beherbergte und noch davor den Milchladen von den Großeltern seiner Frau, hat er zu seinem Ausstellungsraum gemacht. Und hier finden auch die Versammlungen des Vereins Industrietempel statt, dessen Vorsitzender sein Sohn ist, der Fernsehjournalist Thomas Reutter. Dass dessen Sohn wiederum, Gerd Reutters Enkel Leander, dem Großvater als verfrühtes Geburtstagsgeschenk ein sehr gelungenes Ausstellungsplakat gestaltet hat – das rührt den 89-Jährigen fast zu Tränen. In dieser Familie, das spürt man, steht man sich in guten und in schweren Zeiten sehr nahe. Zurück noch einmal zu jener Busfahrt nach Wiesbaden, mit der 1954 alles begann: Als Marianne und Gerd Reutter vor wenigen Jahren ihre Diamantene Hochzeit feierten, schenkten ihnen ihre Kinder und Enkel eine Reise nach Berlin – zu Nofretete.

Termin

Die Ausstellung „Zeichen der Zeit“ mit Skulpturen von Gerd Reutter soll vom 19. Juni bis zum 17. Juli immer von 16 bis 20 Uhr im Mannheimer Herschelbad zu sehen sein. Die Vernissage ist für Samstag, 19. Juni, 17 Uhr, geplant.

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